Clowns (2) Vom Lachen, Scheitern und Heilen

12 07 2011

SENDUNG: Radiokolleg „Clowngeschichten. Vom Hofnarren zur rebellischen Clown Army“ (2), Dienstag, 12. Juli 2011, 9:30 und 22:40 (WH), Ö1

Durch die Zirkusmanege zu stolpern und Menschen zum Lachen bringen – das war im Laufe der Geschichte nur eine von vielen Aufgaben clownesker Figuren. Denn mehr als alles andere verkörpern Clowns die Kunst des Scheiterns. Sie machen Autoritäten lächerlich und konfrontieren ihr Publikum mit der Angst vor der eigenen Lächerlichkeit. Darüber hinaus können Clowns auch therapeutische Wirkung haben. Gruppen wie die Roten Nasen Clowndoctors und die Cliniclowns erleichtern Patienten den Spitalsaufenthalt, und der deutsche Clown Johannes Galli entwickelte sogar eine eigene Methode, wie spontanes Spiel als Grundlage für Konfliktbewältigung und persönliches Wachstum eingesetzt werden kann. 

Vom Postamt in die Manege

Der Zirkus Louis Knie Junior im Wiener Prater: Neben dem dressierten Terrier Jacky, der wilden Reiterin Ilona und dem Jongleur Antonio ist Clown Francesco ein Liebling des Publikums. Seine blitzblaue Dienstboten-Uniform ist drei Nummern zu groß, besonderes Markenzeichen: die wasserstoffblonde Stachelfrisur. Seine Spezialität: Zaubertricks mit weißen Kaninchen. Eigentlich sei er immer lustig, erklärt mir Francesco gleich zu Beginn des Gesprächs.

Ursprünglich kommt er aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Frankfurt am Main. Anders als die meisten Zirkusleute stammt Francesco nicht aus einer traditionellen Artistenfamilie, sondern ist Quereinsteiger. Mit 20 Jahren ist er zum Zirkus gekommen. Davor hatte er seinen Eltern zuliebe eine Ausbildung gemacht und arbeitete als Schalterbeamter bei der Post. „Natürlich hat das keinen Spaß gemacht. Ich habe das auch nur vier Jahre ausgehalten und dann bin ich ab zum Zirkus.“

Ein Leben für den Applaus
Zunächst arbeitete Francesco hinter den Kulissen. Er kümmerte sich um die Organisation: Standplätze, Strom, Wasser, Presseanfragen. Bis eines Tages der Clown krank wurde. Spontan sprang er ein. Aus einer Woche wurden sechs Jahre. „Die anderen haben mir immer schon gesagt, du gehörst in die Manege“, erzählt Francesco und jetzt möchte er auch nicht mehr raus aus der Manege, „man lebt für den Applaus, man braucht es einfach und das ist das Schönste an der Sache.“

Von anderen Clowns lernte Francesco diverse Dinge, die ein Clown können muss: Jonglieren, Zaubertricks und ganz wichtig: Menschenkenntnis. Denn wenn man mit Publikumsbeteiligung arbeite, müsse man auch genau die richtige Person aus dem vollen Zelt raussuchen. Manchmal beobachte er die Leute schon vor der Vorstellung, erzählt der Zirkusclown. Am liebsten sind ihm eher schüchterne Familienväter: „Ein Falscher wäre, wenn er lustiger sein will als ich in der Manege und alles maßlos übertreibt. Dann könnte man nach zehn Sekunden schon wieder aufhören.“

Die gestohlenen Kaninchen
Fürs Interview haben wir uns nach der Vorstellung hinter dem Zirkuszelt getroffen. Clown Francesco zeigt mir die Wohnwagensiedlung der Artisten. Als selbständige Künstler reisen sie mit ihren eigenen Wohnmobilen zu den Auftrittsorten. Er selbst hat neben seinem mobilen Zuhause die Gehege für seine Tiere aufgebaut: eine Ente und mehrere weiße Kaninchen. Er stellt mir Schneewittchen und Shakira vor. Die kleinsten haben noch keine Namen, denn die hat er erst kürzlich gekauft. Besser gesagt: kaufen müssen, denn jemand hat ihm während der Vorführung zwei seiner weißen Kaninchen aus dem Käfig neben dem Zirkuszelt gestohlen. Er ist immer noch fassungslos. Um Ersatz zu finden, musste Clown Francesco bis nach Neusiedl am See fahren: „In Wien will die weißen Kaninchen offenbar keiner haben.“

Seit etwa 18 Jahren ist Clown Francesco ständig unterwegs: Elf Monate im Jahr tourt der Zirkus Knie durch Österreich, Deutschland und die Niederlande. Ein Monat ist Weihnachtspause, die verbringt er dann zu Hause in Deutschland, um Familie und Freunde zu treffen. Auch seine Lebensgefährtin sieht er nur selten. Sie arbeitet ebenfalls beim Zirkus. Nur leider bei einem anderen. Zirkusleute tun sich nämlich schwer, Beziehungen mit Nicht-Zirkusleuten einzugehen, erzählt er: „Normale Leute kommen mit unseren ungewöhnlichen Arbeitszeiten nicht zurecht.“

AUDIO: „Man lebt für den Applaus“, Clown Francesco über das Leben in der Manege.

Pausenclowns für das Zwerchfell
„Wenn wir im Zirkus eine Akrobatik-Nummer sehen, dann lebt die davon, dass wir befürchten, dass der Artist runterfällt. Eine Tigernummer lebt davon, dass der Tiger vielleicht springt“, erklärt der deutsche Clown Galli. Und in solchen Situationen würden die Menschen die Luft anhalten und flach atmen, das sei auf Dauer anstrengen. Und daher schicke der Zirkusdirektor nach der zweiten Nummer einen Clown, damit die Menschen sich wieder entspannen können und ihr Zwerchfell ein wenig lüften. Diese groben tollpatschigen Nummern würden in einem Theater niemals belacht werden, sagt Galli, aber in einem Zirkus funktionieren sie gut.

Johannes Galli ist Clown, Schauspieler, Regisseur, Autor und Philosoph. Er selbst ist mehr auf der Theaterbühne zuhause als in der Manege. Galli stammt aus Freiburg im Breisgau und studierte dort Geschichte und Germanistik – auf Wunsch der Eltern. Nach seinem Abschluss überreichte er das Universitätsdiplom seinem Vater als Geschenk mit den Worten „du hast es finanziert, hier hast du es auch.“ Er selbst würde das Diplom nie mehr brauchen, denn er ging auf die Straße als Geschichtenerzähler. Zufällig lernte er einen tschechischen Clown kennen, der ihn in die Kunst der Clownerie einweihte. Seit den 80er-Jahren feierte er Erfolge als Clown-Galli.

Die Lust am Scheitern
Die größte Freude für Menschen ist ist die Schadenfreude – davon ist Galli überzeugt: „Ich hab in meinem Leben etwa 500 Abende als Clown gestaltet. Es ist ganz klar: Sie lachen, wen mir etwas schief geht.“ Und genau darin liegt für ihn die eigentliche Aufgabe des Clowns: im Stolpern und im Scheitern. Das Wort „Clown“ stammt ja vom Lateinischen „colonos“ ab – dem Menschen aus der Kolonie, dem Tölpel, der sich in der städtischen Welt nicht zurecht findet.

Der Clown ist Freund der Kinder, weil auch sie ständig scheitern: Sie lernen Dinge und machen Fehler. Auch Erwachsene scheitern permanent: im Beruf, in Beziehungen. Doch nur durch das Scheitern, kommt man weiter im Leben, sagt Johannes Galli. Man müsse es annehmen und erst dann könne man etwas Neues beginnen. „Und als Clown muss ich in diese paradoxe Situation hinein: ich scheitere und mit meinem Scheitern habe ich Erfolg bei den Menschen.“

Johannes Galli ist in der Tat erfolgreich. Er betreibt mittlerweile rund zehn Theater auf der ganzen Welt, unter anderem in Deutschland, China und den USA und hat einen eigenen Verlag. In seiner 7-bändigen Autobiographie untersucht er sein Leben auf Momente, in denen er irgendwo gescheitert ist. Diese Erlebnisse haben den Clown in ihm erweckt. „Clown wird man erst, wenn man keine andere Möglichkeit mehr hat“, schreibt er in seinem wohl bekanntesten Buch „Die Lust am Scheitern“.

AUDIO: „Wenn er nicht scheitert, ist er kein Clown“. Johannes Galli über das Scheitern

Der Clown als Heiler
Der Clown ist der geborene Verlierer – und deshalb unbesiegbar. Er besitzt die Gabe der heiteren Gelassenheit in allen Lebenslagen. Johannes Galli setzt dieses Clown-Prinzip auch als Methode zur Konfliktlösung ein, die sogenannte „Galli-Methode“. Workshopteilnehmer besprechen persönliche Konflikte: Ärger mit dem Chef, Probleme mit den Kindern, Angst davor, mit dem Partner über Scheidung zu sprechen. Die Konfliktsituation wird auf der Bühne dargestellt, im ersten Durchgang zunächst als ganz realistische Szene.

In einem weiteren Durchgang setzen beide die rote Nase auf und spielen das gleiche noch einmal. Aber diesmal ohne Worte. Der Konflikt geht in den Körper, erklärt Galli, und der Körper könne nicht lügen. „Der körper kann nicht sagen: Wir leben jetzt noch ein paar Jahre für die Kinder zusammen. Der Körper sagt: ich mag dich oder ich mag dich nicht. Vor dieser klaren Aussage des Körpers haben die Menschen Angst.“

AUDIO: „Der Clown ist wie ein Kind. Er plaudert alles aus.“ Johannes Galli über Lüge und Wahrheit.

Nur im Spiel ist der Mensch wirklich, sagt Johannes Galli. Er arbeitet auch als Trainer für Körpersprache und interkulturelle Kommunikation. Er hat sowohl mit Straßenkindern in Mexiko und China gearbeitet, wie auch mit Top-Managern internationaler Firmen. Bei letzteren kommt er mit Clown-Methoden allerdings nicht weiter, erzählt er: Scheitern ist in der Business-Welt, ebenso wie in der Politik, ein absolutes Tabu-Thema. Wesentlich besser funktioniert das Clowneske in der Arbeit mit Jugendlichen. Für die macht Johannes Galli interaktives Präventionstheater. Mit Hilfe des Clowns werden Themen wie Drogen und Sexualaufklärung behandelt.

Für ihn ist der Clown auch ein Heiler. Und zwar deshalb, weil er keiner sein will: „Ich vertraue einem Arzt nie hundertprozentig, dass er mich heilen will, denn wenn er mich geheilt hat, hat er einen Kunden verloren. Der Clown hat kein Ziel. Er will Spaß. In meinen Kursen wird viel gelacht und also aus meinem Blickwinkel geheilt.“

RoteNasen Clowndoctors
Auf die heilende Kraft des Lachens setzen auch Krankenhäuser. In den 1980ern begann man in den USA, Clowns in Kliniken zu schicken, um die Patienten und Patientinnen seelisch zu unterstützen. In österreichischen Spitälern sind seit den 1990ern die CliniClowns sowie die RoteNasen-Clowndoktoren unterwegs.

Eine davon ist Frau Doktor Edeltraud, die mit bürgerlichem Namen Eva Müllner heißt und im bürgerlichen Leben Krankenhäuser nicht ausstehen kann. „Aber ich merke, dass es meine Clownfrau wahnsinnig liebt, Situationen zum Positiven zu verändern. Mit welchen Mitteln auch immer“, erzählt sie, „wenn ich in ein Krankenzimmer hineingeh, ist das eine Aufforderung an das Publikum, mit mir gemeinsam in diese andere Welt hineinzutauchen, um den Spitalsalltag zu vergessen, der so viel Schmerz und Leid beinhaltet.“

Etwa sechs mal pro Monat besucht RoteNasen-Clowndoktorin Edeltraud verschiedene Krankenhäuser in Wien. Teils arbeitet sie auf Kinderstationen und teils mit alten Menschen auf der Geriatrie. Die Arbeit mit den Kindern ist für Clowns verhältnismäßig einfach, erzählt sie. Bei älteren Menschen gibt es einiges zu beachten: Sind sie bereits stark dement? Wie gut können sie noch hören und sehen? Das Clownspiel darf hier bloß nicht zu schnell sein. Ziel ist es, bettlägrige Menschen aufzuheitern und ihre Lebenskraft zu mobilisieren.

AUDIO: „Was machen Sie mit drei Männern???“ Eva Müllner über surreale Gespräche im Krankenhaus.

Rollenspiele in fremden Erinnerungen
Das gelingt am besten, indem man eine Brücke zu ihrer vitalen Jugend herstellt, sagen die RotenNasen. Die Clowndoktoren schwelgen mit den Patienten in alten Jugenderinnerungen. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir in alte Geschichten von diesen Menschen eintauchen und dann dort rollenspielen dürfen“, erzählt Edeltraud. Für die Arbeit auf der Geratrie habe sie extra eine beträchtliche Anzahl an Wienerliedern gelernt, erzählt Eva Müllner alias Edeltraud, denn so etwas lieben die alten Menschen.

Eine besondere Herausforderung ist die Arbeit mit Patienten und Patientinnen in Rehabilitationszentren. Viele Unfallopfer sitzen im Rollstuhl oder haben Gliedmaßen verloren. Sie sind depressiv, die Übungen sind schmerzhaft. Andere müssen nach schweren Kopfverletzungen wieder alles neu lernen: Essen, Sprechen, Lächeln, Stirnrunzeln. „Wenn da der Clown dabei ist und mitübt, dann gehen die Patienten oft mehr aus sich heraus, als in normalen Therapiestunden. Zumindest ist das das Feedback, das uns die Therapeuten geben“, berichtet Edeltraud. Manchmal seien es auch Abwehrreaktionen, die neue Lernschritte bewirken könnten: „Wenn einer in der Abwehr plötzlich sagt: Nein! Dann hat er vielleicht zum ersten mal nein gesagt und das auch noch mit einem Gesichtsausdruck, den er gerade frisch gelernt hat.“

MEHR zum Thema Clowns:

Teil 1: Hofnarren und Hanswürste

Teil 3: Innere Clowns und Clowninnen

Teil 4: Globalisierungskritik mit roter Nase

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