Clowns (3) Innere Clowns und Clowninnen

13 07 2011

SENDUNG: Radiokolleg „Clowngeschichten. Vom Hofnarren zur rebellischen Clown Army“ (3), Mittwoch, 13. Juli 2011, 9:30 Uhr und 22:40 Uhr (WH), Ö1

Wer Clown werden will, der muss sich zunächst einmal auf die Suche nach seinem inneren Clown machen. Denn laut Clown-Theorie trägt den jeder Mensch in sich – manchmal eben ein wenig tiefer versteckt. Der innere Clown ist jener Teil der Persönlichkeit, der mit kindlich naiver Freude Dinge erkundet und Dinge tut, ohne die geringste Sorge, sich damit lächerlich zu machen. Im Zuge des Erwachsenwerdens geht diese Unbeschwertheit meist verloren. Clown-Trainerin Eva Müllner und Clown Galli haben ihre eigenen Methoden, aus Menschen ihre jeweilige Clown-Persönlichkeit herauszukitzeln.

Clown-Workshop für politische AktivistInnen

Anfang Juni hatten das globalisierungskritische Netzwerk ATTAC, die Umweltschutzorganisation Greenpeace und die entwicklungspolitische NGO Südwind in das niederösterreichische Eggenburg geladen: Zur Aktionsakademie für politische Aktivisten und solche, die es noch werden wollen. Am Programm standen drei Tage lang Workshops zu Themen wie: Fundraising, gewaltfreier ziviler Ungehorsam, Argumentationstraining gegen Stammtischparolen. Und auch: ein Clownworkshop.

Das Absurde deutlich machen
Clowneske Elemente könnten auch politischen Aktivisten neue Blickwinkel eröffnen, sagt Clown-Trainerin Eva Müllner: „Ich glaube, dass es auch bei politischen Aktionen nötig sein kann, Grenzen zu überschreiten und Dinge zu tun, die andere Leute nicht erwarten.“ Clowns versuchen auch in schwierigen Situationen, die Komik zu sehen und das Absurde aufzudecken. Wer nur mit Kampf und Aggression Dinge verändern will, hat es oft schwerer, glaubt Eva Müllner.

Sie selbst ist über den Tanz zur Clownerie gekommen. Während ihres Tanzpädagogik-Studiums stellte sie fest, dass strenge und exakte Choreographien eigentlich doch nicht das Ihre sind. „Sie sind mehr wie ein Clown, als eine Tänzerin“ hat einmal eine Professorin zu ihr gesagt. Das nahm sich Eva Müllner zu Herzen. Heute steht sie als Clownin Pipolina auf der Theaterbühne, geht als RoteNasen Clowndoktorin Edeltraud in Krankenhäuser und ist Direktorin von Valentinas Zauberzirkus – einer Zirkusschule für Kinder.

Die Geburt eines Clowns
Im Workshop geht es unter anderem darum, dass jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin eine eigene Clown-Persönlichkeit entwickelt. „Die Geburt eines Clowns“ nennt sich eine der Übungen. Dabei kommen zwei Clown-Seelen von einem fernen Planeten auf die Erde und bekommen Körper, erklärt Trainerin Müllner. Zum ersten Mal bekommen die neuen Clowns die rote Nase aufgesetzt und entdecken diese neue Welt, die sie umgibt. Die anderen Workshopteilnehmer stellen Fragen: wie bist du hierher gekommen? Wie schaut deine Frau aus? Wie heißen bei euch die Monate des Jahres?

Die beiden neu geborenen Clowns dürfen dabei nur auf Tschibarisch antworten – einer künstlichen Clownsprache. Die anderen Workshopteilnehmer geben hinterher Feedback, welche Eigenheiten ihnen an den neu geborenen Clowns aufgefallen sind: Manche sind eher grantig, andere fröhlich, manche dumm, andere schlau. Manche Clowns machen riesengroße Bewegungen, andere sind reduziert in ihrer Körpersprache.

Tanz den dummen August!
Der deutsche Clown Johannes Galli hat eine eigene Tanzmedidation für Clowns entwickelt. Sie soll helfen, die eigene Clown-Persönlichkeit zu schärfen. Und diese Übung praktiziert er auch ganz gerne allein zuhause, erzählt er: da legt er die eigens dafür komponierte Clown-Musik auf und stellt tänzerisch und pantomimisch verschiedene Clowntypen dar. Zum Beispiel den dummen August, einen besonders dummen Clown. „Der versteht gar nix“, erklärt Galli, „der ist vollständig daneben und den kann man immer reinlegen.“

Ganz anders ist da Till Eulenspiegel – eine ausgefuchste Narrengestalt aus der Literatur des deutschen Spätmittelalters. Er trägt meist eine bunte Narrenkappe mit Eselsohren und Schellen. Till Eulenspiegel ist ein sehr aggressiver Clown, der selbst gerne andere reinlegt. Er scheut auch nicht davor zurück, Blinde und Behinderte auszutricksen. Viel sanfter ist da der edle, schöne, aber traurige Pierrot. Ein französischer Clown mit weißem Gesicht und weißen wallenden Gewändern. „Der ist immer unglücklich verliebt“, sagt Johannes Galli, „aber es gelingt ihm unter keinen Umständen, an seine Geliebte heranzukommen, weil er immer wieder im entscheidenden Moment Fehler macht.“

All diese clownesken Archetypen sind männliche Figuren. Das sei kein Zufall, glaubt Johannes Galli, denn der Clown spiegle die Autorität. Der Hofnarr ist quasi ein lächerlich verzerrtes Spiegelbild des Herrschers und solange die Macht in der Gesellschaft männlich dominiert ist, sind auch Clowns männlich. „Wenn wir in einer weiblich dominierten Gesellschaft leben würden, dann wäre die Clownin vermutlich eine Big Fat Mama. Und ich vermute, die wäre dann nicht durch eine rote Nase als Clownin erkennbar, sondern durch einen großen roten Mund“. Die rote Nase ist für Johannes Galli ein Phallussymbol – allerdings für einen gescheiterten Phallus.

Clownin oder Transvestit?
Mittlerweile dringen Frauen sowohl in die Sphären der Obrigkeit vor, wie auch in die Welt der Clowns. Die erste bekannte Clownfrau war Annie Fratellini, sie wurde 1932 in Algier geboren, entstammte einer berühmten Artistenfamilie und arbeitete großteils in Frankreich, wo sie 1997 verstarb. Für Annie Fratellini waren Clowns geschlechtslose Wesen. Die US-amerikanische Clownin Hilary Chaplain sieht das anders: „Die Menschen, die als Clowns arbeiten, haben ja ein Geschlecht – auch wenn manche vielleicht eher neutral rüberkommen. Aber ich finde es sehr spannend, wenn Männer mit ihrer Männlichkeit arbeiten und Frauen mit ihrer Weiblichkeit. Wenn du das Geschlecht ausklammerst, dann leugnest du einen Teil von dem, was du bist. In der Clownerie geht es um Wahrheit: um deine persönlichen Erfahrungen in der Welt und darum, wer du wirklich bist. Vielleicht eine maskuline Frau oder ein femininer Mann. Egal. Wie auch immer du bist, so ist auch dein Clown.“

Hilary Chaplain begann in den 1980ern als Clownin zu arbeiten. Damals gab es fast überhaupt keine weiblichen Clowns, erzählt sie. Doch in den letzten 10 Jahren hätten diese stark aufgeholt. Heute gibt es bereits drei internationale Clownfrauen-Festivals: in Andorra, in Rio de Janeiro und seit 2006 auch eines in Wien. Und das brachte in den vergangenen Jahren zahlreiche Clownfrauen aus aller Welt hierher. Zum Beispiel die Gruppe „As Marias da Graça“ aus Brasilien – zu Deutsch: die Marien voll der Gnade.

Die vier Frauen hatten sich 1991 im Rahmen eines Workshops kennengelernt und performen seither gemeinsam. Meistens auf den Straßen von Rio de Janeiro. Und das sei damals in den frühen 1990ern gar nicht so einfach gewesen, erzählt Clownin Geni Viegas: „Für das Publikum war das etwas komplett Neues. Am Anfang hielten sie mich einmal für einen Transvestiten. Und ich sagte: nein, ich bin eine Clownin! Ich wollte zeigen, dass ich eine Frau bin. Es gab schon viel Widerstand gegen uns. Einige Männer riefen: Geht nach Hause Essen kochen und Wäsche waschen! Und lauter solche Sachen.“

Weder Prinzessin, noch Heilige
Andere wollten den Clowninnen die roten Nasen wegnehmen, erzählen die vier Marias: Ihr seid doch so hübsch, warum setzt ihr so alberne Nasen auf, hieß es. Auch die männlichen Straßen-Clowns wollten nichts wissen von der weiblichen Konkurrenz. Aber die Marias da Graca haben ihr Territorium abgesteckt, betonen sie. 2003 gründeten sie einen Verein für Clowninnen und seit 2005 veranstalten sie das Clowninnen-Festival „Esse Monte de Mulher Palhaça“ – zu Deutsch: ein Haufen Clownfrauen.

„Die brasilianische Frau muss immer perfekt sein“, sagt Clownin Carla Conká, „beim Mann ist das anderes. Er geht arbeiten und hat das Recht, Fehler zu machen. Sie bleibt zuhause und hat dieses Recht nicht. Wenn er nach Hause kommt, muss das Haus aufgeräumt sein, die Wäsche gemacht und das Essen muss gut schmecken. Außerdem sollte sie immer hübsch aussehen. Wenn jetzt aber die Clownin ins Spiel kommt, ist alles anders: Sie wird das Essen anbrennen lassen, die Wäsche auch, nichts wird aufgeräumt sein, alles wird schief gehen. Als Clowninnen können wir die Geschlechterrollen verändern. Dann dürfen wir Fehler machen und etwas anderes sein als immer nur Prinzessinnen und Heilige.“ As Marias da Graca veranstalten auch Clown-Workshops speziell für Unternehmerinnen und andere gestresste Frauen. Dort dürfen diese nach Herzenslust scheitern und Fehler machen.

Clowninnen in Militär-Uniformen
„Guns and Noses. Clowns im Krieg“ nennt sich das bekannteste Stück der Clownfrauentruppe Igrarama aus Israel. Die Clowninnen tragen auf der Bühne Armee-Uniformen und rote Nasen. Eine Uniform zu tragen, sei für sie nichts Ungewöhnlich, erzählen die Clowninnen von Igrarama, schließlich muss in Israel jeder zum Militär, egal ob Bursch oder Mädchen. Umso ungewohnter war die rote Nase. Auch für das israelische Publikum, denn clowneskes Theater habe dort kaum Tradition, sagt Clownin Maayan Winstok:

Es gibt viele Bühnenstücke in Israel, die die Armee kritisieren und die Politik. Doch meist passiert das mit erhobenem Zeigefinger. Nein nein nein, dies darfst du nicht und das darf nicht sein, so darf man nicht denken. Der Clown hat da ganz andere Möglichkeiten. Wir erforschen und entdecken alles neu, mit ganz naivem Blick. Und dann nehmen das die Leute auch besser an. Sie bleiben und hören zu. Unsere Kritik kommt nicht mit dem Holzhammer von wegen: ihr seid alle schlecht und die Armee ist auch schlecht.

Die vier Frauen von Igrarama haben sich 2006 auf der Schauspielschule in Paris kennengelernt und sind vermutlich die ersten Clowninnen Israels. Weibliche Role Models gab es für sie nicht, als ihr größtes Vorbild betrachten sie Charly Chaplin, sagt Maayan Winstok: „Das schöne an der Figur des Clowns ist: Er gibt dir einen sehr philosophischen Blick auf die Welt. Er bohrt ganz tief in eine Sache hinein und dann kommt das Absurde an die Oberfläche. Und das wollen wir sagen mit unserem Stück: der Krieg ist absurd.“

Mehr Clowngeschichten:

Teil 1: Hofnarren und Hanswürste

Teil 2: Vom Lachen, Scheitern und Heilen

Teil 4: Globalisierungskritik mit roter Nase

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24 10 2013

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