Militärdiktatur (2) Die Unternehmen und die Repression

14 04 2015
SENDUNG: Radiokolleg, Dienstag, 14. April 2015, 
9:30 und 22:40 Uhr, Ö1

São Paulo, 15. April 1971. Im Nobelviertel Jardins fallen Schüsse am helllichten Tag. Henning Albert Boilesen (55) wird am Steuer seines Wagens getroffen. Es gelingt ihm noch auszusteigen, auf der Flucht bricht er unter dem Kugelhagel zusammen, mit insgesamt 19 Schusswunden. Der gebürtige Däne war Manager der Gruppe Ultragaz, einem brasilianischem Konzern aus dem Energie- und Treibstoffsektor. Er war bereits in den 1930er Jahren nach Brasilien ausgewandert.

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Die seltsamen Hobbys der Manager

„Boilesen stand auf einer Exekutionsliste der Guerilla“, erzählt Historiker Demian Melo, „auf dieser Liste waren Leute, die von verhafteten Widerstandskämpfern während Folterungen erkannt wurden. Es gibt Erzählungen, wonach einige Unternehmer dafür bezahlten, dass sie bei Folterungen persönlich dabei sein durften. Wir haben Zeugenaussagen – sogar von ehemaligen Angehörigen der Armee – wonach nicht nur nur Boilesen in den Folter-Zentren in São Paulo vorbeischaute, sondern einige Unternehmer. Aber Boilesen tauchte besonders oft auf, darum wurde er mehrfach identifiziert.“

Henning Albert Boilesen soll großes Interesse an Foltermethoden gehabt haben. Von einer Reise in die USA brachte er den Militärs in São Paulo ein Gerät, mit dessen Hilfe man über eine Tastatur Elektroschocks in unterschiedlicher Intensität verabreichen konnte. Ihm zu Ehren nannten sie es „Pianola Boilesen“. Das Todesurteil gegen den dänischen Industriellen war bereits im Jänner 1971 verhängt worden, bei einem Treffen der beiden Guerillagruppen „Revolutionäre Bewegung Tiradentes“ und „Nationale Befreiungsaktion“ in Rio de Janeiro. Ebenfalls auf deren Exekutionsliste: Pery Igel, ein weiterer Manager der Gruppe Ultragaz sowie Sebastião Camargo – Gründer des Baukonzerns Camargo Corrêa. Doch deren Ermordung sollte niemals ausgeführt werden.

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Die Schecks im Hut
„Ein Beispiel für die enge Zusammenarbeit zwischen dem Unternehmenssektor und der Diktatur können wir ab 1969 in Sao Paulo beobachten“, erklärt Demian Melo, „die Operation Bandeirantes. Da wurden paramilitärische Strukturen aufgebaut, um die bewaffneten linken Widerstandsgruppen zu bekämpfen. Wir wissen heute, dass diese Operation vom Privatsektor finanziert wurde. Das waren sowohl nationale, wie auch internationale Firmen, zum Beispiel aus den USA und aus Deutschland.“

Der Historiker Demian Melo hat am Abschlussbericht der Nationalen Wahrheitskommission mitgeschrieben. Er koordinierte die interdisziplinäre Forschungsgruppe „Coletivo Mais Verdade„, die die Rolle von Unternehmen während der Militärdiktatur untersuchte. Es waren die sogenannten „bleiernen Jahren“ in Brasilien, die Anos de Chumbo: Zwischen 1968 und 1974, unter den Diktatoren General Artur Costa e Silva und General Emílio Medici, fand die härteste Verfolgung von Regimegegnern statt. Damals waren plötzlich bewaffnete Widerstandsgruppen aufgetaucht. Also wurde im Rahmen der Operation Bandeirantes in São Paulo eine Spezialeinheit zu deren Bekämpfung eingerichtet. Daraus entwickelte sich der Geheimdienst DOI-CODI, der Folterzentren im ganzen Land installierte. Finanziert von privaten Unternehmen, sagt Demian Melo: „In unseren Untersuchungen kommen wir zu dem Schluss: im Rahmen der Operation Bandeirantes hat sich der gesamte Unternehmenssektor zusammengetan, um die Repression zu finanzieren. Illegalerweise, das alles fand ja außerhalb der staatlichen Strukturen statt. Im Industriellen-Dachverband in Sao Paulo fanden regelmäßig Treffen statt. Danach ging ein Hut herum und sie warfen alle ihre Schecks hinein. Diese Praktik hatte bei einem großen Treffen im Haus des Bankers Gastão Bueno Vidigal in Sao Paulo begonnen. Dort hatten sie die Operation Bandeirantes geplant und zum ersten Mal ihre Schecks zusammengelegt.“

Einer, der hier eine Vorreiterrolle einnahm, war Henning Albert Boilesen, Manager des Treibstoffkonzerns Ultragaz. Es soll sogar Erfolgsprämien für Militärs gegeben haben, wenn sie besonders wichtige Figuren des bewaffneten Widerstands schnappten, berichtet Demian Melo: „Mehrere Ex-Guerilleros in São Paulo haben uns das erzählt. Sie wurden verhaftet und der Militär sagte: Super, du hast mir gerade 50.000 Cruzeiros eingebracht. Und wer hat diese Prämien bezahlt? Das kam natürlich nicht vom Staat, sondern aus diesen parallelen Geldtöpfen der Unternehmer.“

Gewerkschafter auf der Schwarzen Liste
Deutschland, Mai 2014. Der Dachverband der kritischen Aktionäre in Köln stellt einen Antrag an die Hauptversammlung der Volkswagen AG: Die Aktionäre möchten vom Vorstand Aufklärung über die Aktivitäten von VW-Tochterfirmen in Brasilien zu Zeiten der Militärdiktatur. Genau das hätte auch gerne die Wahrheitskommission von Sao Paulo. Sie hat vor kurzem Vertreter von Volkswagen vorgeladen, um zu schwerwiegenden Vorwürfen Stellung zu nehmen, erklärt Demian Melo: „Sie haben schwarze Listen angelegt von Arbeitern, die sich im irgendwie im Widerstand und in Gewerkschaften engagiert haben. Sozialistische Organisationen der Arbeiterbewegungen wurden ja auch verfolgt. Und diese Verfolgung geschah nicht nur durch die Polizei, sondern auch durch Unternehmen. Sie übergaben diese Listen an die Geheimpolizei.“

Ehemalige Arbeiter von VW in Sao Paulo berichten von Misshandlungen durch die Polizei innerhalb der Fabrikshallen. Der Vertreter der Rechtsabteilung von VW bedauerte vor der Wahrheitskommission, nicht weiterhelfen zu können, aber man habe keinerlei Dokumente darüber finden können – und erntete dafür scharfe Kritik von der Kommission. VW ist kein Einzelfall: Zahlreiche Firmen legten damals solche schwarzen Listen an. Diese wurden auch an das Arbeitsministerium geschickt, das sie auf Anfragen an andere Firmen weitergab. Wer also einmal wegen linker Gewerkschaftsaktivitäten auffiel, hatte wenig Chancen, je wieder eine Arbeit zu bekommen. Das bekam Francisco Soriano am eigenen Leib zu spüren. Er hatte in Rio de Janeiro Wirtschaft studiert und bekam schließlich einen Job beim staatliche Erdölkonzern Petrobras. Dort engagierte sich der überzeugte Kommunist in der Gewerkschaft.

Die Gewerkschaft als Billardhalle
„Ich kam zur Gewerkschaft und wurde dort ins Führungsgremium gewählt“, erinnert sich Soriano, „allerdings durfte ich mein Amt niemals antreten. Ich und einige Kollegen, wir wurden bei der Petrobras entlassen. Denn wir hatten das Vertrauen der Regierung nicht. Sie sagten, wir seien Linke. Damals hatte das Arbeitsministerium eine neue Regel festgelegt: Wer bei der Petrobras arbeiten will, der braucht eine ideologische Bestätigung von der Polizei. Diese muss bestätigen, dass man nicht gesucht wird, nie an einer Demonstration oder an einer politischen Veranstaltung teilgenommen hatte. Das galt von nun an für alle Staatsbetriebe.“

Bereits in den ersten beiden Jahren der Diktatur gab es mehr als 300 sogenannte Interventionen bei Gewerkschaften. Die linken Gewerkschaftsführer wurden abgesetzt und durch Vertraute der Regierung ersetzt, erzählt Francisco Soriano: „Dann wurden dort Vertraute der Regierung eingesetzt – die nicht von den Arbeitern gewählt worden waren. Diese Verwaltungsräte repräsentierten in Wahrheit den Arbeitgeber, nicht die Arbeiter. Die Gewerkschaft war kein politischer Ort mehr, dort gab es Friseure, Schönheitssalons und Billard-Tische. Aber keine Revolution und keinen Kampf.“ Bis zu seiner Entlassung beim Erdölkonzern Petrobras war Francisco Soriano noch nicht aktiv im Widerstand gewesen. Das sollte sich ändern. Kurz danach schließt er sich der Guerillagruppe „Nationale Befreiungsaktion“ an – kurz: ALN.

Propagandamaschine Rede Globo
Juni 2013. Proteste gegen die bevorstehende Fußball WM in vielen brasilianischen Städten. Die Demonstranten sind nicht nur wütend auf die Regierung, sondern auch auf das Rede Globo – den größten Medienkonzern Brasiliens. In der Globo-Berichterstattung waren die Proteste zunächst kriminalisiert worden. „Die Wahrheit ist hart, aber Globo hat die Diktatur unterstützt“, rufen die Demonstranten. Tatsächlich habe kaum ein Unternehmen so massiv von der Diktatur profitiert, wie das Globo-Netzwerk, berichtet Historiker Demian Melo: „Zu Beginn der 1960er Jahren bestand das Unternehmen des Roberto Marinho aus einer Tageszeitung in Rio de Janeiro und einem Radiosender. Das waren damals bei weitem nicht die wichtigsten Medien in Brasilien. Doch 1965 wurde das Globo-Netzwerk gegründet, mit Fernsehen, Radio und mehreren Zeitungen. Es wurde ein riesiges Medienimperium. Roberto Marinho bekam diverse Lizenzen von der Regierung. Selbst die Gründungsfinanzierung des Konzerns war eigentlich illegal. Denn die brasilianischen Gesetze erlaubten damals keine ausländischen Finanzierungen. Doch die Diktatur schuf ein eigenes Gesetz für den Globo. So bekam das Medienimperium beinahe eine Monopolstellung.“

Roberto Marinho, der Gründer des Globo Konzerns, soll im Hauptquartier der Geheimpolizei DOPS ein- und ausgegangen sein, erzählt Demian Melo. Ob er allerdings – so wie der später ermordete Industrielle Henning Albert Boilesen – persönlich bei Folterungen zugeschaut hat, sei nicht belegt. Die Nachrichten im Globo-Netzwerk waren natürlich immer im Sinne der Dikatur. Globo half ganz stark mit, der Diktatur eine gewisse Legitimität und Akzeptanz in der brasilianischen Öffentlichkeit zu verschaffen. Sie betonten immer, dass das Regime notwendig war, um Brasilien vor dem Kommunismus zu schützen.

Im Gegensatz zu faschistischen Regimes in Europa, habe die brasilianische Regierung aber nie versucht, die Massen für sich zu begeistern, sagt Demian Melo. Die Propaganda habe nicht darauf abgezielt, dass die Anhängerschaft der Diktatur auf den Straßen jubelt: „Ich würde sogar sagen, das brasilianische Regime hat Anti-Mobilisierung betrieben. Sie wollten überhaupt keine Massenbewegung sein. Sie sagten eher: Leute, wir kümmern uns um alles und ihr bleibt bitte schön zuhause.“

Brot, Spiele und Zensur
Auch dabei ist Globo TV behilflich. Es hält die Massen ruhig, durch Unterhaltung und Musik. Ausgerechnet in den späten 1960er Jahren, zum Höhepunkt der politischen Verfolgung von Kritikern, erlebt die brasilianische Musik eine Hochblüte: die brasilianische Popmusik – Musica Popular Brasileira, kurz: MPB entsteht. Sie vermischt traditionellen Samba mit US-amerikanischem Rock und Pop. In der Kulturbewegung Tropicalia wiederum, versuchen junge Liedermacher vorsichtig, Kritik am Regime zu üben. Nicht so einfach, denn nichts durfte veröffentlicht werden, ohne vorherige Kontrolle der Zensurbehörde, erinnert sich Zeitzeuge Francisco Soriano: „Es ging immer darum, die Zensur irgendwie auszutricksen. Viele Künstler verwendeten damals Metaphern. Vor allem jene der Tropicalia-Bewegung. Chico Buarque zum Beispiel. Er kritisierte extrem subtil. Bei vielen seiner Texte versteht man zunächst gar nicht, was er meint. Er war ein Meister der Tarnung. Wobei, mir fällt da ein Lied ein, das ist schon ein direkter Protest. Es heißt Apesar de você/Trotz dir.“

„Heute bist du es, der das Sagen hat. Es gibt keine Diskussion. Doch trotz dir wird morgen ein anderer Tag sein“, heißt es im Lied.

„Damals zeigten sie am Abend im Fernsehen nicht Telenovelas, wie heute. Damals liefen Musikshows“, erzählt der brasilianische Zeithistoriker Carlos Fico, „die Musiker hatten Verträge mit Sendern und Plattenfirmen und mussten pro Jahr eine Platte herausbringen. Das haben mir schon viele Musiker erzählt. Dann kam oft die Zensur und wollte ein oder zwei Lieder streichen. Doch wie soll man so viele Platten produzieren, wenn ständig gestrichen wird? Also gab es Verhandlungen. Da sagte die Zensurbehörde: gut, wenn du statt diesem Wort einfach ein anderes nimmst, dann erlauben wir das Lied.“

Gleichzeitig freute sich Brasilien Ende der 1960er Jahre über ein enormes Wirtschaftswachstum von 10-12 Prozent, erklärt Historiker Carlos Fico. Es war die Zeit des „milagre brasileiro“, des brasilianischen Wirtschaftswunders. Ende der 1960er waren Kredite am Weltmarkt billig. General Medici, der mit eiserner Hand regierte, wollte ein Land, das voran schritt. 1970 begann er mit dem Bau der Transamazonica, einer Straße, die durch das ganze Land bis weit in den Amazonas-Urwald führen sollte. Die Fußball WM 1970 in Mexiko wurde via Satellit im ganzen Land übertragen. Auf Farbfernsehern.

Big Brother am Arbeitsplatz
„General Medici war ja extrem beliebt“, erzählt Carlos Fico, „er ließ sich gerne im Fußballstadium sehen und die Leute jubelten ihm zu. Es war eine Epoche des Wachstums. Und dann gewann Brasilien 1970 auch noch die Fußball-Weltmeisterschaft. Das war eine ganz wichtige Sache damals für das Land. Medici war populär und es gibt sogar Militärs, die sagen: Der große Fehler der Diktatur war es, sich nicht gleich nach Medici abzuschaffen. Dann da ging es der Wirtschaft noch gut und der Präsident war beliebt.“

Die Strategie „Brot und Spiele“ von General Emílio Medici schien aufzugehen. Der grausamste der insgesamt 5 brasilianischen Diktatoren wurde gleichzeitig der beliebteste. Die Erdölkrise der 1970er Jahre sollte der Beliebtheit seines Nachfolgers, General Geisel, bald ein Ende setzen, erzählt Carlos Fico von der staatlichen Universität in Rio de Janeiro: „Es gab damals eine große politische Apathie. Viele Leute interessierten sich überhaupt nicht für die Welt der Politik. Sie merkten kaum, dass sie in einer Diktatur lebten. Gut, sie durften nicht mehr den Präsidenten wählen, aber im Alltag änderte sich nicht viel. Allerdings: Heute haben wir Zugang zu den Akten der damaligen Geheimpolizei. Heute wissen wir, dass viele einfache Leute Opfer der Diktatur wurden, ohne es zu wissen. Überall, vor allem in den staatlichen Firmen, saßen Informationsbeauftragte, die die Leute ausspionierten. Und wenn es zum Beispiel um Beförderungen ging, bekamen die Chefs Einsicht in die Akte. Der riesige Informationsapparat hätte theoretisch das Leben jedes einzelnen beeinflussen können.“

DL


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