Musica Nordestina (2) Côco: Flöten für die Caboclos

20 01 2015
SENDUNG: Radiokolleg, Dienstag, 20. Jänner 2015
 9:45 und 22:40 (WH), Ö1
 7 Tage Ö1 zum Nachhören

„Vor einigen Jahren hatte ich einen Unfall. Ich traf dann meinen spirituellen Lehrer in der indigenen Gemeinde, wo ich meine religiösen Pflichten wahrnehme. Er sagte mir: Wenn du wieder heil werden willst, dann musst du eine Côco-Gruppe gründen.“ Nilton Junior ist Musiker aus Recife. Ursprünglich hatte er diverse Saiteninstrumente gelernt und Rockmusik mit regionalem Einschlag des Nordostens gemacht. Im Jahr 2000 gründete er die Côco-Formation „Pandeiro do Mestre“. Nilton Juniors Familie gehört zur indigenen Volksgruppe der Xucuru. Er selbst wuchs in der Stadt Recife auf. Jedoch besucht er immer wieder indigene Gemeinden, um deren spirituelle und kulturelle Traditionen zu studieren.

(c) Johannes Schmidt

Den Boden platt tanzen
„Ich wollte einen Côco machen, der den Einfluss meines Volkes trägt“, erklärt Nilton, „also machte ich einen indigen klingenden Côco. Ich nenne das Côco do Toré. Was mich als Musiker schon früher am meisten beeinflusst hat, das waren die Melodien des Toré, die indigenen Sänger. Toré ist eine indigene Religion, die sich stark mit Heilkunde beschäftigt. Diese verehrt den heiligen Baum Jurema.

Getanzt wird der Côco meist mit stampfenden Schritten. Im Sertão, einer semi-ariden Region im Nordosten Brasiliens, soll der Côco früher beim Hausbau gespielt worden sein. Will ein Bauer ein neues Lehmhaus errichten, so muss zuerst der Boden gefestigt werden, damit das Haus auf stabilem Untergrund steht. Daher lud man die Nachbarn ein, servierte Essen und Trinken und machte Musik. Die Nachbarn tanzten die ganze Nacht Côco – und schon war der Boden festgetreten. „Die Leute haben Côco verwendet, um den Boden einzustampfen. Aber auch, um ein Feld für die Aussaat vorzubereiten. Auch bei der Ernte haben sie im Rhythmus der Musik gearbeitet“, erzählt Nilton, „es gab viele Anlässe, wo Côco als Arbeitsmusik eingesetzt wurde. Allerdings: er wurde nicht für diesen Zweck erfunden. Es gab Côco schon längst als religiöse Musik.“

Von der Sklavenhütte in den Quilombo
Der Côco ist Musik der brasilianischen Sklaven. Er entstand unter anderem in den Senzalas, den Schlafsälen der Sklaven auf den Zuckerrohrplantagen des Nordostens. Zu Beginn der Kolonialzeit versklavten die Portugiesen zunächst die indigenen Völker der Region. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts begannen sie, Menschen aus Afrika zu verschleppen. Es gab eine Übergangsphase von etwa 100 Jahren, wo beide Gruppen in der Senzala zusammenlebten. Und natürlich gab es da einen Austausch, im Bereich der Religion und Musik. „Als die ersten Afrikaner kamen, haben sie vermutlich die Indigenen beobachtet, wie sie tanzten und musizierten. Und so haben sie deren Melodien kennengelernt“, meint Nilton Junior.

Ein zweiter Ort, wo sich die Tradition des Côco weiter entwickelte, waren die Quilombos. So nennt man in die Brasilien die Ansiedlungen entflohener Sklaven. Manche davon bestehen bis heute, erklärt Nilton: „Irgendwann begannen afrikanische Sklaven zu fliehen. Sie versteckten sich im Sertão, in den Wäldern der Caatinga. Dort trafen sie wieder auf Indigene. Und die halfen ihnen. Schließlich waren die Weißen ja ihr gemeinsamer Feind. Wenn du dir heute den Sertão anschaust: fast immer findest du in der Nähe einer Indigenensiedlung auch einen Quilombo. Aus diesem Kontakt ist der Côco entstanden.“

(c) Johannes Schmidt

Vom Nordosten nach Rio de Janeiro
Heute findet man in Brasilien unterschiedliche Formen des Côco. Im trockenen Sertão ist der indigene Einfluss stärker, in den Wäldern der Zona da Mata vermischen sich die beide Einflüsse stark, in der Küstenregion klingt der Côco ein wenig afrikanischer. Er wurde von den Fischern entlang der Küste verbreitet. Seit kurzem entdecken auch andere Teile des Landes des Côco. Immer mehr junge Leute interessieren sich für die authentische Kultur des Nordostens. Mittlerweile trifft man Côco selbst auf den Straßen von Rio de Janeiro, der Stadt des Sambas. Eine dieser jungen Gruppierungen nennt sich Coconomã. Sie hat sich vor etwa eineinhalb Jahren gegründet, erzählt Sängerin Dora Motta: „Wir spielen fast immer auf öffentlichen Plätzen und gratis. Uns geht es darum, die Straße zu besetzen und mit Kunst zu beleben.“

Bereits seit etwa 15 Jahren gibt es in Rio de Janeiro eine aktive Maracatu-Szene. Diese habe bei vielen das Interesse am Côco erweckt, erzählt Perkussionist Dudu Rezende von Coconomã. Mit Hilfe einer Facebook-Gruppe fanden sich etwa 40 Leute zusammen, die regelmäßig im öffentlichen Raum sogenannte Rodas de Côco veranstalten: Das Publikum bildet gemeinsam mit den Musikern einen Kreis. Im Kreis tanzt jeweils ein Paar, die Tänzer springen und stampfen aufeinander zu. „Jedes Mal, wenn wir eine Roda de Côco veranstalten, beobachte ich Leute, wie sie heimlich in der Ecke ausprobieren wie der Tanzschritt funktioniert. Und beim nächsten Mal siehst du sie, wie sie bereits mit uns im Kreis tanzen“, so Dudu. Der Côco von Coconomã hat starke afrikanische Einflüsse. Die Musiker vermischen ihn auch mit Jongo, einer lokalen afro-brasilianischen Musik aus den südöstlichen Bundesstaaten Rio und Sao Paulo, erklärt Eduardo Falcao: „Uns geht es darum, diese Tradition aus dem Nordosten aufzugreifen und etwas Neues daraus zu machen. Wir nehmen zum Beispiel traditionelle Lieder aus dem Jongo und singen sie im Rhythmus des Coco. Wir wollen unserem Coco eine eigene Identität geben.“

(c) Johannes Schmidt

Die Königin des Côco
Mittlerweile haben die jungen Musiker aus Rio de Janeiro begonnen, ihre eigenen Texte zu schreiben. Vor allem aber interpretieren sie bekannte Lieder aus Pernambuco. Zum Beispiel von Dona Selma de Côco aus Olinda. Die mittlerweile 85-jährige Selma do Côco kam als 10-jährige aus dem Landesinneren nach Recife und später nach Olinda. Bereits im Alter von 30 Jahren hatte sie 14 Kinder zu Welt gebracht und wurde Witwe. Sie begann, am beliebten Aussichtspunkt Alto da Sé in Olinda Tapioca zu verkaufen, eine regionale Köstlichkeit aus dem Nordosten. Um ihren Umsatz zu steigern sang sie am Tapioca-Stand. Mitte der 90er Jahre wurden junge Musiker aus Olinda auf sie aufmerksam: Es waren Vertreter der sogenannten Manguebeat-Bewergung, rund um den Musiker Chico Science. Diese kombinierten traditionelle nordostbrasilianische Rhythmen, wie Côco und Maracatu, mit Rockmusik und Hip Hop. 1998 nahm Selma de Côco ihre erste CD auf. Heute gilt sie als eine der bekanntesten Vertreterinnen des Genres, manche nennen sie die „Königin des Côco“.

Die Gruppe „Samba de Coco Raizes de Arcoverde“ wiederum stammt aus dem Munizip Arcoverde, im Serto von Pernambuco. Im Jahr 1992 schlossen sich zwei Familien mit langer Coco-Tradition zu dieser Formation zusammen. Bis heute spielen sie traditionellen Coco, der Großteils aus Gesang und Percussion-Instrumenten besteht: eine große Basstrommel, das Schellentamburim „Pandeiro“ und eine Triangel.

Flöten kündigen Feste an
Der Côco aus dem Hinterland verwendet weniger Instrumente, vor allem weniger Trommeln, als jener an der Küste, erklärt Nilton Junior, Gründer der Côco-Formation „Pandeiro do Mestre“: „Im Sertão kann es passieren, dass du zu einem Côco kommst und dann sitzt da ein Typ ganz allein mit einer Rassel. Er singt, spielt die Rhythmen, die Leute tanzen, klatschen, stampfen und singen mit. So geht es die ganze Nacht. In der Stadt ist das anders. Das Publikum in Recife würde so etwas nicht akzeptieren. Hier sind sie in die großen schweren Trommeln gewöhnt.“

Die Musik von Nilton Juniors Gruppe „Pandeiro do Mestre“ hat stark indigene Einflüsse. Für die CD „ Côco do Toré“ hat Nilton Junior traditionelle Sänger des indigenen Volkes der Pankaruru eingeladen. Neben afrikanischen Trommeln verwendet er sogenannte „Maracas“, indianische Rasseln, die in religiösen Zeremonien dazu dienen, die Geister zu rufen. Ein weiteres zentrales Instrument der indigenen Musik Nordostbrasiliens ist die Flöte, erklärt Nilton Junior: „In der indigenen Kultur beginnt gegen Jahresende die Zeit der Feste. Da finden zahlreiche Opferzeremonien für die Geister statt. Im Sertão ziehen dann Gruppen von Indigenen durch die Region, mit ihren großen Holzflöten. Die Flöten kündigen die Festlichkeiten an.“

Der Côco bekommt Verkleidung
Das erste mal, dass der Côco einem breiten Publikum in Brasilien zugänglich gemacht wurde, das geschah in den 1950ern. Damals war ein Musikstar auf dem Nordosten Brasiliens auf der Bildfläche erschienen und zum brasilianischen Superstar geworden: Luiz Gonzaga. Er hatte die traditionelle nordostbrasilianische Musikrichtung Forró bekannt und beliebt gemacht. Die Plattenfirmen waren damals auf der Suche nach ähnlichen Nachfolge-Projekten, erzählt Nilton Junior: „Und irgendwann dachten sie: der Côco könnte auch so ein Potential haben. Allerdings: hätten sie den Côco damals, in den 1940er Jahren, als das präsentiert was er war, dann hätten ihn die Brasilianer nicht akzeptiert. Damals gab es ja noch viel mehr Vorurteile als heute gegen alle nicht-katholischen Religionen. Also verpassten die Plattenfirmen dem Côco ein neues Gewand. Sie verkleideten ihn als Forró: mit Zieh-Harmonika, Zabumba, Cavacinhos und Blasinstrumenten. Und so präsentierten sie Brasilien einen Künstler namens Jackson do Pandeiro.“

Ein Côco, der sich als Forró verkleidete eroberte damals die Konzerthallen in Rio de Janeiro und Sao Paulo. Jackson do Pandeiro und selbst Luiz Gonzaga selbst vermischten beide Stile. Die Rhythmen der heiligen Rituale der Afrobrasilianer und Indigenen Brasiliens war im Mainstream der Radiostationen angekommen.

DL


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