Tropicalismo & MPB (3) Zensur und Verfolgung

9 09 2015
SENDUNG: Radiokolleg "Brasiliens Musik unter der 
Militärdiktatur", Mittwoch, 9. September 2015, 
9:45 und 22:40 Uhr, Ö1

Rio de Janeiro 1974: Der Sänger Chico Buarque de Holanda präsentiert das Lied eines Komponisten aus der Favela namens Julinho de Adeleide. „Acorda Amor“ (Wach auf, meine Liebste), so der Titel. Das Lied handelt von einer Episode aus dem Leben des Julinho de Adeleide, erzählt Chico Buarque. Der Kleinkriminelle wird eines Tages aus dem Schlaf gerissen, weil die Polizei an seine Tür klopft.

 acordaamor

Kein richtiger Sänger

Es ist eine Erfahrung, die Chico Buarque mit dem Autor des Liedes verbindet. Im Dezember 1968 war Chico im Morgengrauen verhaftet worden. Wenige Tage davor hatte Diktator Costa e Silva ein neues Gesetz erlassen, das Bürgerrechte, Versammlungs- und Meinungsfreiheit außer Kraft setzte. Die Verfolgung von Regimekritikern beginnt. „Ich verbrachte den ganzen Tag dort bei der Militärpolizei. Ein General bedrohte mich. Aber er warf mir nichts Konkretes vor. Er wollte wissen, was ich mit meinem Stück „Roda Viva“ gemeint habe und warum ich an der Kundgebung, dem „Marsch der Hunderttausend“ teilgenommen hatte – an der Seite dieses schmutzigen Schwarzen. Damit meinte er Gilberto Gil.“ Das erzählt Chico Buarque dem Regisseur Raimundo Faro im Dokumentarfilm „MPB nos tempos da ditadura“ (Brasilianische Populärmusik in Zeiten der Diktatur) aus dem Jahr 2004. Kurz nach seinem Polizeiverhör flüchtet Chico Buarque für 18 Monate ins Exil nach Italien – so wie viele andere Künstler.

Im Jahr 1974 gibt auch Julinho de Adeleide, der Komponist aus der Favela, ein Zeitungs-Interview: „Ich bin ja kein richtiger Sänger, aber eines Tages will ich auch eine Platte aufnehmen. Ich meine, viele Leute, die nicht singen können, machen das: Chico Buarque zum Beispiel, Vinícius de Moraes und Antonio Carlos Jobim. Sie alle singen trotzdem.“

Grobschlächtiges Alter-Ego
Julinho de Adeleide ist das absolute Gegenteil von Chico Buarque: grob, großmäulerisch, polizeibekannt und aus der Favela der eine – feinsinnig, schüchtern und aus intellektuellem Hause der andere. Erst Jahre später sollte sich herausstellen: Julinho de Adeleide IST Chico Buarque. Der Künstler hatte sich 1974 dieses Alter-Ego zugelegt, um die Zensur auszutricksen. Zu diesem Zeitpunkt war es für Chico Buarque bereits unmöglich, unter seinem eigenen Namen Lieder zu veröffentlichen. Dann drei Jahre davor, hatten die strengen Zensoren der Diktatur etwas übersehen: Das LIed „A pesar de você“ kritisiert ziemlich deutlich das Regime.

Chico Buarques „A pesar de voce“ – trotz dir -, war bereits 100.000 Mal verkauft worden, bevor die Zensur das Lied verbieten konnte. Offiziell betonte der Künstler immer wieder, dass der Text von einer dominanten Frau handle. Doch alle Zuhörern war klar: das Lied richtete sich gegen den Diktator. Es wurde zu einer Hymne der Protestbewegung.

Der größte Hit seines Alter-Egos, Julinho de Adeleide, wiederum war „Jorge Maravilha“. „Du kannst mich vielleicht nicht ausstehen“, heißt es im Refrain, „aber deine Tochter mag mich“. Viele glauben, dass damit Amalia Lucy Geisel gemeint war: die Tochter von Diktator Geisel war bekennender Chico Buarque-Fan.

Nackte Körper und versteckte Regimekritik
„In Wahrheit gab es zwei Arten von Zensur“, erklärt der brasilianische Historiker Carlos Fico, „öffentliche Darbietungen der Unterhaltung wurden im Sinne der Moral überwacht: da ging es um nackte Körper, unanständige Wörter und solche Dinge. Aber während der Diktatur kam dann die politische Zensur dazu. Musik, Filme und Theaterstücke wurden zensuriert, wenn sie sich kritisch über das Regime äußerten“. Fico ist Experte für die Zeit der Militärdiktatur. Die Musikethnologin Regine Allgayer-Kaufmann reiste in den 1970er Jahren zum ersten Mal nach Brasilien. Sie erlebte damals ein Klima der Angst unter Künstlern und Intellektuellen: „Es war an der Tagesordnung, dass Menschen einfach verschwunden sind. Wenn man sich mit Leuten unterhalten hat, haben die immer geschaut, ob am Nebentisch jemand mithört.“

Gleichzeitig erlebte die Musikindustrie einen Boom. Im TV liefen täglich Musikshows. Die Künstler hatten Verträge mit Plattenfirmen, wonach sie pro Jahr eine Platte herausbringen mussten. Wenn die Zensur ganze Lieder strich, war das nur schwer zu schaffen. Daher wurde um einzelne Sätze und Wörter gefeilscht, erzählt Regine Allgayer.

„Lass den Kelch an mir vorübergehen“
Ein Lied, das im Jahr 1973 überhaupt nicht veröffentlicht werden durfte, war das Lied „Calice“ – zu Deutsch: der Kelch. Chico Buarque hatte es gemeinsam mit Gilberto Gil geschrieben. Die beiden saßen auf der Dachterrasse von Chico Buarque im noblen Viertel „Lagoa“ in Rio de Janeiro, erzählt Gilberto Gil Jahre später in einem TV-Interview, und tranken Fernet.

Cálice heißt auf Portugiesisch der Kelch, doch anders geschrieben, kann die beinahe gleich lautenden Silben auch so viel bedeuten wie „Halt den Mund“. Das Lied handelt sowohl von der physischen Verfolgung von Regimegegnern, wie auch von der Zensur. Beim Musikfestival Phono 73 in Sao Paulo versuchen Gilberto Gil und Chico Buarque vergeblich, das verbotene Lied dennoch zu singen – ohne, dass der Text verständlich wäre. Doch die Veranstalter drehen den Strom ab.

Als 1973 „Calice“ entsteht, sind Gilberto Gil und Chico Buarque bereits zurück in Brasilien, nachdem sie einige Jahre im Exil verbringen mussten. Trotz strenger Zensur müssen sie nicht mehr um Leib und Leben fürchten. Einige Jahre davor, sah die Sache anders aus: Im Dezember 1968 waren Bürgerrechte außer Kraft gesetzt worden. Am 1. Jänner 1969 klopft die Polizei an die Tür des Musikers Caetano Veloso in Sao Paulo. Im Nebenraum schläft Gilberto Gil. Die beiden hatten gemeinsam Silvester gefeiert.

Im Militärgefängnis von Realengo
Caetano verständigt unauffällig Gilberto Gil, erzählt im Dokumentarfilm „MPB in Zeiten der Diktatur“ von Raimundo Faro. Gil schleicht sich durch die Hintertüre hinaus. Jedoch nicht, um zu flüchten. Er geht zu sich nach Hause, ein paar Blöcke weiter. Keiner der beiden rechnet mit ernsthaften Schwierigkeiten. Erst als die Polizisten Caetano auffordern, eine Zahnbürste einzupacken, dämmert ihm, dass es länger dauern könnte.

Die beiden werden nach Rio de Janeiro gebracht und bleiben zwei Monate in Haft, im Militärgefängnis im Stadtteil Realengo. Darauf spielt Gilberto Gil in seinem Lied „Aquele Abraço“ an, das er kurz nach der Haftentlassung schrieb. Am Aschermittwoch 1969 werden Caetano Veloso und Gilberto Gil freigelassen. Sie geben keine Interviews und keine öffentlichen Erklärungen ab.

Am 20. Und 21. Juli spielen sie in Salvador da Bahia noch zwei gemeinsame Abschiedskonzerte. Diese sollten drei Jahre später als Platte erscheinen „Barra 69“. Nach dem letzten Konzert steigen Caetano und Gil mit ihren beiden Ehefrauen in den Flieger nach London. Dieser Moment gilt als das offizielle Ende der „Tropicalia“ – Bewegung.

 


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