Enthüllung oder „Wahl-Terrorismus“?

26 10 2014

SENDUNG: Ö1 Morgenjournal, Sonntag, 26. Oktober 2014

In Brasilien findet heute die Stichwahl um das Präsidentenamt statt. 143 Millionen Wahlberechtigte sind aufgerufen, an den elektronischen Wahlurnen zu entscheiden, ob sie eine weitere Amtsperiode der Arbeiterpartei unter Dilma Rousseff wünschen oder einen Rutsch nach Rechts mit Aécio Neves. Der Wahlkampf war heftig, eines der dominanten Themen war Korruption. Und ausgerechnet zwei Tage vor der Stichwahl hat eine brasilianische Zeitschrift diesbezüglich neue Anschuldigungen gegen Kandidatin Dilma Rousseff vorgebracht.

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Das hat der korruptionskrisengeschüttelten Arbeiterpartei gerade noch gefehlt: „Lula und Dilma haben alles gewusst“ – titelt die regierungskritische Zeitschrift Veja. Rein zufällig wenige Tage vor der Stichwahl. Ein Kronzeuge im Petrobras-Skandal soll angeblich ausgesagt haben, die Staatsspitze habe gewusst, dass einige Politiker bei Geschäften des staatlichen Erdölkonzerns mitkassierten. Präsidentin Dilma Rousseff spricht von „Wahl-Terrorismus“ und will Veja verklagen: „Diese Zeitschrift hat immer schon systematisch Kampagne gegen mich gemacht. Es ist nicht das erste Mal, dass sie in der Endphase des Wahlkampfes mit Diffamierungen daherkommen ohne Beweise vorzulegen. Doch die brasilianischen Wähler und Wählerinnen sind keine Idioten, sie lassen sich nicht so einfach manipulieren.“ Die Zeitschrift Veja hat sich von Anfang an offen für Aécio Neves ausgesprochen.

Der Artikel erhitzt die Gemüter in Brasilien noch weiter. Er ist Hauptthema an Stammtischen und ganz besonders in sozialen Netzwerken. Die Anhänger von Aécio Neves fühlen sich bestätigt: Sie hätten ja immer schon gewusst, dass die Arbeiterpartei ein korrupter Haufen sei bis ganz hinauf zur Spitze. Die Anhänger von Dilma Rousseff wiederum bezeichnen die Zeitschrift Veja als manipulatives Schmierenblatt. Sie halten die Geschichte für frei erfunden, um den Wahlausgang zu manipulieren. In Sao Paulo haben Demonstranten vor dem Eingang der Veja-Redaktion Müll und Toilettenpapier abgeladen und die Hausmauer besprüht.

Auch die brasilianische Wahlbehörde sieht im Artikel unrechtmäßige Wahlwerbung und verpflichtet Veja, die Gegendarstellung von Dilma Rousseff zu publizieren. In den Umfragen scheint es jedenfalls so, als hätte der Skandal Dilma Rousseff etwa ein Prozent der Stimmen gekostet. Lag sie vor kurzem noch knapp in Führung, so herrscht jetzt unmittelbar vor der Wahl wieder „technischer Gleichstand“. Ob der Artikel tatsächlich Einfluss auf das Wahlergebnis haben wird, zeigt sich frühestens heute Abend.

 

 


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