Militärdiktatur (4) Das Erbe der Diktatur

1 05 2015
SENDUNG: Radiokolleg, Donnerstag, 16. April 2015, 
9:30 Uhr, Ö1

März 2015. Hunderttausende Menschen gehen in Brasilien auf die Straße. Anlass für die Wut ist ein Korruptionsskandal rund um den staatlich kontrollierten Erdölkonzern Petrobras. Es ist großteils die gut situierte Mittelschicht, die hier demonstriert. Sie fordert die Absetzung der linken Präsidentin Dilma Rousseff. „Wenn wir zulassen, dass alles so weiter geht, dann enden wir wie Venezuela oder Kuba. Oder noch schlimmer“, meint eine Demonstrantin. Ein junger Mann ist der Meinung, man müsse den Kommunismus in Brasilien bekämpfen, denn schließlich bilde sich in Lateinamerika gerade ein Block kommunistischer Staaten.

foto: Felipe Braga, Wikimedia Commons

Brasil Nunca Mais?

Immer wieder tauchen in den Demonstrationen sogar Plakate auf, die eine Militärintervention erbitten. „Wenn du ein Krebsgeschwür hast, dann musst du es mit drastischen Mitteln entfernen. Eine Intervention der Armee wäre das beste“, sagt eine junge Frau unverblümt in eine Kamera. Über soziale Medien verbreiten sich Video-Botschaften, wie diese: „Brasilianische Streitkräfte, kommt und setzt der Korruption dieser kommunistischen Regierung ein Ende. Ein Land mit 200 Millionen Einwohnern, mit so vielen Reichtümern und Bodenschätzen, kann doch nicht von einer Diebesbande aus den sozialen Bewegungen regiert werden.“ Den Rest des Beitrags lesen »





Militärdiktatur (3) Unterdrückung und Widerstand

15 04 2015
SENDUNG: Radiokolleg, Mittwoch, 15. April 2015, 
9:30 und 22:40 (WH), Ö1

Im Jahr 1968 wird Brasilien von einer Protestwelle überzogen. Studenten, Künstler, Intellektuelle gehen auf die Straße. Das ganze kulminiert als am 28. März der Student Edson Luiz von der Militärpolizei erschossen wird. Im Juni organisiert die Studentenbewegung in Rio de Janeiro den Marsch der Hunderttausend. Ab jetzt greift das Regime mit harter Hand durch: es wird scharf geschossen, Studentenführer verhaftet. Im Dezember erlässt Diktator Costa e Silva den sogenannten Institutionellen Akt Nummer Fünf (AI-5). Ab sofort sind alle Kundgebungen untersagt, die Verfassung außer Kraft gesetzt, das Parlament geschlossen. Die „Anos do Chumbo“, die „bleiernen Jahre“ beginnen.

(c) Cid Benjamin

Polizeiakte von Cid Benjamin

 

Ein legitimer politischer Fehler

„Wir wurden regelrecht in den bewaffneten Widerstand gedrängt“, erzählt der ehemalige Widerstandskämpfer Cid Benjamin. Er ist ein Kind der 1968-er Generation. Bis zum AI-5 war er Studentenführer in Rio de Janeiro gewesen. „Plötzlich blieben uns kaum noch legale Möglichkeiten für den politischen Widerstand: die Presse wurde zensiert, der Kongress war geschlossen, die Repression enorm. Außerdem waren wir von zwei ausländischen Vorbildern beeinflusst: der Revolution in Kuba und dem Krieg in Vietnam. Der zeigte: der Kleine kann den Großen besiegen – wenn er den Rückhalt der Bevölkerung hat.“ Den Rest des Beitrags lesen »





Militärdiktatur (2) Die Unternehmen und die Repression

14 04 2015
SENDUNG: Radiokolleg, Dienstag, 14. April 2015, 
9:30 und 22:40 Uhr, Ö1

São Paulo, 15. April 1971. Im Nobelviertel Jardins fallen Schüsse am helllichten Tag. Henning Albert Boilesen (55) wird am Steuer seines Wagens getroffen. Es gelingt ihm noch auszusteigen, auf der Flucht bricht er unter dem Kugelhagel zusammen, mit insgesamt 19 Schusswunden. Der gebürtige Däne war Manager der Gruppe Ultragaz, einem brasilianischem Konzern aus dem Energie- und Treibstoffsektor. Er war bereits in den 1930er Jahren nach Brasilien ausgewandert.

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Die seltsamen Hobbys der Manager

„Boilesen stand auf einer Exekutionsliste der Guerilla“, erzählt Historiker Demian Melo, „auf dieser Liste waren Leute, die von verhafteten Widerstandskämpfern während Folterungen erkannt wurden. Es gibt Erzählungen, wonach einige Unternehmer dafür bezahlten, dass sie bei Folterungen persönlich dabei sein durften. Wir haben Zeugenaussagen – sogar von ehemaligen Angehörigen der Armee – wonach nicht nur nur Boilesen in den Folter-Zentren in São Paulo vorbeischaute, sondern einige Unternehmer. Aber Boilesen tauchte besonders oft auf, darum wurde er mehrfach identifiziert.“ Den Rest des Beitrags lesen »





Militärdiktatur (1) Vom Ende und Anfang der brasilianischen Demokratie

13 04 2015
SENDUNG: Radiokolleg, Montag, 13. April 2015, 9:30, Ö1 

Frühjahr 1985. José Sarney wird als Präsident Brasiliens angelobt. Der ursprünglich für das Amt vorgesehene Tancredo Neves ist am 21. April an einer Darmerkrankung verstorben – noch bevor er sein Amt antreten kann. Und so wird sein Vize, José Sarney, der erste zivile Staatschef nach 21 Jahren Militärdiktatur. Nach fünf Diktatoren aus den Reihen der Generäle. Brasilien hat den Weg zurück zur Demokratie beschritten. Doch ganz war es dort im Jahr 1985 noch nicht angekommen, meint der brasilianische Zeithistoriker Carlos Fico: „Es gibt eine große Debatte über das Ende der Diktatur. Einige Autoren sagen, das Ende des Militärregimes beginnt eigentlich schon 1979, als das Amnestiegesetz für politische Häftlinge erlassen wurde. Andere wiederum sagen: nein, die Diktatur war auch 1985 noch nicht zu Ende. Denn die Regierung Sarney wurde im Hintergrund immer noch von den Militärs kontrolliert. Aber ich glaube, wir können schon sagen, dass die Wahl des ersten zivilen Präsidenten ein wichtiger Einschnitt war.“

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José Sarney

 

30 Jahre Ende der Militärdiktatur

In den frühen 1980er Jahren, der vergleichsweise milden Spätzeit der Diktatur, hatte sich eine Bürgerbewegung gegründet. Hunderttausende Menschen trauten sich wieder auf die Straßen und forderten „Dirétas Ja“ – Direktwahl des Präsidenten, so wie es vor Beginn der Diktatur üblich gewesen war. Doch das ging den Militärs zu weit: Sie hatten zwar begonnen, das Land zu öffnen, das strenge Regime zu lockern. Doch der Präsident sollte dann doch von einem – von ihnen kontrollierten – Wahlkomitee bestimmt werden: „Was komisch und irgendwie traurig ist: Trotz der Kampagne „Diretas Ja“, trotz der Streiks, trotz der Studentenbewegung, schafften wir es nicht, den Prozess der langsamen und schrittweisen Öffnung zu beeinflussen“, meint Carlos Fico, „wir schafften es nicht, direkte Präsidentschaftswahlen durchzusetzen. Die Öffnung wurde von den Militärs gesteuert. Das ist traurig und ein sehr umstrittenes Thema hier in Brasilien.“ Den Rest des Beitrags lesen »





Erneut Anti-Regierungsproteste in Brasilien

13 04 2015
SENDUNG: Ö1 Morgenjournal, Montag, 13. April 2015
Ö1 zum Nachhören

In Brasilien haben gestern erneut hunderttausende Menschen gegen Korruption und für ein Amtsenthebungsverfahren gegen die amtierende Präsidentin Dilma Rousseff demonstriert. Laut Polizeiangaben nahmen knapp 600.000 Menschen in 24 Bundesstaaten an den Protesten teil. Etwas weniger als bei den Demonstrationen vor einem Monat. Damals waren es 1,7 Millionen. Im Zentrum der Proteste steht ein Korruptionsskandal rund um den staatlichen Erdölkonzern Petrobras. Präsidentin Dilma Rousseff von der gemäßigt linken Arbeiterpartei war erst im Oktober 2014 mit hauchdünner Mehrheit wiedergewählt worden.

foto (c) Johannes Schmidt

Patriotismus und Erdöl

Brasilien-Flaggen werden geschwenkt, die Nationalhymne gesungen. Die Mehrheit der Demonstranten trägt auch diesmal wieder die Nationalfarben Gelb und Grün. In 218 brasilianischen Städten fanden Kundgebungen statt gegen die Mitte-Links-Präsidentin Dilma Rousseff. Allein in São Paulo nahmen rund 275.000 Menschen teil. Sie trugen ein gigantisches, zig-Meter langes Stoffbanner mit der Aufschrift „Impeachment“ – Amtsenthebung. Den Rest des Beitrags lesen »





#ForaDilma: Massendemos für Amtsenthebung der Präsidentin

16 03 2015
SENDUNG: Ö1 Morgenjournal, Montag, 16. März 2015 
Ö1 zum Nachhören

In zahlreichen Städten in Brasilien sind am Sonntag insgesamt 1,5 Millionen Menschen auf die Straße gegangen, um gegen die Regierung zu protestieren. Allein in São Paulo, einer Hochburg der Opposition, schätzt die Militärpolizei die Zahl auf eine Million Menschen, 45.000 in der Hauptstadt Brasilia, 15.000 in Rio de Janeiro. Die Demonstranten forderten die Absetzung von Präsidentin Dilma Rousseff von der gemäßigt linken Arbeiterpartei. Das Land kämpft schon seit Jahren gegen eine Wirtschaftskrise. Für besonderen Ärger in der Bevölkerung sorgt außerdem ein riesiger Korruptionsskandal rund um den staatlich kontrollierten Erdölkonzern Petrobras. Dort hatten mehrere Parteien der Regierungskoalition jahrelang Gelder in Milliardenhöhe abgezweigt.

Foto (c) Johannes Schmidt

Damit Brasilien nicht Kuba wird…

„Arbeiterpartei raus, nimm Dilma gleich mit“ und „Geht nach Kuba“, rufen die Demonstranten an der Copacabana in Rio de Janeiro. Eine Gruppe hält ein großes Transparent mit der Aufschrift „Brasilien wird kein neues Kuba“ in die Höhe. Die Mehrheit ist heute gelb und grün gekleidet – den Nationalfarben Brasiliens. Es sind großteils Angehörige der Mittelschicht. Es ist nicht das übliche Bild von jungen Demonstranten, das Durchschnittsalter ist hier auffällig höher. An der Strandpromenade der Copacabana marschieren wütende, gut situierte reifere Damen auf, mit Goldkettchen und Perlenohrringen. Als ein Militärhubschrauber tief über der Kundgebung kreist, beginnt die Menge zu applaudieren und den Militärpolizisten freudig zuzuwinken. Den Rest des Beitrags lesen »





Brasilien: Spitzenpolitiker unter Korruptionsverdacht

9 03 2015
SENDUNG: Ö1 Morgenjournal, Montag, 9. März 2014
Ö1 zum Nachhören

In Brasilien sorgt der Korruptionsskandal rund um den halbstaatlichen Erdölkonzern Petrobras erneut für Aufregung und bringt die Regierung unter Druck. Am Freitag hat das oberste Gericht Brasiliens Ermittlungen gegen 47 hochrangige Politiker genehmigt. Darunter ehemalige Minister, Gouverneure, Senatoren und Parlamentsabgeordnete. Sie sollen über den Staatskonzern Geld in Milliardenhöhe abgezweigt haben. Die Mehrheit der Verdächtigen gehört verschiedenen Parteien der Regierungskoalition von Präsidentin Dilma Rousseff an. Die Präsidentin selbst befindet sich nicht auf der Liste.

foto (c) johannes schmidt

Bestechung und Geldwäsche

Tagelang war sie mit Spannung erwartet worden: die Liste jener Spitzenpolitiker, die von der Staatsanwaltschaft verdächtigt werden, an einem der größten Schmiergeldskandale Brasiliens beteiligt zu sein. Darauf zu finden: Die Präsidenten von Senat und Abgeordnetenkammer, die ehemalige Kabinettschefin von Präsidentin Dilma Rousseff, der Schatzmeister der Arbeiterpartei. Es geht insgesamt um 3,4 Milliarden Euro. Den Rest des Beitrags lesen »








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