Militärdiktatur (3) Unterdrückung und Widerstand

15 04 2015
SENDUNG: Radiokolleg, Mittwoch, 15. April 2015, 
9:30 und 22:40 (WH), Ö1

Im Jahr 1968 wird Brasilien von einer Protestwelle überzogen. Studenten, Künstler, Intellektuelle gehen auf die Straße. Das ganze kulminiert als am 28. März der Student Edson Luiz von der Militärpolizei erschossen wird. Im Juni organisiert die Studentenbewegung in Rio de Janeiro den Marsch der Hunderttausend. Ab jetzt greift das Regime mit harter Hand durch: es wird scharf geschossen, Studentenführer verhaftet. Im Dezember erlässt Diktator Costa e Silva den sogenannten Institutionellen Akt Nummer Fünf (AI-5). Ab sofort sind alle Kundgebungen untersagt, die Verfassung außer Kraft gesetzt, das Parlament geschlossen. Die „Anos do Chumbo“, die „bleiernen Jahre“ beginnen.

(c) Cid Benjamin

Polizeiakte von Cid Benjamin

 

Ein legitimer politischer Fehler

„Wir wurden regelrecht in den bewaffneten Widerstand gedrängt“, erzählt der ehemalige Widerstandskämpfer Cid Benjamin. Er ist ein Kind der 1968-er Generation. Bis zum AI-5 war er Studentenführer in Rio de Janeiro gewesen. „Plötzlich blieben uns kaum noch legale Möglichkeiten für den politischen Widerstand: die Presse wurde zensiert, der Kongress war geschlossen, die Repression enorm. Außerdem waren wir von zwei ausländischen Vorbildern beeinflusst: der Revolution in Kuba und dem Krieg in Vietnam. Der zeigte: der Kleine kann den Großen besiegen – wenn er den Rückhalt der Bevölkerung hat.“

Heute weiß Cid Benjamin, dass das Ganze ein Fehler war. Nach wie vor ist er überzeugt, dass es legitim war, angesichts der Unterdrückung zu den Waffen zu greifen. Doch politisch gesehen, war es ein Fehler. Nach fünf bis sechs Jahren war die Guerilla in Brasilien völlig zerschlagen, der Großteil ihrer Mitglieder tot, im Gefängnis oder ins Ausland geflüchtet. Doch im Nachhinein ist leicht reden.

Damals, Ender der 1960er, schließt sich der Studentenführer Cid Benjamin der Widerstandsgruppe „Revolutionäre Bewegung 8. Oktober“ an (MR-8). Mit knapp 21 Jahren ist er bereits Chef des bewaffneten Arms der Gruppe. Er raubt Banken aus, überfällt Polizeistationen und Militärstützpunkte, um Waffen zu erbeuten. Das Militär macht Jagd auf die Gruppe. Um verhaftete Mitkämpfer freizupressen, entführt die MR-8 im September 1969 den US-amerikanischen Botschafter Charles Burke Elbrick. Es war Cid Benjamin, der die Idee dazu hatte. Er sollte später hart dafür büßen.

Cid Benjamin nach seiner Freilassung. Mitkämpferin Vera wurde dermaßen gefoltert, dass sie nicht allein gehen kann.

Cid Benjamin nach seiner Freilassung. Mitkämpferin Vera Sílvia Magalhães war dermaßen gefoltert worden, dass sie nicht allein gehen kann.

Kaltes Bier, Ho Chi Minh und Steckbriefe
„Den Botschafter zu entführen war sehr einfach“, erzählt Benjamin, „er war unvorsichtig. Er hatte keine Leibwächter und nahm jeden Tag denselben Weg zur Botschaft. Ihn freizulassen, war viel komplizierter. Denn unser Versteck war entdeckt worden. Die Militärs der Marine verfolgten unser Auto. Wir lieferten uns ein Rennen, wie man es aus amerikanischen Filmen kennt: Autos, die bei Rot über die Kreuzung rasen, über den Gehsteig, verwirrte Passanten. Schließlich konnten wir die Militärs abhängen. Wir ließen den Botschafter frei – gesund und unversehrt. Danach feierten wir das Ganze mit eiskaltem Bier.“

15 gefangene Regimegegner – 14 Männer und eine Frau – wurden gegen den Botschafter eingetauscht. Leider habe er seine Kidnapper nie gesehen, wird US-Botschafter Charles Burke Elbrick hinterher bei der Polizei aussagen, denn sie hätten sich ihm nur mit vermummten Gesichtern genähert. Alles gelogen, verrät Kidnapper Cid Benjamin: „Unser Verhältnis zum Botschafter war sehr gut. Zu unserer großen Überraschung war er sehr fortschrittlich. Die USA unterstützten zwar die Militärdiktatur, er persönlich aber nicht. Wir unterhielten uns viel, es entstand eine Beziehung mit gegenseitigem Respekt. Zu seiner Freilassung schenkten wir ihm einen Gedichtband – das „Gefängnistagebuch“ von Ho Chi Minh. Er sprach danach sehr gut über uns. Er sagte, wir seien junge Idealisten, die das beste für ihr Land wollen. Er respektiere unsere Ziele, aber er sei nicht einverstanden mit unseren Methoden.“

Doch die Militärs haben ihre Quellen. Von nun an steht Cid Benjamin ganz oben auf der Fahndungsliste. Die Stadt sei vollgepflastert gewesen mit seinem Steckbrief „wie im wilden Westen“, erzählt der heute 66-Jährige. Der Kreis zog sich zu. Im April 1970 wird Cid Benjamin auf der Straße verhaftet und in eines der berüchtigten Folterzentren des DOI-CODI gebracht. 20 Tage lang ist er wie vom Erdboden verschluckt, niemand weiß, was geschehen ist. Er erinnert sich noch genau, was ihm damals durch den Kopf ging, als er im Wagen der Militärpolizei saß: „Ich war mir ganz sicher, dass ich sterben würde unter der Folter. Meine größte Sorge damals war, dass ich andere Personen mitnehmen könnte.“ Gerade während der ersten Tage sei die Folter sehr intensiv gewesen: „Als Gefolterter spielst du mit falschen Informationen, um Zeit zu gewinnen. Dann kannst du ein wenig durchatmen, bevor es erneut beginnt, weil sie herausgefunden haben, dass die Informationen falsch waren. Es ist ein ständiger Kampf gegen die Zeit. Nach 20 Tagen erfuhr ich, dass meine Familie über die Festnahme informiert worden war. Das waren sehr gute Nachrichten.“

Gute und böse Cops
Innerhalb der Guerilla sei man auf die Verhöre vorbereitet worden, erzählt der ehemalige Widerstandskämpfer Francisco Soriano: „Einige Mitkämpfer hatten das ja schon über sich ergehen lassen und wussten, wie es dort war. Bei der Befragung erklärt dir einer: Du weißt schon, hier herinnen bleibt niemand standhaft. Du hast verloren, besser du erzählst uns gleich alles. Wie? Du willst nicht kooperieren? Na gut, dann kümmert sich die nächste Schicht um dich. – Dann kommen andere, die prügeln dich, werfen dich zu Boden, verpassen dir Elektroschocks. Du übergibst dich, du pinkelst dich an. – Und dann kommt wieder der Gute und versucht, dich auf seine Seite zu ziehen.“

Francisco Soriano war ursprünglich in der Gewerkschaftsbewegung aktiv gewesen, beim staatlichen Erdölkonzern Petrobras. Doch dort hatte man ihn wegen linker Umtriebe entlassen. Er fand keinen Job mehr, weil sich sein Name auf einer schwarzen Liste befand. Er hatte keine Perspektiven im Leben und der bewaffnete Widerstand erschien ihm als der einzig mögliche Weg in diesem Moment. Also wurde er Mitglied in der bewaffneten Widerstandsgruppe ALN – Nationale Befreiungsaktion. Er leistet dort Unterstützungsdienste, versteckt Waffen, mietet Wohnung an, die als geheime Treffpunkte dienen.

Polizeiakte von Francisco Soriano.

Polizeiakte von Francisco Soriano.

Bürokratie und Revolution
Schon lange davor war er Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen. Diese hatte sich ausdrücklich gegen den bewaffneten Kampf ausgesprochen. Daher spaltete sich eine radikale Gruppe rund um einen gewissen Carlos Marighella von der Partei ab, erinnert sich Soriano: „Marighella sagte: die kommunistischen Parteien sind zu schwerfällig und zu bürokratisch, um eine Revolution zu organisieren. Sie brauchen so lange für Entscheidungen. Wir waren ungeduldig und beneideten andere Gruppen, die schon Richtung bewaffneten Kampf gingen. Heute sage ich: wir haben damals vieles überstürzt. Wir dachten, die Voraussetzung für eine erfolgreiche Revolution sei gegeben: eine grausame Diktatur. Aber es hätte mehr gebraucht. Zum Beispiel eine Wirtschaftskrise, mit hoher Arbeitslosigkeit. Leider gab es die nicht. Das Land wuchs gerade.“

Francisco Soriano wird schließlich geschnappt und auf die Gefängnisinsel „Ilha das Flores“ gebracht. Endlich darf er wieder Besuch empfangen. Seine Familie kommt mit einem besonderen Gast: Modesto da Silveira, einem der bekanntesten Menschenrechtsanwälte in Rio de Janeiro: „Er war die erste Person, die ich traf, nach 30 Tagen Isolation. Meine Brüder hatten ihn mitgebracht. Ich sagte zu ihm: Ich weiß aber nicht, wie ich Sie bezahlen soll. Er antwortete: ich bin auch nicht wegen des Geldes hier.“

Francisco Soriano demonstriert, welche Grimasse er damals geschnitten hat, um auf dem Polizeifoto möglichst unerkennbar auszuschauen.

Francisco Soriano demonstriert, welche Grimasse er damals geschnitten hat, um auf dem Polizeifoto möglichst unerkennbar auszuschauen.

Geheime Botschaften an der Wand
Bis heute verbindet die beiden Männer eine enge Freundschaft. Modesto da Silveira ist inzwischen 88 Jahre alt. Er habe hunderte Klienten gegen die Willkür der Militärdiktatur verteidigt, erinnert er sich Dafür habe er teuer bezahlen müssen. Er wurde selbst bedroht, verschleppt, psychologisch gefoltert – denn bei Anwälten wagten es die Militärs nicht, Spuren am Körper zu hinterlassen, erzählt Silveira.

Am kompliziertesten seien damals jene Fälle gewesen, wenn Regimegegner ohne Haftbefehl plötzlich verschwanden: „Wenn wir durch Rio de Janeiro spazieren, dann kann ich dir an fast jeder Ecke einen Ort zeigen, wo sie damals politische Gefangene festhielten. Und überall hatte ich Klienten. Als Anwalt hatte ich das Recht, meine Klienten zu besuchen. Also klapperte ich in solchen Fällen alle Haftanstalten ab und fragte meine Klienten: Wir suchen einen verschwundenen Mann, 21 Jahre, so und so groß, diese und jene Haare. Wenn möglich, zeigte ich ihnen Fotos. Gebt Bescheid, falls er auftaucht und achtet darauf, ob er vielleicht eine Nachricht an einer Wand hinterlassen hat.“ Manchen Verschwunden habe er so das Leben retten können, erzählt Modesto da Silveira. Andere wiederum seien nie wieder aufgetaucht. Weder lebendig, noch tot.

Francisco Soriano (links) und Modesto da Silveira (rechts).

Francisco Soriano (links) und Modesto da Silveira (rechts).

Das Haus des Todes
Das Kolonialstädtchen Petrópolis liegt in der Hügellandschaft Serra dos Orgãos etwa 60 Kilometer von Rio de Janeiro entfernt. Im frühen 19. Jahrhundert ließ hier Kaiser Dom Pedro II eine Sommerresidenz errichten, für sich und seine Gattin, Maria Leopoldine von Österreich. In einem etwas abgelegenen Berggässchen steht ein unauffälliges weißes Einfamilienhaus mit dunkler Vergangenheit. „Haus des Todes“ wird es genannt. Demnächst soll es in eine Gedenkstätte verwandelt werde, erklärt Wadi Damous, Präsident der Nationalen Wahrheitskommission von Rio de Janeiro. Diese erforscht die Gräuel der Militärdiktatur und sucht nach den Spuren verschwundener Gefangener. Einige führen nach Petrópolis. „Dieses Privathaus wurde vom Informationsdienst der Armee angemietet, mit dem Ziel dort Menschen zu töten, verschwinden zu lassen und zu foltern“, erklärt Damous, „wer da hingebracht wurde, kam für gewöhnlich nicht mehr lebendig heraus. Es gibt nur eine einzige Person, die dieses Haus überlebt hat. Daher wissen wir davon. Ohne sie hätten wir es vielleicht niemals erfahren.“

Inês Etienne Romeu, führendes Mitglied der bewaffneten Widerstandsgruppe „Revolutionäre Volksfront“, war 1971 in Sao Paulo verschleppt und nach Petrópolis gebracht worden. Drei Monate wurde sie im Haus des Todes festgehalten, gefoltert und vergewaltigt. Lange Zeit weiß sie nicht, wo sie sich befindet, zufällig hört sie immer wieder Telefongespräche mit an, die Namen von Mithäftlingen werden genannt, die sie nie zu Gesicht bekommt. Mehrfach versucht sie, sich das Leben zu nehmen. Schließlich täuscht sie ihren Peinigern vor, als Spitzel arbeiten zu wollen und wird freigelassen.

Oberst Paulo Malhães arbeitete damals für den Informationsdienst der Armee. Er war verantwortlich für das Haus des Todes in Petrópolis. Es habe mehrere solcher Häuser gegeben, sagt er vor der Wahrheitskommission aus. Die Leichen seien in Flüssen entsorgt worden. Um sie unidentifizierbar zu machen, habe man das Kiefer zertrümmert und die Fingerkuppen abgeschnitten, so der Militär. Er bereue nichts, habe nur seine Pflicht getan. Etwa einen Monat nach seiner Aussage vor der Kommission wird Oberst Malhães in seinem Haus in Rio de Janeiro überfallen und getötet. Gewöhnlicher Raubmord, sagt die Polizei.

Ein Dank an das Leben
„Natürlich stimmt das nicht“, ist Ex-Guerilla-Kämpfer Cid Benjamin überzeugt, „es war eine Warnung der Militärs: Wer von euch redet, ist tot.“ Auch Cid Benjamin hat für die Wahrheitskommission in Rio de Janeiro gearbeitet. Bei dieser Gelegenheit hat er einen seiner ehemaligen Peiniger getroffen: „Er erinnerte sich an mich und sagte: Aber Cid, ich habe dich gar nicht gefoltert. Ich antwortete ihm: Oberst, ich hing kopfüber an einer Eisenstange. Da waren zehn von euch im Raum, die mich schlugen und mir Elektroschocks verpassten. Ich weiß nicht mehr genau, ob Sie mir persönlich Elektroschocks verabreicht oder mich geschlagen haben. Aber Sie waren dabei. Das gab er zu. Wir tauschten Telefonnummern aus und trafen uns einmal zum Mittagessen. Ich wollte ihn überreden, mit der Wahrheitskommission zusammenzuarbeiten. Doch er hatte Angst davor, getötet zu werden.“

Cid Benjamin selbst war damals, im Jahr 1970 zwei Monate nach seiner Verhaftung freigekommen. Seine Mitkämpfer hatten dafür den deutschen Botschafter entführt. Cid Benjamin und 39 weitere Widerstandskämpfer werden in einen Flieger nach Algerien gesetzt. Von nun an ist er ein Verbannter. Zehn Jahre verbringt er im ausländischen Exil und bekommt schließlich politisches Asyl in Schweden. Davor führte ihn sein Weg nach Kuba, Mexiko und Chile – wo er im Jahr 1973 den Militärputsch von General Pinochet miterlebte. Vor zwei Jahren hat Cid Benjamin seine Memoiren als Buch herausgebracht: „Gracias a la vida“ – ein Dank an das Leben. Der spanisch-sprachige Buchtitel ist eine Hommage an ein Lied der chilenischen Protestsängerin Violeta Parra. „Das ist kein Buch eines Opfers“, betont der heute 66-Jährige, „ich liebe das Leben und ich genieße es. Ich lese gerne, liebe Musik und Feste, den Karneval, den Fußball. Ja, ich habe sehr harte Momente erlebt, auch die waren Teil meines Lebens. Aber wenn du mich fragst: Würdest du alles noch einmal genau so machen, dann würde ich sagen: Ja.“

DL


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