Albanien: Europas letzter Wildfluss in Gefahr

14 10 2015
SENDUNG: Journal Panorama, Mittwoch, 14. Oktober 2015, 
18:25 Uhr, Ö1 / Tage Ö1 zum Nachören

Wasserkraft gilt als eine sehr saubere Energieform. Gerade in Zeiten des Klimawandels wollen viele Regierungen daher auf erneuerbare Energien setzen. Doch auch Wasserkraftwerke können große Schäden an Ökosystemen anrichten. Derzeit schauen Europas Umweltschützer mit besorgtem Blick auf die Balkanländer, wo unzählige Staudammprojekte geplant sind. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Vjosa in Albanien. Sie ist der letzte unregulierte Wildfluss Europas.

(c) Siobhan Geets

„Hände weg von der Vjosa“
April 2015: Eine Gruppe von etwa 150 Demonstranten hat sich am Flussufer der Bencë versammelt, einem kleinen Nebenfluss der Vjosa, im Süden Albaniens. „Hände weg von der Vjosa“ steht auf ihren Transparenten. Insgesamt sind 33 Wasserkraftwerke entlang der Vjosa geplant. Auch deren Zuflüsse bleiben nicht verschont. Hier an der Bencë werden fünf kleine Wasserkraftwerke errichtet. Die Bauarbeiten haben zum Teil schon begonnen.

Unter den Demonstranten: der Sänger Golik Jaupi, Meister des traditionellen iso-polyphonen Gesangs, der mittlerweile UNESCO-Kulturerbe ist. Golik besingt die Schönheit des Bencë-Flusses, der sich mit seinem kristallklaren grün-blauen Wasser zwischen den Bergen durch schlängelt. „Ich war von Anfang an bei den Protesten aktiv. Seit sie begonnen haben, hier ein Wasserkraftwerk zu bauen“, erklärt der Sänger, „wir müssen die Regierung überzeugen, unseren Fluss zu schützen. Wir müssen ihre Köpfe überzeugen und auch ihre Herzen.“

Das blaue Herz Europas
Unterstützt werden die lokalen Aktivisten von Umweltschutzorganisationen aus der albanischen Hauptstadt Tirana, aus Deutschland und Österreich. Sie haben gemeinsam die Kampagne „Rettet das blaue Herz Europas“ ins Leben gerufen. Ausgangspunkt war eine Studie über den Zustand der Flüsse in der Balkanregion. Dabei wurde festgestellt, dass etwa 80 Prozent der Balkanflüsse noch in einem hervorragenden hydromorphologischen Zustand sind, erklärt Ulrich Eichelmann, Geschäftsführer der österreichischen Umweltschutzorganisation Riverwatch: „Auch die Artenvielfalt ist enorm. Es gibt 69 Fischarten, nur dort leben und sonst nirgendwo auf der Welt. Leider ist diese Vielfalt enorm bedroht.“

Laut Studie von Riverwatch und EuroNatur sind in der untersuchten Region am Balkan etwa 2.700 Wasserkraftwerke geplant. Allein in Albanien sollen in den kommenden Jahren mehr als 400 gebaut werden. Unter anderem mit österreichischer Beteiligung. Besonders umstritten sind die geplanten Staudämme entlang der Vjosa in Albanien.

Der letzte völlig unregulierte Wildfluss Europas entspringt im Nordosten Griechenlands, wo er Aoos genannt wird. Nach 270 Kilometern mündet die Vjosa ins adriatische Meer. Die enorme Artenvielfalt dieses einzigartigen Ökosystems sei noch gar nicht vollständig erforscht, sagt der albanische Biologe Olsi Nika: „Wenn du hier auch nur einen einzigen Staudamm baust, tötest du den Fluss.“

(c) Siobhan Geets

Nationalpark ohne Kraftwerke?
Was die Umweltschützer fordern: Einen Nationalpark entlang der Vjosa. Aber einen richtigen, in dem keine Kraftwerke gebaut werden dürfen. Dieser Forderung schließen sich zahlreiche Bürgermeister der Region an. Sie haben ein anderes Entwicklungsmodell für die ländliche Gegend im Süden Albaniens im Auge als die Zentralregierung: Sie wünschen sich ökologische Landwirtschaft und Ökotourismus. Da käme eine ein Nationalpark nur Recht. Werden sie mit ihrer Forderung erfolgreich sein?

Die Chancen stehen schlecht. Denn Albanien braucht ausländisches Kapital: Vergangenes Jahr betrugen die Investitionen von ausländischen Firmen in den albanischen Wasserkraftsektor zehn Prozent des albanischen Bruttoinlandsproduktes. Es vergehe kaum ein Tag, an dem er nicht von irgendeiner ausländischen Wasserkraftfirma angerufen werde, erzählt Premierminister Edi Rama. Der Druck sei enorm. Europäische Entwicklungsbanken und Klima- und Ökofonds vergeben billige Kredite für Wasserkraftprojekte. Außerdem braucht Albanien mehr Strom. Derzeit ist das Land Netto-Importeur. Nur etwa 35 Prozent der Wasserkraftressourcen werden tatsächlich genutzt.


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