Was der Staat vom Burger-Shop lernen könnte: Interview mit Tiago Peixoto

28 05 2013

SENDUNG: Matrix, Sonntag, 26. Mai 2013, 22:30 Uhr, Ö1 /

ICT4Gov (ICT for Governance) nennt sich ein Programm der Weltbank. Kommunikationstechnologien sollen eine bessere Regierungsführung ermöglichen. Bürger sollen ermächtigt werden, diese auch einzuführen. Unter diesem Motto führt die Weltbank zahlreiche Pilotprojekte in Entwicklungs- und Schwellenländern durch. Unter anderem auch in Konfliktregionen, wie der Demokratischen Republik Kongo. Der Brasilianer Tiago Peixoto ist Open Government-Experte bei der Weltbank. Er hat sowohl die Regierungen von Brasilien und Großbritannien, wie auch die Vereinten Nationen in Sachen E-Governance beraten und war Ko-Autor des “2010 United Nations e-Government Surveys”. Im Mai 2013 war er Keynote-Speaker auf der CeDEM an der Donau-Universität Krems.

(c) CeDEM

Wo sehen Sie das Potential von Kommunikationstechnologien für die Demokratieentwicklung in Entwicklungsländern?

Technologie hat die Aufgabe, bereits existierende Aktivitäten zu ergänzen. Ich selbst komme ja aus Brasilien und ich weiß: nicht jeder hat Internet-Zugang. Daher kann man keinen Beteiligungsprozess machen, der ausschließlich im Netz stattfindet. Damit würde man große Teile der Bevölkerung ausschließen. Aber Technologie kann neue Teilnehmer bringen, denen das bisher nicht möglich war. In Brasilien sind das zum Beispiel die Frauen. Die meisten arbeiten tagsüber in ihrem Job und abends kümmern sie sich um Haushalt und Kinder. Aber darum kommen zu den abendlichen Versammlungen viel mehr Männer als Frauen. Als wir in Brasilien das Internet im Rahmen von partizipativen Bürgerhaushalten einführten, stieg plötzlich die Beteiligung von Frauen. Den Rest des Beitrags lesen »





Südsudan: Mehr Chancen für Menschen mit Behinderung

22 01 2013

SENDUNG: Journal Panorama, Dienstag, 22. Jänner 2013, 18:25 Uhr, Ö1

80 Prozent aller Menschen mit Behinderung leben in Entwicklungsländern. Denn häufig ist die Ursache für Behinderungen Armut – oft in Kombination mit Krieg. Zum Beispiel im Südsudan. Vor eineinhalb Jahren hat sich der großteils christliche Süden des Sudan vom muslimischen Norden abgespalten. Nach einem mehr als 20 Jahren dauernden Bürgerkrieg, der zwei Millionen Menschenleben gefordert hat. Der Krieg hat Spuren hinterlassen: Bildungs- und Gesundheitssystem sind völlig zusammengebrochen und viele Menschen leiden heute an Behinderungen. Zahlreiche NGOs – auch aus Österreich – helfen derzeit im Südsudan beim Wiederaufbau des Landes. “Licht für die Welt” zum Beispiel kümmert sich um die Bedürfnisse behinderter Menschen. Die Hilfsorganisation will ihnen Zugang zu assistierenden Technologien und Bildung schaffen.

(c) ullae

Flying Doctors

“Es war ein quälendes Interview”, wird Gerhard Schuhmann hinterher sagen. Schuld daran sind weniger meine Fragen, als vielmehr die Moskitos, die uns während des Gesprächs beinahe auffressen. Wir sitzen in der etwas abgelegenen südsudanesischen Provinz Mundri, am Gästeareal der lokalen Hilfsorganisation SEM, wo wir in einfachen Lehmhütten untergebracht sind. Es ist Dämmerung, die Jagdzeit der blutrünstigen Stechmücken hat begonnen. Sie freuen sich über das Frischfleisch aus Europa.

Der Augenarzt Gerhard Schuhmann ist im Vorstand der österreichischen NGO “Licht für die Welt” und fährt bereits seit 30 Jahren immer wieder in diese Region. Während des Krieges war es kaum möglich, die Hauptstadt Juba zu verlassen, erzählt er: “Unmittelbar nach dem Friedensvertrag von 2005 sind wir von Kenia aus in sehr entlegene Gebiete hinein geflogen. Mit einem Operationsteam waren wir 1-2 Wochen dort und haben Augenoperationen durchgeführt”. Damals wurde der kleine Ort Lokichoggio in Kenia, nahe der Grenze zum Südsudan zum Verteilungszentrum für Hilfsgüter. Von dort flogen auch die Augenärzte in den Südsudan. Jetzt, nach der Staatsgründung, geht es darum, lokales Personal auszubilden und eigene Gesundheitsstrukturen aufzubauen, die bis in die entlegensten Gebiete reichen. Da steht noch sehr viel Arbeit bevor. Der Krieg hat seine Spuren hinterlassen.

Was Infrastruktur anbelangt, so ist der Südsudan das mit Abstand am wenigsten “entwickelte” Land, das ich je besucht habe. Der Südsudan ist etwa so groß wie Deutschland, hat jedoch nur rund 100 Kilometer asphaltierte Straßen – und die Großteils rund um die Hauptstadt. Kraftwerk besitzt das am Weißen Nil gelegene Land kein einziges. Die gesamte Stromversorgung funktioniert nur mit Hilfe von Dieselgeneratoren.

Eine Kindheit auf der Flucht
Eine rote Sandstraße bildet das Zentrum der Provinzstadt Mundri Town. Links und rechts davon kleine Geschäfte mit Wellblechdächern. Hier werden Damenunterwäsche, Ziegelsteine und Bier verkauft. Letzteres meistens lauwarm. Abseits der Hauptstraße leben die Stadtbewohner in Lehmhütten mit Strohdächern. “Die wenigen, die Bildung haben, die bekommen jetzt Jobs in der Regierung”, erklärt uns eine Frau namens Ras Ulala, “für uns Analphabeten hat sich gar nichts geändert durch die Unabhängigkeit. Wir leiden nach wie vor.”

Ras Ulala hat fünf Kinder. Zwei davon sind intellektuell beeinträchtigt. Schuld daran ist die sogenannte Nickkrankheit – eine mysteriöse Krankheit, die das Gehirn schädigt und häufig in der Region Mundri auftritt. Die Familie wird von der christlichen Organisation SEM (South Sudan Evangelical Mission) betreut – lokale Projektpartner von “Licht für die Welt”. Sie ermutigen Ras Ulala, ihre Kinder trotzdem in die Schule zu schicken. So wie die meisten Erwachsenen hier in der Region, hat die Mutter selbst niemals eine Schule besucht. 18 Jahre ihres Lebens musste sie sich im Busch verstecken, denn der Bezirk Mundri war lange Zeit Kriegsschauplatz. Hier im Wald hatten die Rebellen der SPLA ihre Lager, die Regierungsarmee machte Jagd auf sie und bombardierte Dörfer aus der Luft.

“Immer wieder sind Soldaten der Regierungsarmee in den Busch gekommen, auf der Suche nach Rebellen. Sie haben Menschen umgebracht und ihre Sachen geraubt”, erzählt Matatia Korobo. Er ist einer der Mitbegründer der Hilfsorganisation SEM. “Darum waren wir ständig unterwegs von einem Ort zum anderen. Besonders hart war das für Frauen und Kinder. Die Leute schliefen im Freien, auch in der Regenzeit. Ohne Moskitonetz, ohne Matratze. Einfach so auf der Erde”, erinnert sich Matatio Korobo. Er stammt aus Mundri und ist heute 45 Jahre alt. Als er geboren wurde, tobte gerade der erste Unabhängigkeitskrieg im Süden des Sudan, der sogenannte Anya-Nya-Krieg (1975-72). Die ersten fünf Jahre seines Lebens verbrachte er im Busch, ständig auf der Flucht. Als nach wenigen Jahren des Friedens schließlich 1983 der nächste Unabhängigkeitskrieg begann, schloss er sich der Rebellenarmee SPLA an.

(c) ullae

Aus Rebellen werden Sozialarbeiter
Acht Jahre hat er gekämpft, dann ging er in ein Flüchtlingslager in Kenia. Nach dem Friedensabkommen 2005 kehrte er zurück: “Andere blieben im Lager. Bis heute. Viele haben psychische Probleme. Der Krieg wirkt immer noch nach. Aber es ist wichtig, den Leuten in den Lagern zu sagen, dass sie zurück kommen sollen in den Südsudan. Wir müssen ihnen dort etwas über ihr Land erzählen.” Noch im Flüchtlingslager in Kenia gründete Matatio Korobo gemeinsam mit anderen ehemaligen Kämpfern die sudanesische evangelische Mission (SEM). Die NGO betreibt heute Sozial- und Bildungsarbeit im Bezirk Mundri und kümmert sich vor allem um Menschen mit Behinderung. Die Mitarbeiter von SEM versuchen, auszukundschaften, wo Familien mit behinderten Kindern leben. Denn solche Kinder gelten hier als Strafe Gottes und werden häufig versteckt. SEM schickt Trainer vorbei, die – je nach Art der Behinderung – therapeutische Turnübungen machen, Braille-Schrift oder Gebärdensprache üben.

Doch, nicht aus allen ehemaligen Rebellen wurden Sozialarbeiter. Immer wieder sieht man im Südsudan bewaffnete Uniformierte, die im Schatten der Bäume untätig herumsitzen. Die SPLA, die Armee des Südsudan muss dringend verkleinert werden, meint Bullen Abetara, Lokalchef der Regierungspartei SPLM in Mundri: “Wir haben begonnen, die ehemaligen Kämpfer wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Sie werden entwaffnet und gehen zurück zu ihrer Familien. Wir brauchen nicht so eine riesige Armee. Und wir sind auch gar nicht in der Lage, sie zu bezahlen.”

Ganz friedlich ist die Lage im Südsudan freilich noch nicht: Im östlichen Bundesstaat Jonglei kämpft Rebellenführer David Yao Yao gegen die Zentralregierung in Juba. Im Norden gibt es immer wieder Konflikte mit dem Erzfeind Sudan um den Grenzverlauf. Jetzt hofft Bullen Abeatar dringend darauf, dass das Erdöl irgendwann wieder zu fließen beginnt und dass ein Teil der Einnahmen auch bis in seine Provinz, nach Mundri, gelangen. Um Straßen zu bauen, ein Stromnetz, Krankenhäuser und vor allem: Schulen. Denn zwei Jahrzehnte Krieg haben das Bildungssystem komplett ruiniert.

Unterrichten aus Idealismus
Schauplatzwechsel. Die Upper Primary School in Lui ist eine von sieben Volksschulen im Bezirk Mundri West. Die Wände der Klassenräume sind übersät mit Einschusslöchern – und mit Graffitis, die an Verstorbene Kämpfer erinnern. Während des Krieges – als die Bevölkerung in den Busch geflüchtet war – diente das Schulgebäude als Unterkunft für Soldaten. Heute werden hier 1.000 Schüler und Schülerinnen unterrichtet. Von nur 18 Lehrern, erzählt Peter Wula Elika, einer der ältesten Lehrer hier: “Wir bekommen fast kein Geld von der Regierung. Aber Gott ist groß und unser Land muss sich erst entwickeln, es ist noch sehr jung. Ein Kind kann ja auch nicht an einem Tag wachsen.” Kaum ein Lehrer im Südsudan kann von seinem Gehalt leben. Oft bekommen sie ihr Geld erst mit monatelanger Verspätung. Die meisten betreiben nebenbei eine kleine Landwirtschaft. Englisch ist die offizielle Amtssprache im Südsudan. Der Lehrer Peter Wula Elika spricht es gebrochen. Und doch wird es seine Aufgabe sein, die Sprache den Kindern beizubringen.

Im Bildungsministerium in der Hauptstadt Juba spricht man die Probleme offen an: “Eines unserer Probleme ist die Infrastruktur, ein anderes die Qualität der Lehrer. 44 Prozent der Lehrer haben nur einen Volksschulabschluss. In Europa würden sie nicht einmal in die Nähe einer Klasse kommen – es sei denn als Schüler. 53 Prozent der Lehrer haben Matura und nur drei Prozent einen Universitätsabschluss”, sagt Bildungsstaatssekretär Deng Deng Hoc Yai. Er hat ehrgeizige Pläne: Bereits in fünf Jahren soll mehr als die Hälfte der Lehrer einen Universitätsabschluss haben und die Gesamtzahl der Lehrer soll sich verdoppeln.

Wandernde Schulen
Deng Deng Hoc Yai hat in Kairo und London studiert. Sein Englisch ist hervorragend, seine Ausdrucksweise gewählt und er wirft mit Zahlen ums ich, ohne ein einziges Mal in seine Unterlagen blicken zu müssen. Doch ursprünglich stammt er aus einem kleinen Dorf im Bundesstaat Bhar El Ghazal, erzählt er. Seine Eltern waren Analphabeten und sein genaues Geburtsdatum kennt er nicht. Er hatte als einer der wenigen aus seinem Dorf die Möglichkeit, die städtische Schule zu besuchen. Etwa einer Million Kinder im Südsudan – das ist ca. ein Drittel – bleibt der Schulbesuch heute verwehrt. Man müsse die Schulen zu den Kindern bringen und nicht ländliche Kinder in städtische Schulen, betont der Staatssekretär für Bildung: “Gerade in ländlichen Regionen, wo viele Nomaden und Viehzüchter leben, ist das ein Problem. Die Eltern würden ihre Kinder niemals allein in die Stadt schicken. Daher versuchen wir, mobile Schulen zu entwickeln, die den Rinderherden folgen.”

In den kommenden Jahren will die südsudanesische Regierung zehn Prozent ihres Budgets in den Bildungssektor stecken – vorausgesetzt es gibt wieder Einnahmen. Derzeit ist der Südsudan abhängig von internationalen Hilfsgeldern. Ein Schwerpunkt des Bildungsministeriums: Kinder mit Behinderungen sollen in den normalen Unterricht integriert werden, erklärt Deng Deng Hoc Yai. Denn durch den Krieg wurden viele Menschen verletzt und verstümmelt. “Es wurden häufig Streubomben abgeworfen, in denen Nägel und andere spitze Gegenstände drin waren”, erinnert sich Hoc Yai. Auch Landminen seien nach wie vor vergraben.

Die Blindheit lauert beim Fluss
Der Krieg ist aber auch indirekt schuld an vielen Behinderungen im Südsudan. Denn die Gesundheitsversorgung brach in dieser Zeit völlig zusammen. Impfungen gab es nicht und die Kinderlähmung breitete sich aus. Unbehandelte Viruserkrankungen hinterließen bleibende Schäden. Viele Menschen in Afrika erblinden am Grauen Star. Dieser ließe sich mit einer einfachen Operation schnell beseitigen. Hier in der Region um Mundri ist es vor allem der Onchocerca volvolus (OV), der Menschen blind macht – der Erreger der sogenannten Flussblindheit, erklärt Augenarzt Gerhard Schuhmann. Der Name kommt daher, dass die Krankheit meist in der Nähe von schnell fließenden Gewässern auftritt. Der OV ist ein kleiner Fadenwurm. Er lebt im Verdauungstrakt von schwarzen Fliegen, die an Flüssen nisten. Beim Stich in die Haut wird der Erreger auf den Menschen übertragen. Der Fadenwurm breitet sich im ganzen Körper aus. Trifft er den Sehnerv, wird man blind. Gegen die Flussblindheit gibt es Medikamente, die präventiv eingenommen werden können. In manchen Regionen Afrikas ist die Krankheit mittlerweile fast ausgerottet, weil flächendeckend Tabletten verteilt wurden. Im Südsudan nicht.

Amaya Martin war 16 Jahre alt, als ihm der Onchocerca volvolus das Augenlicht nahm. Damals war er verzweifelt, wollte wochenlang seine Hütte nicht verlassen und versank in Depressionen. Mittlerweile kommt er zurecht mit den täglichen Dingen. Mit seinem Blindenstock hat er gelernt, sich zu orientieren. Die täglichen Wege findet er auch allein. Er besucht Nachbarn, arbeitet auf dem Feld und er besucht wieder die Schule. Mit Hilfe eines Speziallehrers der Hilfsorganisation SEM hat Amaya Martin Braille-Schrift gelernt. Der Lehrer begleitet ihn 2-3 mal die Woche zum Unterricht und erzählt ihm im Flüsterton, was gerade vor sich geht. “Wenn ich meine Ausbildung beendet habe, möchte ich einen Job bekommen. Lehrer zum Beispiel. Ich würde gerne anderen etwas beibringen”, sagt Amaya Martin.

Neustart für die inklusive Bildung
Kein unrealistischer Wunsch. Schon heute trifft man in Südsudans Schulen Lehrer mit unterschiedlichen Behinderungen. Das südsudanesische Bildungsministerium hat einen 5-Jahres-Plan ausgearbeitet, wie man Schüler mit Behinderungen besser in das allgemeine Unterrichtssystem integrieren kann. Auch in diesem Bereich, war man früher – vor dem Krieg – schon einmal weiter. In den 1980ern und 90ern gab es Ausbildungsmöglichkeiten für sehbehinderte Menschen. Die Organisation SEM plant – mit Unterstützung von “Licht für die Welt” – in den kommenden Jahren auch verstärkt Schulungen für nicht-behinderte Lehrer in Braille-Schrift und Gebärdensprache. Es sei wichtig, behinderte und nicht-behinderte Kinder gemeinsam zu unterrichten, erklärt Peter Muasya vom “Licht für die Welt”-Büro im Südsudan. Er hält nichts vom Konzept “Sonderschule”, wie es in einigen Nachbarländern praktiziert wird. Denn dann würden die Menschen ihr Leben lang ausgegrenzt bleiben.

Dass das Bildungssystem von Null weg neu aufgebaut werden muss, sei in diesem Fall sogar ein Vorteil, erklären Vertreter von “Licht für die Welt”. Denn jetzt könne man es von vornherein als “inklusives” Bildungssystem für behinderte und nicht-behinderte Kinder gestalten. Und das sei vermutlich einfacher, als ein bestehendes System zu verändern.

DL

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Warten auf das Erdöl

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Südsudan: Warten auf das Erdöl

22 11 2012

SENDUNG: Mittagsjournal, Donnerstag, 22. November 2012, 12:00 Uhr, Ö1 / Ö1 zum Nachhören

Seit mittlerweile elf Monaten stehen im ölreichen Südsudan die Ölförderanlagen still. Der Grund: Auseinandersetzungen mit dem nördlichen Nachbarn Sudan, von dem sich der Süden vergangenes Jahr nach einem langen Krieg abgespalten hat. Dem Süden gehört jetzt ein Großteil der Erdölvorkommen, die Leitungen führen aber durch den Norden. Nach großem internationalen Druck haben die beiden Konfliktparteien Ende Oktober ein Kooperationsabkommen unterzeichnet. Wichtige Frage zur Grenzziehung sind zwar noch offen, aber immerhin soll in den kommenden Monaten wieder Öl fließen. Höchste Zeit, denn 98 Prozent der südsudanesischen Staatseinnahmen kommen aus der Ölförderung. Unter den Folgen des Förderstopps leidet die Bevölkerung des Landes zunehmend. Der Kampf gegen die Korruption ist eine Bedingung der internationalen Geldgeber für Hilfszahlungen. Aber auch um Menschenrechte und Demokratisierung steht es nicht zum besten.

Sparpakete und Hilfsgelder

Die Provinzstadt Mundri Town, etwa 160 Kilometer westlich der südsudanesischen Hauptstadt Juba: Hier gibt es weder asphaltierte Straßen, noch ein Stromnetz. Viele Menschen sterben an vermeidbaren Krankheiten. Es mangelt an Ärzten und Medikamenten. Den Rest des Beitrags lesen »





Äthiopien: Hungerbekämpfung durch Ökotourismus

23 07 2012

SENDUNG: Journal Panorama, Dienstag, 24. Juli 2012,
18:25 Uhr, Ö1

Hungersnöte, Dürrekatastrophen, entführte Touristen: Es sind selten positive Nachrichten, mit denen Äthiopien in die Schlagzeilen kommt. Dem äthiopischen Tourismusministerium ist das negative Image des Landes ein Dorn im Auge. Schließlich möchte das Land in den kommenden Jahren unter die Top 5-Tourismusdestinationen in Afrika kommen.

Bettelnde Kinder und küssende Touristen

Ziggy Yohannes stockt und schaut vorsichtig zum Vertreter des regionalen Landwirtschaftsbüros von Nord-Gondar hinüber: Darf er wirklich ehrlich auf die Frage antworten, ob der Tourismus auch Schattenseiten hat? Nach langem Zögern erzählt er uns von jungen Mädchen aus armen Familien, die von weißen Touristen verführt und dann sitzengelassen werden. Von aufkommendem Sextourismus und Prostitution, von westlichen Pärchen, die sich zum Entsetzen der Dorfleute öffentlich küssen. Teshome Mulu vom Landwirtschaftsbüro hält es auch für bedenklich, dass immer mehr Kinder beginnen, auf der Straße Touristen anzubetteln anstatt in die Schule zu gehen. Den Rest des Beitrags lesen »





Hilfsgelder für die Taschen der Diktatoren?

13 06 2012

SENDUNG: Journal Panorama, Dienstag, 19. Juni 2012,
18:25 Uhr, Ö1 / 7 Tage Ö1 zum Nachhören

Zwischen 20 und 40 Prozent der internationalen Hilfsgelder gehen irgendwo verloren. So lautet eine pessimistische Schätzung der Weltbank. Sie hält die weit verbreitete Korruption überhaupt für eines der größten Hindernisse für die Entwicklung ärmerer Länder. Doch lange Zeit war dieses Problemfeld ein Tabuthema für Hilfsorganisationen. Schließlich will man ja keine Spender vergraulen. Doch damit soll jetzt Schluss sein. In Österreich hat sich eine Arbeitsgruppe – bestehend aus Vertretern von Transparency International, der staatlichen Agentur der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit (ADA) sowie entwicklungspolitischen NGOs – monatelang mit dem Problem Korruption auseinander gesetzt. Sie hat jetzt einen Ratgeber für Hilfsorganisationen präsentiert: „Korruptionsvermeidung in der Entwicklungszusammenarbeit“.

Auf der Suche nach verlorenen Milliarden

„Die Menschen in Südsudan leiden, dennoch kümmern sich einige Staatsbedienstete nur um sich selbst“ – das schrieb kein Geringerer als Salva Kiir, der Präsident des Südsudan vor kurzem an 75 aktive und ehemalige Staatsbedienstete. Und er forderte sie auf, unterschlagene Staatsgelder in der Höhe von umgerechnet vier Milliarden US-Dollar wieder zurückzugeben. Schließlich hat die internationale Gebergemeinschaft dem Präsidenten signalisiert: großzügige Hilfsgelder werde es nur geben, wenn er die Korruption im Land unter Kontrolle bringt. Den Rest des Beitrags lesen »





Nahrungsmittelkrise im Tschad

10 04 2012

SENDUNG: Mittagsjournal, Freitag, 6. April 2012, 12:00 Uhr, Ö1 / 7 Tage Ö1 zum Nachhören

In der westafrikanischen Sahel-Zone herrscht die schlimmste Dürre seit Jahren. 13 Millionen Menschen sind laut Caritas akut bedroht. Um eine humanitäre Katastrophe zu verhindern, muss jetzt schnell gehandelt werden. Die UNO rechnet mit Kosten von 725 Millionen Dollar, Österreich hat bereits 1,5 Millionen Euro an Hilfsgeldern zugesagt.

Getreide aus dem Ameisenbau

Mitten im Sahelgürtel, südlich des Tschadsees, gräbt eine Frau im Dorf Douguia in einem unterirdischen Ameisenbau nach Samen. Daraus könne sie jetzt einen Brei kochen, erklärt sie. Denn die eigenen Getreidevorräte aus Mais, Hirse und Reis sind längst aufgebraucht. “Dieses Jahr konnten wir fast gar nichts ernten. Im Augenblick leben wir von Dingen, die hier wild wachsen. Doch selbst die Ameisenhügel sind schon fast leergeräumt. Wir haben hier keine Ressourcen mehr.” Den Rest des Beitrags lesen »





Wir haben es satt! Zivilgesellschaft fordert eine andere EU-Agrarpolitik

23 03 2012

SENDUNG: Europa-Journal, Freitag, 23. März 2012, 18:20 Uhr, Ö1

Erst diese Woche haben sich in Brüssel die europäischen Landwirtschaftsminister getroffen. Bis Ende 2013 soll ja eine Reform der gemeinsamen EU-Agrarpolitik beschlossen werden. Diskutiert wurde diesmal über eine Neuregelung der Agrarförderungen, sowie über einen Abbau der Bürokratie. Doch in der europäischen Zivilgesellschaft regt sich Widerstand gegen die Pläne der EU. In Österreich haben sich jetzt Bauernorganisationen mit NGOs aus den Bereichen Umwelt und Entwicklungspolitik zusammengetan. „Wir haben es satt“ nennt sich diese Plattform.

Im verschlossenen Kämmerlein

Normalerweise haben Milch- und Kleinbauernverbände eher wenig zu tun mit Organisationen wie dem globalisierungskritischen Netzwerk ATTAC, der Umweltorganisation Greenpeace und der Menschenrechts-NGO FIAN. Doch in diesem Fall vereint sie ein gemeinsamer Gegner. Besser gesagt zwei: nämlich EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos und der österreichische Landwirtschaftsminister Nikolaus Berlakovich: „Unsere Motivation, hier mitzuarbeiten ist die, dass wir es satt haben, dass die Agrarpolitik, die uns alle betrifft, im verschlossenen Kämmerlein gemacht wird“, sagt Erna Feldhofer von der IG Milch, der Interessensgemeinschaft für Rind- und Grünlandbauern. Die österreichischen Kleinbauern und –bäuerinnen fühlen sich vom Landwirtschaftsminister übergangen: „Bis jetzt hat Berlakovich jeden Gesprächstermin mit uns abgelehnt“, beschwert sich Feldhofer. Den Rest des Beitrags lesen »





Steuerflüchtlinge und ihre Oasen

20 01 2012

SENDUNG: Europa-Journal, Freitag, 20. Jänner 2012,
18:20 Uhr, Ö1

Steuern sind wesentlicher Bestandteil des Gesellschaftsvertrags zwischen einem Staat und seinen Bürgern und Bürgerinnen. Diese geben der Regierung einen Teil ihres Einkommens und wollen, dass die Regierung dieses Geld möglichst sinnvoll zum Wohle der Allgemeinheit investiert. Für Bildung und Forschung zum Beispiel, um Straßen zu bauen, Kultur zu fördern und um sozial Bedürftige zu unterstützen. Steuern zahlen – das tut allerdings niemand gern. Auch erfolgreiche Unternehmen nicht. Und so haben sie mittlerweile eine Kunst darin entwickelt, durch komplizierte Firmenkonstrukte das Steuerzahlen zu umgehen. Ganz legal bunkern sie ihre Gewinne in sogenannten Steueroasen, also in Ländern, wo die Steuersätze dementsprechend niedrig sind. Doch dadurch gehen den Regierungen der Welt Milliarden durch die Lappen, die sie dann eben nicht umverteilen können. Diese Praktiken kritisiert seit Jahren das internationale Tax Justice Network, zu Deutsch: Netzwerk Steuergerechtigkeit. Zwei Ökonomen des Netzwerkes waren auf Einladung des vidc (Wiener Institut für Dialog und Zusammenarbeit) vergangene Woche in Wien.

Legale und illegale Steuerflüchtlinge
Keine Steuern zahlen ganz legal: Angenommen, unsere österreichische Firma macht hohe Gewinne. Dann gründen wir eben eine Tochterfirma im Steuerparadies Luxemburg. Dieser Tochterfirma übertragen wir dann die Rechte für unser Firmenlogo und zahlen ihr jährlich mehrere Millionen an Lizenzgebühr. Reicht das nicht aus, könnten wir noch eine Briefkastenfirma auf der Kanalinsel Jersey gründen. Von der lassen wir uns dann einen Riesenkredit geben und zahlen ihn mit hohen Zinsen zurück. Und schon wären wir aus dem Schneider: denn dort in den Oasen müssen wir kaum Steuern zahlen und hier haben wir ja fast keinen Gewinn. Den Rest des Beitrags lesen »





Schule unter Bäumen: Eine katholische Mission im mosambikanischen Busch

16 12 2011

SENDUNG: Praxis – Religion und Gesellschaft, Freitag,
16. Dezember 2011, 22:15 Uhr, Ö1

Mosambik, im südlichen Afrika, ist eines der ärmsten Länder der Welt. Mehr als die Hälfte der Menschen lebt unter der Armutsgrenze, die meisten davon betreiben Subsistenzlandwirtschaft. Zwei Drittel der Frauen und etwa die Hälfte der Männer können weder schreiben noch lesen. Und gleichzeitig ist Mosambik eines jener zehn Länder mit der höchsten HIV-Rate weltweit. Das Land ist in hohem Maße abhängig von ausländischen Hilfsgeldern – auch von österreichischen, denn Mosambik ist seit 1993 Schwerpunktland der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit. Und auch kirchliche NGOs sind in Mosambik aktiv. HORIZONT3000 und die österreichische Caritas zum Beispiel unterstützen Missionen in Zentralmosambik, die von italienichen Comboni-Missionaren betrieben werden. Sie kümmern sich um Bildung und Gesundheitsversorgung der lokalen Bevölkerung.

In the Middle of Nowhere

Um nach Mangunde zu gelangen fährt man mehrere Stunden mit dem Geländewagen durch den Busch auf holprigen Sandstraßen. Gelegentlich begegnet man einem Radfahrer oder Frauen, die Kanister mit Trinkwasser auf dem Kopf transportieren. Autos sieht man keine. Dörfer auch nicht – bestenfalls vereinzelte Lehmhütten. Und dann plötzlich: die Mission. Mit gemauerten Häusern, Schule und Gesundheitsstation, quasi eine Mini-Stadt mitten im Nichts. Hier gibt es mittlerweile sogar Internet und Strom. Den Rest des Beitrags lesen »





Aufklären statt totschweigen: AIDS-Bekämpfung in Mosambik

13 12 2011

SENDUNG: Journal Panorama, Dienstag, 13. Dezember,
18:25 Uhr, Ö1

Einer aktuellen Studie der mosambikanischen Regierung zufolge, sind 11,5 Prozent der Bevölkerung HIV-positiv. Doch kaum einer der Betroffenen spricht darüber. Behandlung wäre zwar theoretisch vorhanden, doch wer hat schon Zugang zu medizinischer Versorgung in einem der ärmsten Länder der Welt? Viele internationale Hilfsgelder werden in die AIDS-Bekämpfung gesteckt: sowohl in Aufklärungskampagnen, wie auch in Medikamente. Auch österreichische Gelder, denn Mosambik ist Schwerpunktland der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit. Doch die Krise lässt die reichen Länder sparen – vor allem bei ihren Ausgaben für arme Länder. Und das könnte dramatische Folgen haben für den Kampf gegen AIDS in Afrika.

Allgegenwärtiges Tabu

Die Avenida Friedrich Engels in der mosambikanischen Hauptstadt Maputo ist ein beliebter Ausflugsort für Liebespärchen. Von der Panoramastraße am Hügel hat man wunderbaren Ausblick aufs Meer. Zwischen lilablühenden Sträuchern stehen zahlreiche rote Holzbänke. „Beweis mir deine Liebe und mach den HIV-Test mit mir“, steht mit weißen Lettern auf jeder zweiten Bank geschrieben. Eine Kampagne der Kondomfirma Jeito. Den Rest des Beitrags lesen »








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