Musica Nordestina (3) Forró: Lieder gegen das Heimweh

21 01 2015
SENDUNG: Radiokolleg, Mittwoch, 21. Jänner 2015
9:45 und 22:40 (WH) 
7 Tage Ö1 zum Nachhören

Das Veranstaltungslokal Clube dos Democráticos in Lapa, dem bekanntesten Ausgehviertel in Rio de Janeiro. Jeden Mittwoch steht hier Forró auf dem Programm, ein Rhythmus aus dem Nordosten des Landes. Auf der gut gefüllten Tanzfläche drehen sich jüngere und ältere Paare zur Live-Musik des bekannten Trio Nordestino: „Die Leute hier in Rio tanzen Forró so, als wäre es ein feiner Gesellschaftstanz“, meint Musiker Coroneto, „das erinnert stark an Samba Gafiera, sehr kompliziert mit vielen Drehungen und Figuren. Im Nordosten ist das ganz anders. Dort sind die Tanzflächen meist winzig klein und man tanzt ganz eng Körper an Körper. Ohne Figuren.“

(c) Trio Nordestino

Coroneto, alias Carlos Alberto dos Santos Santana, spielt die Bass-Trommel, die sogenannte Zabumba, beim Trio Nordestino. Die Band existiert bereits seit dem Jahr 1958 – wenn auch inzwischen nicht mehr in der legendären Originalbesetzung. Coroneto ist Enkelsohn des Bandgründers Coroné. Sänger und Triangel-Spieler Luiz Mario ist Sohn des ursprünglichen Akkordeonisten Lindú. Nein, der Vater habe ihn nicht zum Musizieren genötigt, erzählt Luiz Mario: „Ganz im Gegenteil. Als sie damals aus dem Nordosten nach Rio kamen, hatten sie es sehr schwer. Menschen aus dem Nordosten wurden stark diskriminiert und die Leute hier mochten Forró noch nicht besonders. Deshalb wollte er nicht, dass wir Kinder auch Musiker werden. Mein Bruder ging zur Polizei und ich hätte zum Militär gehen sollen. Ich habe es sogar probiert, aber sie haben mich nicht genommen. Ich glaube, Gott wollte einfach nicht, dass ich Soldat werde.“

(c) Johannes Schmidt

Begegnung mit einer lebenden Legende
Die Vorfahren der heutigen Musiker des Trio Nordestinos stammten ursprünglich aus Bahía, im Nordosten Brasiliens. Doch schon wenige Jahre nach Gründung der Forró-Band übersiedelten die Musiker nach Rio de Janeiro, weil hier die großen Radiostationen und Plattenfirmen ihren Sitz hatten. Die Anfangszeit in der großen Stadt war hart für die jungen Musiker. Eines Tages wurden sie zu einer Aufnahme in einen Radiosender eingeladen. Für ein Programm mit dem Titel „Der Arbeiter amüsiert sich“, erzählt Beto Sousa, Zieh-Harmonika-Spieler des Trio Nordestino: „Sie kamen zur Radiostation und die erste Person, die ihnen dort über den Weg lief, war der große Luiz Gonzága. Er hatte dort ebenfalls eine Aufnahme. Die drei Burschen waren damals noch ganz jung, 16, 18 und 19 Jahre. Sie sahen ihn und dachten: Oh mein Gott, Luiz Gonzaga! Wir müssen mit ihm sprechen!“

(c) Johannes Schmidt

Luiz Gonzaga, der König des Baio war damals, zu Beginn der 1960er Jahre, bereits eine lebende Legende. Ihm war es zu verdanken gewesen, dass der ehemals als hinterwäldlerisch geltende Forró aus dem Nordosten plötzlich in ganz Brasilien aus den Radios dröhnte. Die drei Burschen gingen hin und sagten: „Herr Luiz, wir sind ein Trio aus Bahía. Wir wollten Sie bitten, uns ein wenig zu unterstützen auf unserem Weg.“ Doch Luiz antwortete: „Wenn hier einer Unterstützung braucht, dann bin das ich.“ Drehte sich um und spielte weiter.

(c) Johannes Schmidt

Bauernmusik erobert die Stadt
Schwer enttäuscht von ihrem Idol verließen die Burschen vom Trio Nordestino die Radiostation. Ihre Karriere schafften sie schließlich auch alleine. Jahre später begegneten sie Luiz Gonzaga wieder, als sie gemeinsam auf einem Forró-Festival spielten, erzählt Harmonika-Spieler Beto Sousa. Es sollte der Beginn einer langen Freundschaft werden: „Luiz erinnerte sich an die erste Begegnung und sagte zu ihnen: Schaut her, hätte ich euch damals geholfen, dann hättet ihr euch weniger angestrengt und wärt nie so gut geworden. Heute seid ihr das berühmte Trio Nordestíno und verkauft sogar mehr Platten als ich.“

(c) Johannes Schmidt

Nicht im Nordosten, sondern genau hier, im Zentrum von Rio de Janeiro begann in den 1940er Jahren die Sternstunde des Forró. Ursprünglich stammt die Musik aus dem Sertão, dem trockenen Hinterland von Bahía und Pernambuco. Es war der Rhythmus der Bauern und Landarbeiter. Von dort stammt auch Luiz Gonzaga. Er war in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen und lernte schon als Kind Akkordeon zu spielen – wie sein Vater, der Landarbeiter Januario. Im Alter von 18 Jahren tat Luiz Gonzaga was unzählige Generationen von Nordestinos vor ihm und nach ihm getan hatten: Er verließ seine Heimat auf der Suche nach einem besseren Leben im reichen Süden. Zunächst tritt Luiz Gonzaga in die Armee ein und spielt 9 Jahre lang in der Militärkapelle. Schließlich landet er in Rio de Janeiro, wo er sich als Akkordeon-Spieler in zwielichtigen Bars durchschlägt. Er spielt, was immer die Leute dort hören wollen: von Foxtrott bis Tango. Eines Abends – so wird erzählt – soll Luiz Gonzaga in einer Bar traditionellen Forró gespielt haben – auf besonderen Wunsch von angetrunkenen Gästen, die selbst aus dem Nordosten stammten. Das Publikum in Rio war begeistert. Vom Geheimtipp wird der Akkordeon-Spieler schließlich zum Superstar.

Geschichten aus dem Sertão
„Asa Branca“ – der wohl größte Hit von Luiz Gonzaga – gilt mittlerweile als die geheime Hymne von Pernambuco, jenem Bundesstaat im Nordosten, in dem die Forró-Legende geboren wurde. Das Lied wurde von zahlreichen Stars der brasilianischen Musikszene neu interpretiert, unter anderem vom ehemaligen Kulturminister Gilberto Gil. Wie so viele Forró-Lieder handelt es vom Fortgehen, von der Armuts-Migration der Nordestinos in den reichen Süden und vom Heimweh.

Was für eine Glut! Was für ein Backofen!
Weil es kein Wasser gibt, habe ich meine Rinder verloren. Auch mein Pferd ist verdurstet.
Darum sage ich: Auf Wiedersehen, Rosinha, behalte mein Herz bei dir.
Hoffentlich fällt bald wieder Regen. Dann kann ich zurückkehren in meinen Sertão.

„Ich glaube, was den Erfolg von Luiz Gonzaga ausgemacht hat, das waren auch seine Texte. Ich habe ihn immer als großen Geschichtenerzähler gesehen“, meint der Musiker und DJ Leo Araripe. Er stammt aus Rio de Janeiro, beschäftigt sich jedoch seit Jahren mit der traditionellen Musik des Nordostens. Er hat bereits selbst in mehreren Forró Bands gespielt und legt jeden Donnerstag in einer Bar im Ausgehviertel Lapa Forró auf. „In seinen Liedern erzählt er Geschichten aus dem alltäglichen Leben der Menschen im Sertão. Vom Überlebenskampf der Kleinbauern, aber auch von der Freude und den Festen. Das Lied Samaríca Parteira zum Beispiel handelt von der Geburt eines Kindes. Wie einer im Morgengrauen los reitet, um von weit her die Hebamme zu holen.“

– Lula!
– Sie wünschen, mein Herr?
– Sattle das braune Pferd und reite los. Du musst Samaríca, die Hebamme, holen. Juvita liegt in den Wehen.

Als ich schon fast am Aufbrechen war, gab mir Kapitän Barbíno die letzten Anweisungen: „Lula“, sagte er, „ich spucke hier auf die Erde. Du musst zurück sein, bevor die Spucke eingetrocknet ist.“
Es wurde das wildeste Rennen meines Lebens.

Luiz Gonzaga wird oft „Der König des Baião“ genannt. Der Baião ist einer von mehreren traditionellen Rhythmen aus dem Nordosten, die unter dem Überbegriff „Forró“ zusammengefasst werden. Daneben gibt es noch den Xote, Arrasta-Pé und Xaxado. Zahlreiche brasilianische Musikstars haben den Forró aufgegriffen und neu arrangiert – mit Gitarre, Bass und Schlagzeug. Der traditionelle Forró, wie ihn das Trio Nordestino bis heute macht, wird allerdings in der Formation von Trios gespielt: Eine Zieh-Harmonika spielt die Melodie. Die Zabumba – eine Basstrommel, die mit zwei Sticks von beiden Seiten bespielt wird, gibt den Rhythmus an, gemeinsam mit der Triangel. Der metallene Klang verleiht dem Forró seinen urtypischen Charakter, erklärt Forró-DJ Leo Araripe: „Das einzige Instrument, das original in den Forró eingebaut wurde, das war die Triangel. Auf den Märkten und auch den großen Baustellen verwendete man eine Triangel, um die Leute zum essen zu rufen. Und das wurde in den Forró übernommen.“

(c) Leo Araripe

Respektiere die acht Bässe, deines Vaters!
Auch die Formation in Trios geht im Grunde auf Luiz Gonzaga zurück, erzählt Leo Araripe: „Natürlich hat es auch vor Luiz Gonzaga schon Trios gegeben. Aber die Besetzung war nicht so fixiert. Manchmal spielte nur eine Harmonika mit einer Trommel oder auch eine Rabéca, das ist eine alte ländliche Geige. Luiz‘ Vater, Séu Januario, war auch Harmonika-Spieler. Aber das waren damals noch einfache Instrumente mit 8 Bässen. Später kamen dann die moderneren Akkordeons aus Europa. Die hatten 40 Bässe, 80… bis zu 120. Aber ursprünglich wurde Forró mit 8 Bässen gespielt. Man darf nicht vergessen: das waren ja sehr einfache Leute.“

Im Lied „Respeita Januario“ besingt Luiz Gonzaga den Generationenkonflikt zwischen ihm und seinem Vater, dem Landarbeiter und Harmonika-Spieler Januario. Jahrelang hatten die beiden nach dem Weggang des Sohnes keinen Kontakt. Eines Tages kehrt Luiz – bereits ein großer Star – zurück auf den Hof seiner Eltern. Vater und Sohn musizieren gemeinsam. Doch die Nachbarn weisen den Sohn zurecht:

Luiz, kann sein, dass du jetzt berühmt bist.
Doch dein Vater hat es ihm Blut. Niemand kann es mit ihm aufnehmen.
Luiz, zeige Respekt vor den 8 Bässen deines Vaters

1989 stirbt der König des Baião in Recife. Sein Geburtstag, der 13. Dezember, gilt mittlerweile in ganz Brasilien als „Nationaler Tag des Forró“, an dem Forró-Feste im ganzen Land stattfinden.


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