Brasilien und der Klimaschutz

11 12 2014
SENDUNG: Ö1 Mittagsjournal, Donnerstag, 11. Dezember 2014
Ö1 zum Nachhören

In der peruanischen Hauptstadt Lima findet seit 1. Dezember die Weltklimakonferenz statt. Regierungsvertreter aus 195 Ländern versuchen, die Weichen zu stellen für ein neues internationales Klimaabkommen. Dieses soll dann 2015 in Paris beschlossen werden. Industrie- und Schwellenländer sollen Emissionen einsparen, für Entwicklungsländer soll Finanzierung für Klimaanpassungsmaßnahmen bereitgestellt werden. Eine wichtige Rolle beim Klimaschutz kommt auch dem Gastgeberkontinent Lateinamerika zu. Insbesondere jenen Staaten, die Anteil am Amazonasregenwald haben, wie etwa Brasilien. Doch, wie hält es Lateinamerika mit dem Klimaschutz?

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Historische Verantwortung

„Wir haben den Klimawandel nicht verursacht, aber müssen ihn ausbaden. Ein Klima-Abkommen darf allerdings nicht unser Recht auf Entwicklung gefährden.“ So etwa lautet die Position der meisten lateinamerikanischen Regierungen. „Schon seit Beginn der Industriellen Revolution werden Treibhausgase emittiert. Die Industrieländer tragen historisch eine größere Verantwortung. Daher wurde international anerkannt, dass sie auch mehr zur Lösung des Problems beitragen sollten“, erklärt der brasilianische Energie-Experte Emilio Lebre. Er ist Professor an der staatlichen Universität in Rio de Janeiro und seit 1992 im Weltklimarat (IPCC). Natürlich müssten auch Schwellenländer etwas unternehmen, betont Lebre, aber eben entsprechend weniger.

Viele Länder Lateinamerikas haben in den vergangenen 10-20 Jahren Wachstum und Entwicklung erlebt. In Brasilien beispielsweise sind 40 Millionen Menschen von der Armut in eine Art untere Mittelschicht aufgestiegen. Doch das bedeutet auch: mehr Autos, mehr Klimaanlagen, mehr Elektrogeräte. Sprich: mehr Emissionen. Armutsbekämpfung sei wichtig, dürfe aber keine Ausrede für lateinamerikanische Regierungen sein, um den Klimaschutz zu vernachlässigen, meint Carlos Rittl. Er leitet die NGO-Plattform „Observatório do Clima“ („Klimabeobachtungsstelle“) in Sao Paulo. „Natürlich können die ärmsten Länder der Welt von sich aus keine großen Maßnahmen setzen“, so Rittl, „sie brauchen internationale Unterstützung. Allerdings: das betrifft in Lateinamerika nur noch ganz wenige Länder. Brasilien zum Beispiel kann sich nicht aus der Verantwortung stehlen. Wir haben in den letzten 30 Jahren sehr viele Treibhausgase verursacht.“

Steigende Regenwaldzerstörung
Ein Bericht der NGO-Plattform „Observatório do Clima“ besagt: In den vergangenen zwei Jahren sind die brasilianischen Emissionen um fast acht Prozent gestiegen. Schuld daran sei aber in diesem Fall nicht steigender Wohlstand, betont Carlos Rittl. Sondern die neuerliche Zunahme der Regenwaldzerstörung. Diese war zwischen 2004 und 2012 stark zurückgegangen. Doch vor zwei Jahren wurde – zur Freude von Agrarkonzernen, Viehzüchtern und Holzindustrie – ein neues, aufgeweichtes, Waldschutzgesetz (Código Florestal) durchgesetzt. Seither wird wieder mehr abgeholzt.

Zwar verkündete die brasilianische Regierung kurz vor Beginn der Klimakonferenz stolz, dass die Abholzung seit dem Vorjahr um 18 Prozent gesunken sei, doch das seien Zahlenspielereien, kritisiert Rittl. Es sei zwar richtig, dass zwischen 2013 und 2014 insgesamt weniger abgeholzt wurde als im Jahr davor, doch in besagtem Jahr davor, also von 2012 auf 2013, sei die Abholzung um saftige 29 Prozent gestiegen. Und der jetzige Wert liege immer noch über dem von 2012. Außerdem gebe es Anzeichen dafür, dass gerade in den vergangenen Monaten wieder eine starke Zunahme an Regenwaldzerstörung stattfinde, so Rittl.

Ein weiterer Grund, weshalb Brasiliens Emissionen angestiegen sind, sei der ausbleibende Regen gewesen, erklärt Carlos Rittl vom Observatório do Clima: „Brasilien hat in letzter Zeit große Dürreperioden erlebt, daher konnten die Wasserkraftwerke weniger Energie liefern. Und weil es Brasilien an sauberen Alternativen mangelt, hat man eben mehr Energie mit Hilfe von Erdgas und Kohle erzeugt.“

Dürren, Überschwemmungen und Gelbfieber
Energie-Experte Emilio Lebre von der Universität Rio geht mit der Klimapolitik der brasilianischen Regierung grundsätzlich weniger hart ins Gericht als sein Kollege von der Zivilgesellschaft. Allerdings ist auch er der Meinung, Brasilien sollte mehr in erneuerbare Energien investieren. Das Potential für Wasser, Wind und Sonne sei noch groß. Außerdem spüre Brasilien, ebenso wie andere lateinamerikanische Länder, bereits heute die Auswirkungen des Klimawandels, erklärt Lebre: „Der Südosten leidet unter Trockenheit, die Wasserspeicher werden langsam leer. Auch die Kleinbauern im Nordosten leiden unter Dürren. Im Amazonas gab es dafür massive Überschwemmungen mit Todesopfern. Der Meeresspiegel steigt, das gefährdet die Küstenregionen. Durch den Temperaturanstieg breiten sich Krankheiten wie Dengue und Gelbfieber aus.“

Beide Experten blicken dem Abschluss der Klimakonferenz in Peru mit vorsichtigem Optimismus entgegen. Noch sei es nicht zu spät. Aber alle Länder sollten verstehen, dass sie etwas beitragen müssen. Nur so könne bis nächstes Jahr ein gutes Klimaabkommen zustande kommen.


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