Musica Nordestina (1) Maracatu: Trommeln für die Orixás

19 01 2015
SENDUNG: Radiokolleg, Montag, 19. Jänner 2015, 
9:45 Uhr und 22:40 Uhr, Ö1 
7 Tage Ö1 zum Nachhören

Die katholische Kirche „Igreja do Pina“ in Recife, der Hauptstadt des nordostbrasilianischen Bundesstaates Pernambuco. Der katholische Priester segnet die anwesende Menschenmenge: die BesucherInnen, die TrommlerInnen, die Tänzerinnen. Neben ihm ein gekröntes Königspaar in Festkleidung: Es sind der König und die Königin der Maracatu-Nation Porto Rico: Königin Dona Elda Viana ist Mãe de Santo, Hohepriesterin der afrobrasilianischen Religion Candomblé.

(c) Johannes Schmidt

Jesus und die Orixás
Nach einem „Vater unser“ marschiert der Festzug, begleitet von etwa 100 Trommlern und Trommlerinnen, in die nahegelegene Favela do Pina, dem Sitz der Maracatu-Nation Porto Rico. Hier werden die afrobrasilianischen Götter, die Orixás, angerufen. Die vier ältesten Yalorixas der Favela, Priesterinnen des Candomblé, eröffnen offiziell die Noite do Dendê, die Nacht des Palmöls. Vor mittlerweile 100 Jahren wurde dieses Fest zum ersten Mal in einer Regionalzeitung erwähnt. Vor 7 Jahren wurde diese Tradition hier wiederbelebt, erzählt Trommler Davidson: „In unserem Terreiro haben wir beschlossen, die alte Tradition wieder aufleben zu lassen. Und dann haben wir die ganze Gemeinde von der Idee überzeugt. Für mich repräsentiert dieses Fest meine Kultur, meine Wurzeln, den Candomblé. Ich spiele bereits seit 14 Jahren in der Nation Porto Rico. Maracatu bedeutet für mich Energie, Schweiß und Freude.“

(c) Johannes Schmidt

Von einer „Nation“ spricht man dann, wenn die Maracatu-Trommelgruppe in einem Terreiro entstanden ist, also einem heiligen Haus des Candomblé und eine Priesterin als Königin hat. „Maracatu ist Candomblé auf der Straße”, betont Shacon Viana, Mestre der Nação Porto Rico, “vor 100 Jahren noch waren die afrobrasilianischen Religionen verboten und wurden verfolgt. Mit Hilfe des Maracatu haben es unsere Vorfahren geschafft, Religion auf ihre eigene Weise zu zelebrieren und diese Hindernisse zu umgehen.“ Shacon Viana ist Mestre der Nation Porto Rico, sprich: für den musikalischen Bereich zuständig. Er ist 44 Jahre alt und spielt seit 39 Jahren Maracatu. Mestre Shacon ist selbst Babalorixa, geweihter Priester des Candomblé und Sohn von Elda Viana, Königin der Nation Porto Rico.

(c) Johannes Schmidt

Der König des Kongo und die reiche Baianerin
„Unsere Vorfahren spielten Maracatu auf der Straße“, erklärt Shacon, „die weißen Herren dachten, das sei einfach nur Musik. In Wahrheit aber waren es getarnte Candomblé-Feste. Diese Art der Umzüge gehen auf einen Umzug namens „König des Kongo“ zurück. Da ging der König eines Terreiros mit seinen Gläubigen auf die Straße. Das nannten sie Maracatu.“ Etwa seit dem 17. Jahrhundert sind in Recife Feste bekannt, bei dem afrobrasilianische Sklaven die Krönung eines Königs von Kongo feierten. Im Jahr 1867 wurde erstmals der Begriff „Maracatu“ erwähnt. Die älteste bekannte Gruppe war die Nação Elefante, gegründet im Jahr 1800. Einmal im Jahr, zum Karneval, wurde es den Sklaven gestattet, ihr Tradition öffentlich zu leben. Sie durften bei ihrem Umzug abgelegte barocke Kleider der portugiesischen Herrschaften tragen. König und Königin wurden von einem ganzen Hofstaat begleitet,die zu den Rhythmen der Trommeln tanzten.

(c) Johannes Schmidt

Doch Maractu ist nicht nur Perkussion. Darauf legt Obanife Oya besonders großen Wert: „Auch der Tanz ist ganz wichtig. Ebenso wie im Candomblé. Die Trommeln rufen die Orixás, diese fahren in den Körper der Menschen und tanzen. Allerdings fallen nur wenige Menschen wirklich in Trance, das können nur spezielle Medien. Aber auch die anderen spüren beim Tanzen diese positive Energie, der Körper wird ganz leicht, es ist wie eine Reinigung.“ Obanife Oya gehört zu jenen Menschen, die in Trance fallen. Er leitet den Bereich der Tänzer und Tänzerinnen bei der Nação Porto Rico. Im traditionellen Umzug gibt es verschiedene Figuren, die die unterschiedliche Orixás repräsentieren. Der römische Soldat etwa steht für den Kriegsgott Ogum, ein Sklave für Oxossi, den Jäger. Obanife Oya tritt als Baiana Rica auf, als reiche Baianerin mit riesigem Reifrock. Die Figur entspricht der eitlen Göttin Elegbara. Die Baiana Rica existiert erst seit den 1970er Jahren, erklärt Obanife Oya. Und sie wird immer von Männern getanzt: „Die erste Baiana Rica war ein Tänzer namens Mauro Miranda. Er wollte seine Orixá ehren und zog sich Frauenkleider an. Daraufhin wurde er aus seiner Maracatu-Gruppe geworfen. Denn früher durften Männer keine Frauenkleider tragen und Frauen durften nicht trommeln. Daraufhin gründete er seinen eigenen Maracatu. Als ich das erste mal als Baiana Rica auftrat, fiel ich sofort in Trance. Seither bin ich Baiana Rica.“

(c) Johannes Schmidt

Fliegende Trommeln und verstorbene Königinnen
Nach dem Königspaar und den Standartenträgern tanzen die Damas do Paço, die Hofdamen. Sie tragen in ihren Händen kleine Puppen, die sogenannten Calungas. Diese symbolisieren die verstorbenen Königinnen der jeweiligen Maracatu-Nation. „Wenn sich zwei Maracatu-Gruppen auf der Straße begegnen, dann ist das erste, was sie tun: Sie halten der anderen Gruppe ihre Puppe entgegen. Das ist wie eine spirituelle Konfrontation: Die Kräfte der einen gegen die Kräfte der anderen. Jede Nation zeigt der anderen, dass sie auch Axé hat“, erklärt Nilton Junior. Er ist Musiker aus Recife. Das Verhältnis zwischen den einzelnen Maracatu-Nationen ist traditionell nicht immer friedlich. Früher kam es bei solchen Begegnungen häufig zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Auch heute noch bekommen sich die Anhänger der einzelnen Nationen manchmal in die Haare, erzählt Nilton Junior, vergleichbar mit Fußballfans rivalisierender Mannschaften: „Vergangenes Jahr bei der Noite Silencioso gab es eine große Schlägerei. Da flogen Trommeln durch die Luft. Es herrscht eine gewisse Rivalität zwischen manchen Gruppen. Ganz besonders zwischen Estrela Brilhante und Porto Rico. Rein zufällig waren es gerade diese beiden Gruppen, die neue Elemente in den Maracatu hineingebracht haben. Estrelha Brilhante zum Beispiel hat den Maracatu stark beschleunigt.“

(c) Johannes Schmidt

Mestre Shacon wiederum hat in den Maracatu von Porto Rico neue Instrumente eingeführt: zum Beispiel die Agbes, das sind Shaker aus Kalebassen. Diese Innovation war bei manchen Maracatu-Nationen sehr umstritten, denn die Agbes werden oft bei Totenritualen eingesetzt und rufen die Totengötter an. Weiters verwendet Porto Rico auf der Straße sogenannte Atabaques. Das sind Trommeln, die man bei religiösen Zeremonien im Terreiro verwendet. Sie werden mit der Hand geschlagen und sind das einzige Instrument, das ausschließlich Männer spielen dürfen. Daher bringe er Frauen dieses Instrument erst gar nicht bei, betont Mestre Shacon: „Wenn ihr ein Terreiro des Candomblé besucht, dann werdet ihr sehen: Frauen haben dort viele Funktionen. Sie machen alles. Die einzige Restriktion: sie dürfen keine Atabaques spielen. Die Religion verbietet das. Und für mich gibt es keinen Unterschied zwischen Maracatu und Candomblé. Daher spielen bei Porto Rico Frauen auch im Umzug keine Atabaques.“

(c) Johannes Schmidt

Die Rosa Trommeln sind auf der Straße
Und doch bleibt es Mestre Shacon nicht erspart, auf der Straße Atabaque-spielende Frauen zu sehen. Zum Beispiel seine eigene Ehefrau: Mestra Joana Cavalcante leitet die Maracatu-Nation „Encanto do Pina“. Sie ist die erste und bisher einzige weibliche Leiterin einer Maracatu-Nation: „Was wir auf der Straße machen, ist Folklore. Natürlich dürfen da Frauen alles spielen. Allerdings würde ich niemals in einem Terreiro eine Atabaque anfassen. Ich würde auch nicht die heiligen Trommeln aus dem Terreiro nehmen und damit auf der Straße spielen. Wir verwenden Folklore-Instrumente und das ist unser Recht als Musikerinnen und Trommlerinnen. Natürlich weiß ich, wie man die Atabaques spielt. So wie alle anderen Instrumente auch.“

Mestra Joana ist bereits im Mutterleib mit Maracatu in Berührung gekommen, erzählt sie. Schon ihre Großmutter war Dama de Paço in der Nation Porto Rico. Sie selbst ist geweihte Yalorixa, Candomblé-Priesterin, so wie ihre Mutter und ihre Großmutter. Jedoch war es für sie nicht immer einfach, aus diesem Umfeld zu kommen. Die afrobrasilianischen Religionen wurden in Brasilien früher stark diskriminiert, erzählt Mestra Joana: „In der Schule musste ich meinen religiösen Hintergrund verstecken. Meiner Großmutter passierte es einmal, dass die Polizei kam, ihren Terreiro zusperrte und sie mitnahm. Das geschah vor vielen Jahren. Heute passiert so etwas zum Glück nicht mehr. Wir haben schon viel erreicht, wenn auch noch nicht genug.“

Mestra Joana ist selbst in der Favela do Pina geboren und aufgewachsen. Früher einmal, während der Kolonialzeit, war dies der Ort, an den kranke verletzte Sklaven gebracht wurden. Heute es ein Armenviertel mit 80.000 Einwohnern. „Das Viertel do Pina hat die gleichen Probleme, wie alle anderen Favelas auch in Brasilien“, erzählt Joana, „die Menschen arbeiten sehr hart, es gibt Gewalt und Drogen. Wir führen einen ständigen Kampf, um unsere Jugendlichen von all dem fern zu halten. Deshalb greifen wir Maracatu-Nationen hier mit Sozialarbeit ein.“ Die Maracatu-Gruppen Porto Rico und Encanto do Pina bieten Perkussion-Unterricht für Kinder und Jugendliche der Favela an, Instrumentenbau und Capoeira. Sie veranstalten Diskussionsrunden und Vorträge. Mestre Joana arbeitet speziell mit Frauen und Mädchen der Favela. Sie hat die Frauen-Trommelgruppe „Baque Mulher“ ins Leben gerufen. Auch diese präsentiert sich am Fest der Noite de Dendê:

Die Rosa Trommeln sind auf der Straße
Wir bitten um Frieden und Liebe
Eine Frau schlägt man nicht. Nicht einmal mit einer Blume.
Frauen, erhebt eure Trommeln und kämpft gegen Gewalt, Vorurteile und Unterdrückung

Gewalt gegen Frauen sei in Brasilien nach wie vor ein großes Problem, meint die 24-jährige Kethellem de Oliveira, Trommlerin bei Baque Mulher. Daher sei dies auch das Schwerpunktthema der Gruppe: „Es gibt viele Probleme hier. Daher müssen wir Frauen unsere Kräfte zusammentun. Mit Hilfe unserer Musik fordern wir unsere Rechte ein. Wir predigen gegen Gewalt und verbreiten die Idee, dass Frauen gleichberechtigt sein sollen. Wir finden es wichtig, dass sich die Frauen der Favela lautstark zu Wort melden. Darum sind wir heute hier.“

DL

kethellem


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