Twitter in Zeiten der Flutkatastrophe. Interview mit Axel Bruns

9 05 2011

SENDUNG: Digital.leben, Montag, 9. Mai 2011, 16:55 Uhr, Ö1

Welche Rolle spielen Soziale Medien in Krisensituationen, wie etwa der Flutkatastrophe in Queensland? Und was sagt uns Wikileaks über das Politikinteresse der Bürger und Bürgerinnen? Darüber sprach Axel Bruns auf der CeDem in Krems (Conference for e-Democracy and Open Government). Bruns ist Professor an der Queensland University of Technology in Brisbane (Australien) und forscht am ARC Centre of Excellence for Creative Industries and Innovation.

AUDIO: Axel Bruns (11:09)

Douglas Schuler hat ja heute schon über die Notwendigkeit gesprochen, die kollektive Intelligenz der Massen zu nutzen. Sie präsentieren auf der CeDem ja zwei konkrete Beispiele, wo das in der Praxis passiert ist. Eines davon waren die Überschwemmungen in Australien, in Queensland im Dezember 2010. Wie hat das dort funktioniert?

Bruns: Während der Fluten in Queensland hat man ganz deutlich gesehen, welche Rolle soziale Medien spielen können. Vor allem Twitter und Facebook wurden sehr aktiv genutzt, teilweise auch von den Emergency Services selbst, besonders die Polizei in Queensland war sehr aktiv. Sie hat auch während der Fluten noch einiges gelernt, wie man die Sozialen Medien am besten nutzt. Sie haben auf Facebook angefangen, haben dann aber gemerkt, dass Twitter als offenes Netzwerk eigentlich sehr viel nützlicher ist, um die Information schnell zu verbreiten. Sie haben auch sehr schnell herausgefunden, wie man Falschinformationen begegnen kann, also wie man Gerüchte wieder ausmerzt, die im Umlauf sind. Die Rolle der Sozialen Medien wurde da sehr deutlich. Wir haben gesehen, dass viele Menschen darauf geachtet haben, was über soziale Medien verbreitet wurde. Dass teilweise einzelne Gruppen von Menschen, die in verschiedenen Stadtteilen sich selbst organisiert haben, um Sandsäcke zu schleppen oder ähnliches. Auch einzelne Bürgerinitiativen haben sich gefunden. Zum Beispiel nach den eigentlichen Fluten die Gruppe Baked Relief, wo man gemeinsam gebacken und gekocht hat, um Verpflegung an die Fluthelfer auszuteilen, die dabei waren, die Straßen leer zu räumen und die ersten Häuser zu waschen.

Wie haben denn Polizei und andere Behörden die sozialen Medien konkret eingesetzt? Was haben die da so gepostet?

Bruns: Zum einen die neuesten Updates, wo Straßen überflutet waren und was erwartet wurde als Flutpegel. Und auch so Dinge, wie zum Beispiel: an einem bestimmten Zeitpunkt musste das Zentrum des Tierschutzvereins evakuiert werden, weil es akut flutbedroht war. Die ganzen Tiere mussten kurzfristig an Leute vergeben werden und Sandsäcke mussten geschleppt werden. Da wurde ein Tweet von der Polizei verbreitet, um nach Freiwilligen zu fragen. Da war die Reaktion so groß, dass sie im Endeffekt Freiwillige wieder wegschicken mussten. Was auch interessant war: dass solche Informationen noch weiter verbreitet wurden, als es schon zu spät war und die Fluten das Gebäude schon erreicht hatten. Das ist auch so eine Frage, wie man die Helfer, die man gerufen hat, wieder stoppen kann, damit sie nicht die Sraßen weiter benützen und direkt in die Fluten hinein fahren. Das ist ein Problem, wo die Lösung noch nicht so ganz klar ist.

Das zweite Beispiel, das Sie bringen, ist Wikileaks…

Bruns: Genau. Wikileaks ist ähnlich in einer Hinsicht, nämlich, dass es eine selbstorganisierende Community ist. Dass also Leute zusammenkommen, um zu diskutieren. Von den Inhalten die Wikileaks offenlegt bis hin zu Julian Assange und seiner pesönlichen Position, gerade nach der Verhaftung. Was man da rauslesen kann, ist ein großes Interesse an politischer Beteiligung, an bestimmten politischen Themen und an der Diskussion über die Inhalte der Veröffentlichungen. In diesem Sinn ist das auch e-Partizipation und e-Demokratie. Aber es passiert komplett außerhalb der Steuerung von Regierungen oder anderen offiziellen Stellen. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, wie diese offiziellen Stellen daran teilnehmen und darauf reagieren können. Und andererseits stellt sich auch die Frage, was man daraus lernen kann. Nämlich, wie man das Interesse an aktiver Teilnahme, das ganz offensichtlich da ist, auch für offizielle und positive Aktionen nutzen kann. Dass sich Leute für Wikileaks interessieren, heißt noch lange nicht, dass sie sich nicht auch für offizielle Themen interessieren würden.

Wenn Sie politischer Entscheidungsträger wären, wie würden Sie dann also Social Media nutzen, um mehr Beteiligung der Bevölkerung zu erreichen?

Bruns: Das ist natürlich die Hundert-Millionen-Dollar-Frage. In erster Linie müssen offizielle Quellen beteiligt sein, da geht kein Weg daran vorbei. Die alte Diskussion, dass Social Media nur dazu da sind, dass Leute nur darüber tweeten, was sie zum Mittagessen hatten, solche Zeiten sind vorbei. Das ist auch ganz deutlich geworden nach den Fluten in Australien: solche Fragen wurden von den Medien nicht mehr gestellt. Sondern es ging darum: Was können wir daraus lernen, was können wir besser machen beim nächsten Mal? Da zu sein, eine Präsenz, sprich einen Account zu haben, ist schon mal sehr wichtig. Das haben wir bei den Fluten gesehen. Die Polizei war ja vorher auch schon aktiv, aber da hat sie nicht viel gemacht. Aber der Account war da und einige Leute kannten ihn schon und so konnte er sehr schnell aktiviert werden.
Andererseits muss man auch verstehen, wie soziale Medien und wie Communities selbst funktionieren. Da liegt glaub ich noch einiges im Argen. Social Media werden immer noch sehr stark genutzt als PR-Mechanismus, um Informationen rauszudrücken und zu hoffen, dass Bürger schon irgendwas damit machen können. Man muss das schon viel mehr als 2-Wege-Kommunikation verstehen, eine Kommunikationsform, wo man wirklich mit den Leuten kommunizieren muss und auch wirklich auf deren Fragen eingehen. Das ist für offizielle Stellen nicht unbedingt eine natürliche Beteiligungsform. Da muss einiges noch gelernt werden. Andererseits muss man auch sehen, dass im Endeffekt die Accounts der offiziellen Quellen auch eine Personalität haben müssen, dass die nicht immer nur Presseinformation rausdrücken dürfen. Es muss auch klar sein, da sind wirkliche Menschen dahinter. Nicht, dass die jetzt darüber sprechen müssen, was sie zum Mittagessen hatten, aber es geht darum, dass eben klar wird, dass die vielleicht auch nicht immer wissen, was jetzt die richtige Antwort ist. Es ist nichts dabei, das auch mal zu sagen. Und natürlich können die auch nicht alles machen, was die Bürger von ihnen verlangen. Das ist verständliche für die Bürger und das wissen die alle. Das einmal zuzugeben, ist ein guter Schritt, um die Kommunikation auf ebener Fläche aufzubauen.
Darüber hinaus zeigen solche Beispiele natürlich auch, dass die alte Methode, einzelne neue Plattformen aufzubauen, einfach nicht mehr gut funktionieren kann. Wir haben Facebook, wir haben Twitter und noch ein paar Plattformen, die auch genutzt werden. Die werden nicht unbedingt konstant dieselben bleiben. Wenn Facebook irgendwann in sich zusammenfällt, wie es bei MySpace passiert ist, dann wird es eben neue Plattformen geben. Aber soziale Medien im Allgemeinen werden weiterhin existieren und benutzt werden. Man muss dann eben auch in solchen Medien präsent sein, anstatt seine eigene Plattform aufzubauen und zu hoffen, dass die Bürger dann aus irgendeinem Grund da lieber dran beteiligt sein wollen als an Facebook oder Twitter. Man muss sich notfalls wirklich in die Höhle des Löwen wagen statt sich seine eigene Höhle bauen zu wollen.

Zum Abschluss würd ich gern mit Ihnen einen Blick in die virtuelle Kristallkugel werfen: Inwiefern glauben Sie, werden Soziale Medien unser Demokratieverständnis und die Form unserer jetzigen repräsentativen Demokratie verändern?

Bruns: Wenn ich Pessimist sein will, würd ich sagen, dass die größere Transparenz, die soziale Medien ohne Zweifel erreichen, auch wieder durch Beispiele, wie Wikileaks, dass die unser Verständnis von Politik weiter dahin verändern, dass wir mehr und mehr unzufrieden sind mit der Demokratie, weil ganz eindeutig ein großer Disconnect existiert zwischen dem, was die Bürger sagen, denken und wollen und dem, was die Politik im Endeffekt macht. Und je mehr die Hintergründe für die Aktionen der Politiker durch Wikileaks und andere Mechanismen deutlich gemacht und weit verbreitet werden, desto mehr wird das zu einiger Animosität führen.
Die optimistische Seite sagt aber auch, dass man diese größere Transparenz effektiv nützen kann. Ganz klar ist, durch diese Beispiele wie Wikileaks, dass es eben ein großes Interesse der Bürger gibt. Die sind durchaus nicht politikverdrossen oder demokratieverdrossen. Sie wollen sich beteiligen, sie finden nur nicht immer die richtigen Stellen, wo sie sich beteiligen können. Denn Politik im aktuellen Format ist eine Industrie geworden, in der Bürger nicht sehr viel teilhaben. Wenn man das zurückdrehen kann und wieder eine größere Beteiligung ermöglichen, dann denk ich, werden das die Bürger auch sehr gerne annehmen. Aber es muss so gemacht werden, wie es die Bürger wollen und nicht, wie es die Politiker wollen.

Mehr dazu: CeDem11 – Day One

„Die Kraft von unten wird stärker.“ Interview mit Peter Parycek

Deliberation that matters. Interview mit Douglas Schuler

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4 responses

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20 05 2011
Mapping Online Publics » Blog Archive » More Media Coverage: CeDEM and bin Laden

[…] First, after my keynote at the CeDEM conference in Austria, I was also interviewed (in German) by Ulla Ebner the Austrian radio channel Ö1, to discuss the role of Twitter during the Queensland floods and the impact of WikiLeaks on government and politics. The interview is now online (as audio and transcript) here. […]

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