Tropicalismo & MPB (2) Musikfestivals als Orte des Protests

8 09 2015
SENDUNG: Radiokolleg "Brasiliens Musik unter der 
Militärdiktatur", Dienstag, 8. September 2015, 
9:45 Uhr und 22:40 Uhr, Ö1 / 
7 Tage Ö1 zum Nachhören

proibido

„Ihr versteht wirklich überhaupt nichts!
Was für eine Jugend soll das sein???
Wisst ihr, wem ihr ähnelt? Ihr ähnelt jenen, die zum Stück „Roda Viva“ gingen und die Schauspieler verprügelten…“

Publikumsbeschimpfung auf Brasilianisch. Im November 1968, am 4. Festival der brasilianischen Musik in São Paulo, performt der Musiker Caetano Veloso, Protagonist der Tropicalia-Bewegung, gemeinsam mit der Band „Os Mutantes“ seinen Beitrag „É proibido proibir“ (Es ist verboten zu verbieten). Das Publikum ist gar nicht begeistert.

Pfeifendes Publikum, zertrümmerte Gitarren

„Das Publikum hat bei diesen Festivals immer wieder Protest geäußert und teilweise die Musiker auf der Bühne durch Pfiffe und Schreie derart gestört, dass die gar nicht mehr in der Lage waren, ihre Musik zu performen“, erklärt die Musikethnologin Regine Allgayer-Kaufmann von der Universität Wien, „Und in dieser Situation hat Caetano Veloso seine berühmt Schmährede gehalten, in der er das Publikum unheimlich angegriffen hat. Er warf ihnen vor, sie hätten keinen Mut und sie würden nicht verstehen, wogegen sich sein Protest richte.“

Erst ein Jahr zuvor hatte der Sänger Sergio Ricardo die Missgunst des Publikums zu spüren bekommen. Vor lauter Wut zertrümmerte er schließlich auf der Bühne seine Gitarre. Damals war Caetano Veloso noch Liebling des Publikums, als er „Alegria, Alegria“ zum Besten gab.

TV dringt in die Wohnzimmer ein
Die Zeit der großen Musikfestivals begann 1965, ein Jahr nach dem Militärputsch in Brasilien. In São Paulo veranstaltete jährlich der Fernseh-Sender Record TV ein Festival der brasilianischen Musik. In Rio de Janeiro der Sender TV Globo, erklärt Regine Allgayer: „Diese Entwicklung habe ich immer in Zusammenhang gebracht mit dem neuen Medium Fernsehen. Dadurch konnte man plötzlich die Massen erreichen. Man dringt tief in die Wohnzimmer der Menschen vor und kann eine Kultur in einer Weise propagieren, wie es vorher nicht möglich war.“

Die brasilianische Militärdiktatur hatte wenig Interesse daran, Menschen politisch zu mobilisieren. Sie sollten konsumieren, sich des brasilianischen Wirtschaftswunders erfreuen, tanzen, singen und bloß nicht über Politik nachdenken. Die Musikfestivals werden Publikumsmagnete. Auch im Hauptabendprogramm des Fernsehens laufen fast täglich Musikshows. „Und natürlich hatte der Staat großes Interesse, die brasilianische Kultur zu definieren“, so Allgayer-Kaufmann, „diese Festivals sollten dazu dienen, die Musiker auf Linie zu bringen. Doch das ist mehr oder weniger gescheitert.“

Denn, so wie fast überall in Lateinamerika, tauchen auch in Brasilien politische Protestsänger auf und nehmen an diesen Musikveranstaltungen teil, erzählt der brasilianische Historiker Carlos Fico: „Auch wenn sich die Leute auf den Musikfestivals nicht offen gegen die Militärdiktatur ausgesprochen haben, so war doch klar, dass diese ein Ort des Protests waren.“ Auf diesen Musikfestivals stellen sich erstmals einige der späteren Stars der brasilianischen Popluläre-Musikszene einem breiten Publikum. Für viele sind sie ein Sprungbrett für die Karriere.

Im Bett mit Lampenfieber
1966 gewinnt Chico Buarque de Hollanda die zweite Ausgabe des Festivals der brasilianischen Populärmusik mit seinem Lied „A Banda“. Er ist damals 22 Jahre alt. Der Song wird ein Welthit und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Auch auf Deutsch:

Das Festival von TV Record im Jahr 1967 gilt als der Startpunkt der „Tropicalia“-Bewegung. Caetano Veloso singt „Alegria, Alegria“ (Freude, Freude), Gilberto Gil tritt mit der Band „Os Mutantes“ auf und singt „Domingo no parque“ (Ein Sonntag im Park). Der Rhythmus basiert auf der Musik des brasilianischen Kampfsports Capoeira.

Das heißt, um ein Haar hätte Gilberto Gil gar nicht gesungen. Er taucht zunächst nicht auf. Freunde holen ihn aus dem Bett. Die Krankheit, unter der er leidet: Lampenfieber. Er sei fast gestorben vor Angst, erzählt Gilberto Gil im Dokumentarfilm „Uma noite em 67“ – Eine Nacht im Jahr 1967 – von Renato Terra und Ricardo Calil: „Dieser Wettbewerb war ja wie eine Prüfung. Ich hatte immer schon Prüfungsangst gehabt. Viele Leute kritisierten ja damals meine Arbeit. Das einzige Mal, wo ich später noch einmal so viel Angst verspürte, wie an diesem Abend, das war an dem Tag an dem sie mich festnahmen.“

Die Angst vor der Jury und dem Festivals-Publikum ist unbegründet. Gilberto Gil singt und erreicht den 2. Platz. Auf Platz eins vor Gilberto Gil kommt damals der Liedermacher Edu Lobo mit seinem Lied „Ponteio“. Er kommt aus dem linken studentischen Umfeld des Bossa Nova und der Musica Popular Brasileira. In seinen Texten setzt er sich zum Teil sozialkritisch mit Armut und Gewalt auseinander, berichtet der Historiker Carlos Fico: „Auf den Festivals stellten sich die Protestsänger jenen Musikern entgegen, die völlig unpolitisch waren. Der berühmteste der Protestsänger war Geralde Vandré. Auf ihn reagierten die Militärs auch. Er hat ein Lied geschrieben mit dem Titel „Um nicht zu sagen, dass ich nicht von Blumen sprach“. Das Lied kritisiert die Gewalt der Militärs und wurde zur Hymne der Linken. Das haben wir auch später immer auf den Kundgebungen gesungen.“

Kampf zwischen den musikalischen Lagern
Beim internationalen Liederfestival 1968 in Rio de Janeiro erreicht das Lied den zweiten Platz – sehr zum Missfallen des studentischen Publikums, das das Protestlied gerne als Sieger gesehen hätte. Im Zuschauerraum der Musikfestivals sitzen aber auch Zensoren der Militärdiktatur. Sie teilen die Begeisterung des Publikums nicht so ganz. Kurz darauf wird das Lied verboten.

„Auf den Festivals herrschte regelrecht Krieg zwischen drei Gruppen: den Tropicalistas, rund um Caetano Veloso und Gilberto Gil, den politischen Liedermachern, wie Edu Lobo und Geraldo Vandré und dann gab es die “ Iê-Iê-Iês “ (Yeah-Yeah-Yeahs). Das war eine Strömung von Rockmusik, inspiriert von den Beatles für die unpolitische Jugend“, erklärt Historiker Carlos Fico.

Die Iê-Iê-Iês, auch genannt: Jovem Guarda, also: junge Garde, war eine Gruppe junger Musiker rund um den späteren Schlagerstar Roberto Carlos. Sie spielten Rock ’n Roll der 1950er und 60-er Jahre, mit E-Gitarren und E-Bass. Sie trugen Glockenhosen, bunte Hemden und lange Haare. Seit 1965 war „Jovem Guarda“ eine eigene Musikshow auf Record TV. In den Texten ging es um die Liebe, um Lifestyle und Parties. Aber niemals um Politik.

„Nieder mit der E-Gitarre!
Den Musikern der MPB, der Música Popular Brasileira waren die Iê-Iê-Iês ein Dorn im Auge. Sie selbst kamen aus einem links-intellektuellen Umfeld. Die MPB war gegen die Diktatur, gegen Konsumwahn und gegen den US-amerikanischen Kulturimperialismus, erklärt Historiker Carlos Fico: „Die Musiker der MPB waren ja relativ politisiert. Und sie sagten: Die Nordamerikanische Musik darf Brasilien nicht überschwemmen. Das Symbol dafür war die E-Gitarre. Und da kam es zu dieser seltsamen Episode, dass Musiker eine Demo gegen die E-Gitarre organisierten.“

Am 17. Juli 1967 gehen in Rio de Janeiro 300 bis 400 Menschen auf die Straße. „Nieder mit der E-Gitarre“ rufen sie. Darunter namhafte Musiker, wie Jair Rodrigues, der Protestsänger Geraldo Vandré, die Sängerin Elis Regina und sogar Gilberto Gil. Er sei nur wegen seiner Freundin Elis Regina hingegangen, erzählt Gilberto Gil Jahre später in der Doku „Eine Nacht im Jahr 1967“, sei aber selbst ideologisch nicht dahinter gestanden.

Der Sänger Chico Buarque soll kurz vorbeigeschaut haben bei der Kundgebung gegen die E-Gitarre, aber gleich wieder gegangen sein. Ganz bewusst NICHT dabei: Caetano Veloso. Er trifft sich an diesem Tag mit der Sängerin Nara Leão, ebenfalls eine Protagonistin der Tropicalia-Bewegung. In der Doku von Renato Terra und Ricardo Calil erinnert er sich an diesen Tag: „Nara und ich waren uns einig: Das ist eine furchtbare Sache, die nicht passieren sollte. Nara sagte zu mir: Ich bin deprimiert. Für mich wirkt diese Demo wie eine Kundgebung der Faschisten, der Partei der Militärdiktatur. So wirkte sie tatsächlich.“

„Es ist verboten, zu verbieten“
Im Jahr darauf, beim Festival der brasilianischen Musik 1968 sollte es dann zum Eklat samt Publikumsbeschimpfung kommen: Caetano tritt am Festival der brasilianischen Musik mit der Psychodelic-Rock-Band „Os Mutantes“ auf und deren Sängerin Rita Lee. Sie tragen futuristische Kostüme aus Plastik und spielen auf E-Gitarren. Das Publikum ist empört. „Es war eine politische Entscheidung, E-Gitarren in unserer Musik zu verwenden“, erklärt Caetano Veloso Jahre später, „für mich und auch für Gilberto Gil. Wir stellten uns dem entgegen, was die Demo gegen die E-Gitarre propagierte.“

Sein Hang zur Provokation, sein politisches Engagement und die mehr oder weniger versteckte Kritik an der Diktatur in seinen Liedtexten sollte Caetano Veloso ein paar Wochen später zum Verhängnis werden.

 


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