Damit Kunst nicht gefressen wird…

9 05 2011

SENDUNG: Moment. Leben heute, Montag, 9. Mai 2011,
14:40 Uhr, Ö1

Kakerlaken sind faszinierende Tiere, wenn man sie in der Natur beobachtet, sagt Pascal Querner, vor allem wegen ihrer Widerstandskraft. Auch Spinnen mag er gerne, denn sie sind nützlich als biologische Schädlingsbekämpfer. Und ganz etwas Ähnliches tut auch er: Schädlinge bekämpfen. Und zwar hauptberuflich. Spezialisiert hat er sich dabei auf Museen und Kunstdepots. Pascal Querner ist jedoch kein Kammerjäger, sondern er betreibt integrierte Schädlingsbekämpfung. Und er ist somit der einzige Experte auf diesem Gebiet in ganz Österreich.



Motten, Brotfliegen und Holzwürmer

Für das Interview hat er sich extra ein passendes T-Shirt angezogen: Vier Hirschkäfer sind darauf zu sehen, die einen Zebrastreifen überqueren. „The Beetles“ steht darunter – in Ahnlehnung an das berühmte Plattencover der Beatles-LP „Abbey Road“. Rockstar, Feuerwehrmann oder Astronaut wollte er eigentlich nie werden, erzählt Ungeziefermanager Pascal Querner. Insekten haben ihn schon als Kind fasziniert. Damals hat er sie im elterlichen Garten und in den Weinbergen gesammelt und sie aufgespießt. „Insekten waren meine Leidenschaft. Das ist weitergegangen bis ich 20 war.“ Dann hat er sich für ein Biologiestudium entschieden.

Gegen Ende seines Biologiestudiums besuchte er einen Kurs auf der Universität für Angewandte Kunst, wo es um integriertes Ungeziefermanagement in Museen ging. Sprich: Wie kann man das Auftreten von Schädlingen verhindern anstatt sie zu vergiften, wenn sie mal da sind. Experten aus London waren extra dafür eingeladen worden. Denn damals gab es in Österreich noch niemanden, der sich auf diesen Bereich spezialisiert hätte.

AUDIO: Über die Schönheit der Insekten

Die Angst der Insekten vor der Raummitte
Heute hält Pascal Querner selbst den Kurs auf der Angewandten, arbeitet an Forschungsprojekten an der Universität für Bodenkultur und betreut zahlreiche Museen in Berlin und Wien. Eines davon ist das Wiener Liechtenstein Museum. Es beherbergt Gemälde, Skulpturen und Möbel von der Frührenaissance bis zum Hochbarock. Doch beinahe unsichtbar für den Besucher stehen im Ausstellungsraum hinter Kästen, Heizungen und Exponaten versteckt kleine Hütchen aus Karton: Insektenfallen, verrät Pascal Querner. Er hat sie übers ganze Museum verteilt, vorrangig entlang der Wände. Denn Insekten, die von draußen reinkommen, laufen am liebsten an der Wand entlang, weil sie sich dort am sichersten wähnen.

Diese Klebefallen sind nicht dazu da, die Insekten zu bekämpfen, sondern um zu untersuchen, welche wo vorhanden sind. Für jedes Museum hat er einen Plan, wo welche Fallen aufgestellt sind. Einmal im Monat kontrolliert er sie und führt genau Buch, in welcher Falle, er welche Tiere gefunden hat. Kommt in einer Zone ein bestimmter Schädling besonders oft vor, so heißt es Achtung: in diesem Trakt gibt es vermutlich ein Objekt, das befallen wurde und das man schnellstens identifizieren muss.

AUDIO: Insekten mögens warm und feucht

Lieblingsspeise: Bücherleim
Pascal Querner untersucht eine Falle in der Bibliothek des Liechentstein Museums. Noch ist hier nichts gefangen worden, die Falle ist noch relativ neu: „Auf diesen Fallen findet man auch oft Tiere, die normal im Gebäude leben: Spinnen, Asseln, Silberfische. Aber die sind für die Museumsobjekte keine Gefahr. Aber es könnten auch Schädlinge drauf sein. Zum Beispiel Nagekäfer, ein Holzschädling oder Brotkäfer, die organisches Material im Museum fressen. Zum Beispiel den Leim von antiken Büchern.“

Und das kann für Bibliotheken gefährlich werden. So richtete etwa eine Horde Brotkäfer vor zwei Jahren schwere Verwüstungen am Augsburger Stadtarchiv an. Auch in der Bibliothek des Liechtensteinmuseums befindet sich eine wertvolle antike Bibliothek mit Büchern aus dem 15. – 18. Jahrhundert, teilweise mit alten Pergamenteinbindugnen oder goldgeprägten Ledereinbänden. Bei Pascal Querner würden sofort alle Alarmglocken schrillen, würde er einen Brotkäfer in einer Klebefalle in der Bibliothek entdecken. Bis jetzt war das zum Glück noch nicht der Fall.

Des Fürsten Kutsche bewachen
Auch Kleidermotten sind ein häufiges Problem in Museen, sagt Schädlingsbekämpfer Querner. Sie können antike Stoffe befallen oder auch Rosshaarpolster. Zum Beispiel die in der goldenen Prunkkutsche des Fürsten Joseph Wenzel von Liechtenstein. Sie wurde erst kürzlich restauriert und steht im Foyer des Liechensteinmuseums – dort wo immer wieder Türen und Fenster geöffnet sind. Querner hat eine Mottenfalle innerhalb der Kutsche aufgestellt und eine außerhalb. „Nach einem Jahr kann ich dann genau sehen, wo etwaige Schädlinge herkommen. Ist ein Problem in der Kutsche oder fliegen die von draußen rein?“

Ein Großteil seiner Arbeit ist Schädlingsprävention, sagt Pascal Querner, also dafür sorgen, dass sich Schädlinge erst gar nicht ausbreiten. Am Anfang war es auch gar nicht so einfach, Museumsleitungen davon zu überzeugen, dafür Geld auszugeben. Denn viele erkennen erst dann Handlungsbedarf, wenn bereits ein starker Ungezieferbefall vorhanden ist.

In finsteren Depots
Bei einem neuen Auftrag geht er mit der Taschenlampe durch die Räumlichkeiten, inspiziert jeden Winkel, schaut sich die Lüftungsschächte an und erkundigt sich genau, wie oft gereinigt wird. Dann kann er sich meist schon ein ungefähres Bild machen, ob alles in Ordnung ist oder ob er irgendwo mit einem Problemfeld rechnen muss.

In Ausstellungsräumen sieht es meistens gut aus, erzählt Pascal Querner. Denn dort wird ja für gewöhnlich penibelst auf Sauberkeit geachtet. In den finsteren Depots ist das oft anders. Und in vielen Museen sind bis zu 80 Prozent der Objekte im Depot gelagert. Doch, was, wenn eine antike Truhe wirklich vom Holzwurm zerfressen wird, ein wertvoller Gobelin vom Teppichkäfer, eine Insektensammlung vom gierigen Brotkäfer? Gift wird heutzutage keines mehr eingesetzt, erklärt Pascal Querner. Denn das ist gesundheitsschädlich für Besucher, Museumsangstellte und insbesondere für die Restauratoren, die ja engen Kontakt mit den Museumsobjekten pflegen.

Ersticken, erfrieren, erhitzen
Heute steckt man befallene Objekte in ein Stickstoffzelt. Dort wird dem Ungeziefer wörtlich der Sauerstoff abgedreht bis sie absterben. Und die sind zäh: so eine Stickstoffbehandlung kann 4-6 Wochen dauern, sagt Querner. Es gibt auch schnellere Methoden, nämlich sie erfrieren lassen oder „zu Tode schwitzen“ durch kontrollierte Erwärmung. Das geht wesentlich schneller, kann aber unter Umständen die Objekte schädigen.

Eigentlich findet Pascal Querner Insekten ja sympathisch. Tut es ihm da nicht innerlich weh, wenn er sie manchmal auch vernichten muss? „Na ja, hier im Museumsbereich steht die Erhaltung der Kunstobjekte im Vordergrund, da hab ich kein Mitleid mit den Tieren. In der freien Natur ist das eine andere Sache.“ Aber wir erinnern uns: auch da hat er sie früher gefangen und aufgespießt.

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