Clowns (1) Hofnarren und Hanswürste

7 07 2011

SENDUNG: Radiokolleg, „Clowngeschichten. Vom Hofnarren zur rebellischen Clown Army“, Montag, 11. Juli 2011, 9:30 und 22:40 (WH) Uhr, Ö1

Komische, clowneske Figuren tauchen in verschiedenen Kulturkreisen und in verschiedenen Epochen auf. Im Europa des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit trifft man sie in Gestalt von Gauklern und herumziehenden Schauspieltruppen, sowie auf Fürstenhöfen. Viele Herrscher hielten sich sogenannte Hofnarren. Sie dienten der Repräsentation des Fürsten, waren quasi so etwas wie „Luxusgüter“ für ihn. Ihre Aufgabe war es, die Hofgesellschaft zu unterhalten und deren derbe Späße über sich ergehen zu lassen. Viele zeitgenössische Clowns sehen sich selbst in der Tradition des Hofnarren. Denn angeblich war der Narr der einzige, der ungestraft Kritik an der Politik des Herrschers üben durfte.

Beschränkte Narrenfreiheit

Schon vielmal hab ichs mir vorgenommen gehabt, und habe beym heiligen Antoni darzu geschworen, ich will mein Maul halten, aber es will halter nicht zu bleiben. Ich habe mit der Faust mich druf geschlagen, doch nit daß mirs weh that, und hab gesagt: Du verwünschte Fozn, willst schweigen, willst noch nit schweigen? Na! Schaffts. Nun, was soll ich halt machen? Mein Maul will die Wahrheit reden, und man wills nit leiden.
(aus: Politischer Kehraus, Dresden 1871)

Diese Worte legt ein unbekannter Autor im 18. Jahrhundert in Dresden dem Hofnarren Joseph Fröhlich in den Mund: Er kann nicht anders, als die Wahrheit sagen, der Narr. Auch wenn es ihn und andere in Schwierigkeiten bringt. Oft ist davon die Rede, dass der Hofnarr der einzige gewesen sein soll, der dem Fürsten ungestraft die Wahrheit sagen durfte, ihn kritisieren, ihm Volkes Stimme überbringen. In Wahrheit dürfte diese sprichwörtliche Freiheit der Narren aber gar nicht so groß gewesen sein, glaubt der Historiker Martin Scheutz vom Institut für österreichische Geschichtsforschung der Universität Wien.

Denn schließlich waren diese Hofnarren sehr stark abhängig von der Gunst ihres Herren. Verliert ein Hofnarr diese Gunst, ist er seinen Beruf los. Hofnarren standen außerhalb der strengen höfischen Hierarchie und hatten daher keinerlei Sicherheitsnetz. Sie waren so etwas wie private Prestige-Objekte des Herrschers, erklärt Historiker Scheutz.

AUDIO: Martin Scheutz über das Kritikpotential von Hofnarren

Natürliche und künstliche Narren
Ab dem Spätmittelalter tauchen in Europa die ersten Bilder von Hofnarren auf. Zunächst in Oberitalien und schließlich verbreitet sich diese Mode in ganz Mitteleuropa. Im Wiener Hofregister von 1527 sind neben „Zwergen“ auch „Narren“ namentlich aufgelistet. Zunächst dürften das Menschen mit geistiger Beeinträchtigung gewesen sein, sagt Martin Scheutz. „Natürliche Narren“ wurden sie genannt. Es gehörte zum Amusement der höfischen Gesellschaft, diese Menschen zu verspotten und grausame Späße mit ihnen zu treiben. In der frühen Neuzeit kommen zu den „natürlichen“ sogenannte „künstliche“ oder „Schalksnarren“ dazu: Menschen, die berufsmäßig den Narren spielten.

Über die Hofnarren kann man viel über die Repräsentationsgeschichte von Herrschern erfahren, sagt Scheutz. Auf den Hofnarrenproträts des Spätmittelalter sieht man prächtig gekleidete Narren. Soviel man wieß, wurden sie finanziell ganz gut ausgestattet. Durch ihren unmittelbaren Zugang zum Herrscher waren sie auch für andere Menschen interessant, die über das Vehikel Hofnarr beim Monarchen etwas erreichen konnten. Von manchen Hofnarren ist überliefert, dass sie immer wieder von Leuten Bittbriefe bekamen, die sie vertrauensvoll dem Fürsten überreichen sollten.

Hässliches Traktieren
Was sonst so ihre täglichen Aufgaben waren, ist nicht ganz klar. Wortwitz und Schlagfertigkeit dürften jedenfalls gefragt gewesen sein. Manchmal auch Singen, Tanzen und kleine Zaubertricks. „Es gibt aber keine Job Description für Hofnarren. Wir kennen keine Instruktionen, wie sich ein ordentlicher Hofnarr zu benehmen hätte oder auch ein unordentlicher. Wir wissen nur einige Dinge aus Selbstzeugnissen und Briefen.“

Und aus solchen Quellen geht hervor, dass so ein höfischer Spaßmacher einiges an seelischen und körperlichen Grausamkeiten ertragen musste, erklärt Historiker Martin Scheutz. Der schlesische Reisende Zacharias Allert nahm im Jahr 1627 an einem Abendessen des Grafen von Montecuccoli in Wien teil. Später vermerkte er in seinem Tagebuch:

… mit dabei ein Narr, den sie mit Nasenstübern, Maultaschen hässlich tractirt und Kurzweil getrieben. Insonderheit dem armen Teufel vom Grafen Montecuculi, nachdem er die Backen aufgeblasen, ein solcher Backenstreich gegeben, dass ihm die Augen im Kopf vergangen. Darauf ihm ein gut Bisslein zwar, aber dermassen gepfeffert und gesaltzen gereicht, dass sich der arme Mensch gar übel befunden und gesagt: „Du Hundsfott, schlägst Du doch wie ein sakramentischer Bärenhäuter, möchtest auch das Ding selber fressen.“
(aus: Tagebuch des Zacharias Allert)

Handschuhverkäufer und Hoftyroler
Einer der wenigen Hofnarren, dessen Lebensgeschichte gut dokumentiert ist, war der Tiroler Peter Prosch, dessen Autobiographie erstmals im Jahr 1789 verlegt wurde. Prosch wurde 1744 in Ried im Zillertal geboren. Damals war die wirtschaftliche Lage in der Region schlecht. Viele der jüngeren Bauernsöhne – die beim Hoferbe leer ausgegangen waren – sahen sich gezwungen, auf Wanderschaft zu gehen und sich woanders ein Einkommen zu suchen. Peter Prosch zum Beispiel verkaufte als fahrender Händler edle Handschuhe. Er tingelte auf diversen Fürstenhöfen des deutschen Reichs herum. Um sein Geschäft anzukurbeln, betätigt er sich nebenbei als Hofnarr. In den Quellen wird er oft auch „Hoftyroler“ genannt.

Historiker Scheutz berichtet von geschmacklosen Späßen, die die Hofgesellschaft mit Peter Prosch getrieben hat. Demnach wurde er einmal zu einem „Wettklistieren“ mit einem „Hofjuden“ aufgefordert: „Ihnen wurden Einläufe verabreicht und der ganze Hof hat sich darüber erheitert, wer nun rascher in höchster Eile den Hof verlassen musste, um sein Geschäft zu verrichten“.

AUDIO: Martin Scheutz über derbe Spiele mit Hofnarren

Semper fröhlich, numquam traurich
Wer hart genug war, diese Grausamkeiten zu ertragen, für den zahlte sich das Leben als Hofnarr aber aus, finanziell gesehen. Die Fürsten sorgten gut für ihre Prestige-Objekte. Noch heute steht am Neustädter Markt in Dresden eine metallene Statue. Sie zeigt Peter Fröhlich, Hofnarr von Kurfürst August dem Starken. Sein Nachlassregister zeigt, dass es sich um einen wohlhabenden und gebildeten Mann gehandelt haben muss.

Er hinterließ 142 Bücher, wertvolles Porzellan, edle Kleider und Narrenkostüme. In seinem Besitz waren auch mehrere Mühlen. Ursprünglich war Peter Fröhlich nämlich ein Müllersohn aus Altaussee im Salzkammergut. Er beherrschte alle möglichen Taschenspielertricks mit denen er die Dresdner Hofgesellschaft bei Laune hielt. „Semper fröhlich, nunquam traurich“ lautete sein Wahlspruch.

Königliche Höfnärrin
„Joseph Fröhlich tritt immer in Steirertracht auf“, erzählt Martin Scheutz, „es gibt Beschreibungen, wo er auf einem gefleckten Pferd reitet mit einem Spitzhut. Diese auffällig Erscheinung gehörte zum Erscheinungsbild von Hofnarren“. Auf älteren Darstellung tragen Narren oft Hauben mit Eselsohren, Schellen und einen Narrenkolben in der Hand, der das königliche Szepter imitieren sollte: der Narr als lächerliche Imitation des Fürsten.

Manchmal tauchen in historischen Quellen auch Närrinnen auf. Dabei dürfte es sich aber um sogenannte „natürliche Närrinnen“ gehandelt haben, also geistig behinderte Frauen, vermutet der Wiener Historiker Martin Scheutz. Der Beruf des Schalksnarren war Männersache. Einzige bekannte Ausnahme: die französische Hofnärrin Mathurine im 16. Jahrhundert. Zunächst war sie Kantinenwirtin in der Armee. Als kräftig gebaut wird sie beschrieben und als eine, die fluchen konnte wie ein Mann. Das gefiel dem französischen König Heinrich III. – und offenbar auch seinen beiden Nachfolgern Heinrich IV. und Ludwig XIII.

Gauklertruppen auf der Flucht
Nicht nur an Fürstenhöfen traf man komische Figuren, sondern auch auf Marktplätzen. Fahrende Gauklertruppen zogen durch das Land und gaben mehr oder weniger improvisierte Stücke für das einfache Volk zum Besten. Manche wurden auch an die Höfe eingeladen. In Italien entstand im 16. Jahrhundert die Commedia dell’arte, die später vor allem in Frankreich sehr beliebt wurde. Clowneske Figuren spielen dabei wichtige Rollen: der naiv-fröhliche Arlequino, der verschlagene Brighella, der tollpatschige Pagliaccio, die lebenslustige Colombina. Sie alle sind Diener, die durch – absichtliche oder unabsichtliche – Tollpatschigkeit ihren Herren viele Probleme bereiten.

Die ersten Berufsschauspieler, die im heiligen römischen Kaiserreich deutscher Nation auftauchten, kamen allerdings aus England. Und die hatten es zunächst gar nicht so leicht, erzählt Theaterwissenschafterin Eva-Maria Hanser. Wollten sie in einer Stadt spielen, mussten sie eigene Verträge unterzeichnen, in denen die Stadt festlegte, wie viel Eintrittsgeld sie verlangen durften, was sie an die Stadtverwaltung abliefern mussten. „Manche Gruppen mussten sich sogar verschulden“, sagt Hanser, „man liest oft in Quellen, dass sie ganz schnell die Stadt verlassen mussten, um ihre Schulden nicht zu zahlen.“

Völlern, saufen, herumhuren
Haupt- und Staatsaktionen nennt man diese Stücke im deutsch-sprachigen Raum. Es gab eine große Haupthandlung: in der ging es meist um einen grausamen Tyrannen, den am Ende seine gerechte Strafe ereilte, um Hofintrigen und Liebesgeschichten. Damit sich die Schauspieler zwischen den Szenen umziehen konnten, wurde die Haupthandlung unterbrochen. In diesen Pausen traten Gaukler auf. Sie unterhielten das Publikum durch akrobatische Einlagen oder kleine Sketches. Erst nach und nach wurden diese komischen Elemente in die ernste Haupthandlung eingebaut. Und was in Italien der Arlequino war, das war im deutschsprachigen Raum der Hanswurst: ein tollpatschiger Diener.

Hanswurst-Figuren haben viele Namen, erklärt Eva-Maria Hanser: Hans Knappkäse, Hans Leberwurst, Hans Supp, Wursthänsel, Pickelhering, Stockfisch. Auch charaktermäß sind sie nicht einheitlich, sagt Hanser:„was aber allen gleich ist: sie sind sehr ihren Affekten verfallen. Sie wollen völlern, saufen und sich sexuellen Begierden hingeben.“ Manche sind sehr parodistisch, sie kommentieren mit scharfer Zunge die Szenen, die vorher in der Haupthandlung gespielt wurden, andere sprechen Latein, um die Bildungssprache zu parodieren. Meist spielten sie aus dem Stehgreif. Unter dem österreichischen Theatermacher Josef Anton Stranitzky wurde Hanswurst dann zum Salzburger Sau- und Krautschneider. Doch ihrer Meinung nach kann es Stranitzkys Figur in Sachen Wortwitz nicht mit manchen seiner historischen Vorgänger aufnehmen, sagt Theaterwissenschafterin Hanser.

AUDIO: Blessa und Schlampampe. Eva-Maria hanser über alberne weibliche Figuren.

Affektabfuhr statt Revolution
Immer wieder werden in den Haupt- und Staatsaktionen gekrönte Häupter verhöhnt. Doch ähnlich wie die Hofnarren, waren auch die Theatergruppen abhängig von der Gunst des Fürsten, durften sich also nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, sagt Theaterwissenschafterin Eva-Maria Hanser. In ihrer Dissertation geht sie der Frage nach, inwieweit man diese Stücke als subversiv betrachten kann.

Ihrer Ansicht nach rufen die Haupt- und Staatsaktionen nämlich ganz und gar nicht zur Revolution auf. Häufig spielt man darin dem Volk vor, dass es sich gar nicht auszahlt, einen Köni gzu stürzen, dass es keinen Sinn macht, sich Herrschaft anzueignen: „Der Status Quo bleibt immer erhalten. Die komische Figur verliebt sich vielleicht in eine Prinzessin, aber macht sich dadurch lächerlich und wird sie nie bekommen.“ Hanser glaubt, dass es bei diesen derben Stücken wohl eher um eine Art Katharsis gegangen sei: Schenkelklopfen zur Affektabfuhr.

Die Moral beendet das Komische
Im Zeitalter der Aufklärung verschwanden die komischen Figuren langsam. Der ostpreußische Literaturprofessor Johann Christoph Gottsched forderte ab 1730 eine Reform für das deutsche Theater. Es sollte nicht belustigen, sondern moralisch belehren. Der derbe Hanswurst wurde von der Bühne verbannt. Kaiser Joseph der Zweite untersagte 1790 in der Habsburgermonarchie Stegreifkomödien und possenartige Hanswurstspiele. Davor hatte bereits Frankreich während der Französischen Revolution die Commedia dell’arte verboten.

Zu dieser Zeit galt es auch längst nicht mehr als schicklich für einen Fürsten, sich zu Repräsentationszwecken mit Hofnarren zu umgeben, erklärt der Historiker Martin Scheutz: „Für den großen Aufklärer Voltaire etwa war der Hofnarr in seiner Beschreibung der deutschen Höfe ein Rest der Barbarei, ein Relikt aus einer vergangenen barbarischen Zeit.“ In diesem Sinne lässt der schlesische Historiker Carl Friedrich Flögel, in seiner „Geschichte der Hofnarren“ aus dem Jahr 1789 einen Hofnarren klagen:

„Ich diente ihm in meinem Amte so redlich, als ihm gewiß nie ein Premier-Minister in dem seinigen gedient hat und dorch ward ich abgedankt. Und wissen Sie warum? blos, weil ihm die Grill in den Kopf kam, es wäre Schande, zu unsern Zeiten noch Hofnarren zu halten. Ich seh und begreif das nicht, wie das Schande seyn kann. Wenn er das von seinen Mätressen gesagt hätte, so möchte es gehen, aber von einem Hofnarren – das ist mir zu hoch.“

Mehr zum Thema Clowns:

Teil 2: Vom Lachen, Scheitern und Heilen

Teil 3: Innere Clowns und Clowninnen

Teil 4: Globalisierungskritik mit roter Nase

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