Clowns (4) Globalisierungskritik mit roter Nase

14 07 2011

SENDUNG: Radiokolleg „Clowngeschichten. Vom Hofnarren zur rebellischen Clown Army“, Donnerstag, 14. Juli 2011, 9:30 und 22:40 (WH), Ö1 und 
Moment – Leben heute, Mittwoch, 8. September 2010, 14:40 Uhr, Ö1

Auf großen internationalen Demonstrationen der GlobalisierungskritikerInnen tauchen seit einigen Jahren immer wieder Clowns und Clowninnen an vorderster Front auf. Sie schummeln sich spielend durch Polizeiabsperrungen, schenken brustgepanzerten Spezialeinheiten Blümchen und fangen dafür auch gelegentlich Prügel ein. Und das gibt ein hässliches Zeitungsbild: Polizisten, die einen fröhlichen Clown niederknüppeln.

AUDIO: Die Clowninnen Wirr und Leonardo über Liebeslieder und Grenzen (0:46)

Militärgrün mit Pink
Die Clandestine Insurgent Rebel Clown Army (CIRCA) wurde 2003 von GlobalisierungskritikerInnen in London gegründet. Sie vermischt clowneskes Theater mit politischem Aktivismus und ist häufig auf großen Demonstrationen anzutreffen. Ihre grüne Militärkleidung verzieren die Clowns und Clowninnen mit rosa Plüsch oder Blümchen, als Utensilien haben sie meist dabei: Seifenblasen, Kreiden, Dinge zum Vermessen oder Kategorisieren. Inzwischen gibt es die Clown Army in vielen europäischen Städten. Auch in Wien. „Ich hab den Weg zu den Clowns gefunden, weil ich gemerkt hab, dass es mehr Spaß macht, sich mit einer roten Nase im Gesicht die wichtigen Fragen der Welt zu stellen, als vielleicht im grauen Anzug“, erzählt der Wiener Clown Christian.

Investigative Clowns im Gerichtssaal
Die rebellischen Clowns betrachten die ganze Welt als ihre Bühne: die Straße, die U-Bahn, den Supermarkt oder auch den Gerichtssaal in Wiener Neustadt, in dem derzeit 13 Tierschützern der Prozess gemacht wird. Ihnen wird vorgeworfen, sie wären Mitglieder einer kriminellen Organisation im Sinne des Anti-Mafia-Paragraphen 278a. In den Augen der Clown Army eine clowneske Farce.

Und da staunte die gestrenge Richterin wohl nicht schlecht, als man ihr am Vormittag des 22. Juli plötzlich zuflüsterte, einige Personen im Zuschauerraum hätten Clownsnasen auf. Die Clowns begannen, ihre eigenen „Ermittlungen“ anzustellen und suchten den Saal mit Feldstechern ab, andere bliesen Luftballons auf. Die Richterin unterbrach die Verhandlung und ließ die Clowns und Clowninnen gewaltsam aus dem Saal entfernen.

Provozieren und deeskalieren
Ansonsten tritt die Clown Army häufig im Rahmen von großen Demonstrationen auf. So sorgten etwa im Jahr 2007 ein paar hundert Clowns bei den Kundgebungen gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm für Medienaufmerksamkeit. In Wien traten sie zum Beispiel bei den Studentenprotesten gegen den Bologna-Prozess in Erscheinung. Schließlich sind viele Mitglieder der Wiener Clown Army selbst Studierende.

Manchmal malen sie Herzen vor die Füße der Polizisten, singen Liebeslieder oder flüsten Polizisten Liebesgedichte ins Ohr, erklären die beiden Clown-Frauen Wirr und Leonardo. Ihr Ziel: Verwirrung stiften, aber auch deeskalieren, sagt Clown Christian. Er selbst genießt die Rolle des Clowns insbesondere in Situationen, wo die Stimmung etwas aufgeheizt ist, erzählt er: „Wenn Demonstranten längere Zeit irgendwo eingepfercht sind, dann werden sie nervös. Auch wenn sie diese Übermacht von hunderten Polizisten spüren. Und wenn da ein paar Clowns mit Seifenblasen zwischen den Fronten herumtanzen, die das alles nicht so wild nehmen, dann schafft das eine ganz angenehme Stimmung.“

AUDIO: Clown Christian über Demos (1:38)

Autoritäten lächerlich machen
Bei der Polizei wiederum findet man die Clown Army etwas weniger lustig. Vielen Polizisten geht es naturgemäß auf die Nerven, wenn Clowns auf Tuchfühlung gehen oder wenn sie von Clowns nachgeäfft werden. Für Polizeisprecher Oberstleutnant Johann Golob benimmt sich die Clown-Army eigentlich gar nicht Clown-konform. Ähnlich wie Bankräuber, die eine Clown-Maske tragen, missbrauchen sie eine an sich sehr sympathische Figur für ihre eigenen Zwecke: „Diese Wahrhaftigkeit, die Clowns an und für sich haben, dieses kindlich-naive, wo viele sagen, es sei ein Spiegelbild der menschlichen Seele – das wird als Vorwand benutzt. Das geht hin bis zu Provokationen. Sie versuchen eine Unordnung in die polizeiliche Situation hineinzubringen. Insbesondere, wenn eine Kamera in der Nähe ist.“

AUDIO: Oberstleutnant Golob über Zirkus- und Horrorclowns (1:14)

Der falsche Clown im Palast
Doch was ist eigentlich ein wahrhaftiges Clown-konformes Verhalten? Zirkusclowns etwa bringen Kinder zum Lachen, indem sie über ihre eigenen Füße stolpern. Die Hofnarren des Mittelalters und der frühen Neuzeit hatten eine andere Funktion: Sie waren oft die einzigen, die sich ungestraft über den Fürsten lustig machen durften und unliebsame Wahrheiten übermitteln konnten. In dieser Tradition sieht sich auch die Clown Army.
Als 2003 US-Präsident George W. Bush auf Staatsbesuch nach Großbritannien kam, verfasste die britische Clown Army ein Protest-Kommunique:

Wir, die Männer und Frauen der geheimen, aufständischen, rebellischen Clown-Armee, feiern die verheißungsvollen Neuigkeiten, dass zum ersten Mal seit 500 Jahren, wieder ein Hofnarr in offizieller Mission in den Buckingham Palast geladen wird. Jedoch hat uns die Nachricht erreicht, dass es sich bei diesem neuen Narren um keinen geringeren als den amerikanischen Präsidenten George W. Bush handelt.

Und dieser sei nicht würdig, dieses Amt zu übernehmen, so die Clown Army. Königin Elisabeth II. wird aufgefordert, die Bestellung Präsident Bushs als Hofnarren zu widerrufen und stattdessen einen ehrenhaften Clown für dieses Amt zu ernennen.

Die Meister des Scheiterns
Auch in anderen Kulturkreisen kennt man solche clownesken Figuren, zum Beispiel bei den Hopi-Indianern in Nordamerika. Chühü’wimkya hießen sie dort, erzählt Klaus Werner-Lobo. Er ist Journalist, Buch-Autor, Grün-Politiker und ausgebildeter Clown. „Bei den Hopi ist der Clown neben dem Häuptling und dem Schamanen die dritte wichtige Funktion.“ Seine Aufgabe war es, den Häuptling oder den Schamanen lächerlich zu machen, indem sie ihn ungeschickt nachahmten.

Früher hielt Klaus Werner-Lobo ernsthafte Vorträge über die Machenschaften multinationaler Konzerne. Seit zwei Jahren erzählt er dieselben Inhalte in Form von Clown-Shows. Früher wären die Leute deprimiert und mit einem Gefühl der Machtlosigkeit aus seinen Veranstaltung gegangen, erzählt er: „Heute stell ich mich auf die Bühne und mach mich selbst zum Idioten und die Leute sagen: Der weiß genau, dass die Welt schlecht ist, aber hat sich trotzdem eine Lebensfreude erhalten. Was der Vollidiot kann, das kann ich auch.“

AUDIO: Klaus Werner-Lobo über den inneren Clown (0:51)

Für ihn geht es bei der Clownerie darum, die Angst davor zu verlieren, sich selbst lächerlich zu machen. „Der Clown ist der geborene Loser, der kein Problem damit hat, immer auf die Nase zu fallen. Denn das Verlieren ist eine Grundkonstante des menschlichen Lebens.“ Ist man einmal Clown, ist man immer Clown. Und mit dieser Einstellung will Klaus Werner-Lobo auch in die Politik gehen. Denn gerade in der Politik hätten alle permanent Angst davor, sich lächerlich zu machen. „Wenn man als Politiker so tun muss, als hätte man keine Fehler, dann kann man auch keine Empathie für Menschen empfinden, die nicht perfekt sind.“

Die Aufgabe des Clowns ist primär, zu irritieren, sagt er. Und außerdem fürchten die Mächtigen nichts mehr, als Menschen, die lachen. Denn wer lacht, hat keine Angst.

Text (gekürzt) erschienen auf oe1.ORF.at

Clown Army auf Youtube:
CIRCA Recruitment Video
Einsatz der Clown Army beim G8-Gipfel in Gleneagles
War on Error
Clown Army in Heiligendamm

Literatur-Tipp:
Joachim Kapuy, „Reclaim the clowns!” (Diplomarbeit)

Mehr zum Thema Clowns:

Teil 1: Hofnarren und Hanswürste

Teil 2: Vom Lachen, Scheitern und Heilen

Teil 3: Innere Clowns und Clowninnen

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