Tropicalismo & MPB (1) Musik und Widerstand

7 09 2015
SENDUNG: Radiokolleg "Brasiliens Musik unter der 
Militärdiktatur", Montag, 7. September,
9:45 Uhr und 22:40 Uhr, Ö1 
7 Tage Ö1 zum Nachhören 

Francisco Soriano ist leidenschaftlicher Akkordeon-Spieler. Gemeinsam mit seinem langjährigen Freund, dem Menschenrechtsanwalt Modesto da Silva sitzt er heute in seinem Wohnzimmer in Rio de Janeiro und musiziert. „Viele ehemalige Mitkämpfer haben ihr Trauma nie überwunden. Sie sind Alkoholiker geworden oder haben sich umgebracht“, erzählt Soriano, „was mir persönlich geholfen hat, nicht den Verstand zu verlieren, das war die Musik.“ Die beiden ehemaligen Widerstandskämpfer trinken chilenischen Rotwein und erzählen von der alten Zeit, die für sie keine gute Zeit war.

Plattencover "Tropicalia. Ou panis et circensis"

Feinfühlige Musik junger Intellektueller

1964 putscht sich in Brasilien das Militär an die Macht. Damals war Francisco Soriano in der Gewerkschaft des staatlichen Erdölkonzerns Petrobras aktiv. Nach dem Putsch verliert der überzeugte Kommunist seine Arbeit. Er schließt sich dem bewaffneten Widerstand an, wird geschnappt, eingesperrt und gefoltert.

Am meisten inspiriert habe ihn stets die Musik des brasilianischen Nordostens, erzählt Francisco Soriano: vor allem der Forró des berühmten Akkordeon-Spielers Luiz Gonzaga. Ein anderer Musiker, der für beide Zeitzeugen große Bedeutung hatte, war der Liedermacher Chico Buarque de Hollanda, erzählt Menschenrechtsanwalt Modesto da Silva: „Er stammt aus einer Intellektuellen-Familie. Schon als ganz junger Mensch hat er Musikwettbewerbe gewonnen. Seine Musik war sehr feinfühlig und oft politisch engagiert. Deshalb wurde er dann auch von der Diktatur verfolgt – wie so viele Künstler. Er musste sogar ins Exil.“

Poet der Bürgerrechtsbewegung
Der heute 88-jährige Modesto da Silva hat während der Diktatur hunderte politisch Verfolgte verteidigt. Darunter seinen Freund Francisco Soriano – und den Musiker Chico Buarque: „Einmal wurde Chico Buarque am Flughafen festgenommen. Damals war er gemeinsam mit einem anderen Intellektuellen – namens Antonio Callado – unterwegs. Der war mein Klient. Also fuhr ich hin und bemühte mich, die beiden wieder herauszubekommen. Sonst wären sie vermutlich länger in Haft geblieben.“

Immer wieder sollte der Musiker und Autor Chico Buarque Probleme mit dem Militärregime bekommen. Einige seiner Lieder werden verboten. 1968 stürmt ein Trupp von Kommunistenjägern die Aufführung seines Theaterstücks „Roda Viva“ und verhaftet die Schauspieler.

„Chico Buarque war ein Poet der Bürgerrechtsbewegung. Eine Schallplatte von Chico hatte großen Wert für uns, das war wie ein Geschenk“, erklärt die Soziologin Walquiria Leão. Sie engagierte sich damals auch gegen die Diktatur. In den bewaffneten Widerstand ging sie nur deshalb nicht, weil sie kleine Kinder hatte, erzählt sie. Jedoch versteckten sie und ihr Mann immer wieder politisch Verfolgte und engagierten sich heimlich in der Gewerkschaft: „Einmal hatte ich ein Gespräch mit Fabriksarbeitern, das mich sehr berührt hat. Es waren Schweißer, die eine sehr harte körperliche Arbeit verrichteten. Sie hatten schon seit Tagen viele Überstunden gemacht. Sie erzählten mir, wie müde sie waren. Ich fragte sie: Warum macht ihr so viele Überstunden? Und sie antworteten: Wir wollen die neue Platte von Chico kaufen.“

Zweite Generation des Bossa Nova
Chico Buarque gilt als Vertreter der sogenannten Música Popular Brasileira – der Brasilianischen Populärmusik. Kurz: MPB. Diese Strömung entstand Mitte der 1960er Jahre – unmittelbar nach dem Militärputsch – im linken Studenten-Milieu. Chico Buarque studierte zu dieser Zeit Architektur in São Paulo. Damals begann er, politisch zu werden, erzählt der Künstler dem brasilianischen Regisseur Raimundo Faro in der Doku „MPB nos tempos da ditadura“ (Die brasilianische Populärmusik in Zeiten der Diktatur): „Ich ging immer in die Studentenlokale, trank Bier und spielte Gitarre: Bossa Nova. Ich war selbst kein politischer Aktivist, aber natürlich war das alles Teil der linken Studentenszene. Es gab zwei Gruppen: die katholische Linke und die Kommunisten. Ich bewegte mich in beiden, ohne wirklich irgendwo dazuzugehören.“

Die MPB wird als die zweite Generation des Bossa Nova betrachtet. Die erste Generation war in den 1950er Jahren entstanden und hatte Jazz mit Samba kombiniert.

Ebenso wie der Bossa Nova, will die MPB eine typisch brasilianische Musik schaffen, die sich auf die eigenen kulturellen Wurzeln besinnt. Es ist eine Art Widerstand gegen den „westlichen Kulturimperialismus“. Der Beginn der neuen Música Popular Brasileira wir oft in Verbindung gebracht mit der Sängerin Elis Regina. 1965 interpretiert sie das Lied „Arrastão“, des Bossa Nova Komponisten Vinicius de Morães.

Brasilianische Variante der Beatles?
Ab Mitte der 1960er Jahre liefen im brasilianischen TV-Hauptabendprogramm Musikshows, die großen Festivals der MBP lockten Millionen Zuschauer vor die Bildschirme. Damals trat auch eine Gruppe junger Künstler in Erscheinung rund um die beiden Musiker Caetano Veloso und Gilberto Gil. Sie stammen fast alle aus dem Bundesstaat Bahía, im Nordosten Brasiliens. Auch sie greifen die kulturellen Wurzeln der brasilianischen Volksmusik auf – allerdings brechen sie mit dem Stil der MPB und vermischen traditionelle Musik mit internationalem Pop. Gilberto Gil sei damals großer Fan der Beatles gewesen, erzählt er in der Doku „Som de Vinyl: Tropicalia (Der Klang des Vinyls – Geschichte der Tropicalia): „Für mein Solo-Album Louvação war ich nach Pernambuco gereist. Dort hörte ich Ciranda und Maracatu. Die Volksmusik aus Pernambuco hat eine besondere Ausdruckskraft. Vieles dort im Nordosten erinnerte mich an das Album „Sgt. Pepper’s“ von den Beatles. Die hatten ja auch Volksmusik verwendet. Also wollte ich ein brasilianisches Äquivalent machen. Ich sprach mit Caetano darüber und sagte: Mischen wir alles zusammen und verändern wir die brasilianische Musik.“

Tropicalia nannten Gilberto Gil und Caetano Veloso ihre Bewegung. Der Name dürfte inspiriert gewesen sein von einer gleichnamigen Ausstellung des brasilianischen Künstlers Helio Oiticia, erzählt Regine Allgayer-Kaufmann von der Universität Wien: „Von Helio Oiticica geht die Idee aus, dass Kunst und das alltägliche Leben in einem gedacht werden müssen. Kunst und Leben sind nicht getrennt. Er liefert auch das Stichwort der partizipativen Kunst, die experimentell ist und auf Happenings abzielt.“

„Menschenfesser-Manifest“
Die Kulturbewegung Tropicalia umfasst Musiker, bildende Künstler, Theater- und Filmemacher. Der Tropicalismo ist inspiriert vom „Menschenfresser-Manifest“ des brasilianischen Autors Oswald Andrade aus dem Jahr 1928: Die Stärke Brasiliens sei es immer schon gewesen, sich auf kannibalische Weise andere Kulturen einzuverleiben. Dadurch würde etwas Neues entstehen.

Als musikalisches Manifest der Bewegung gilt das 1967/68 entstandene Album „Tropicália ou Panis et Circencis“. Das Cover der Platte ist eine Hommage an das Beatles-Album „Sgt. Peppers Lonely Heartclub Band“. Darauf posieren die beteiligten Musiker und Musikerinnen in Schlafröcken, Hippie-Kleidern und feinen Anzügen.

Das Lied „Enquanto seu lobo nao vem“ (zu Deutsch: Solang der Wolf nicht kommt), sei das politischste Lied der Platte „Tropicalia ou panis et circenses“, erklärt Caetano Veloso in der Dokumentation „O som de vinyl“. Das Lied drücke versteckte Sympathie aus für den bewaffneten Widerstand gegen die Diktatur.

Versteckte Kritik
Der Wald, der in dem Lied vorkommt, ist ein Symbol der Guerilla, der Ort, wo sie sich versteckt hält. Auf der Avenida Presidente Vargas im Zentrum von Rio de Janeiro, die ebenfalls besungen wird, finden traditionellerweise Demonstrationen gegen die Regierung statt: Im Jahr 1968 beispielsweise der „Marsch der Hunderttausend“. Daran nehmen auch Caetano Veloso, Gilberto Gil und Chico Buarque teil. Es wird die letzte große Kundgebung gegen das Regime für lange Zeit. Ein halbes Jahr später sollte das Militärregime eine härtere Gangart einschlagen: Bürgerrechte werden außer Kraft gesetzt, die Zensur verschärft, politische Gegner brutal verfolgt.

Die Tropicalistas verstören viele Menschen in Brasilien. Konservative Gesellschaftsschichten sind entsetzt über die ungewohnten Harmonien, die Hippie-Kostüme und das wilde Verhalten auf der Bühne. Aber auch die studentische Linke hat wenig Freude mit dem Tropicalismo. Sie verehrt Protestliedermacher, wie Geraldo Vandré, der explizit von bewaffneten Soldaten singt. Da klingen die Texte des Tropicalismo vergleichsweise harmlos und zudem unverständlich. Die versteckte Kritik der poetischen, symbolhaften Sprache sollte erst später verstanden werden.

 

 


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