Das gespaltene Land: Brasilien vor der Stichwahl

17 10 2014
SENDUNG: Ö1 Morgenjournal, Freitag, 17. Oktober 2014
Ö1 zum Nachhören

Kommende Woche, am 26. Oktober findet in Brasilien die Stichwahl um das Präsidentenamt statt. Es bleibt spannend bis zum Schluss. Amtsinhaberin Dilma Rousseff von der gemäßigt linken Arbeiterpartei und ihr Herausforderer, der Mitte-Rechts-Kandidat Aécio Neves liegen in den Umfragen beinahe gleichauf. Derzeit hat Neves einen hauchdünnen Vorsprung. Der Wahlkampf wird unterdessen immer erbitterter geführt. In TV-Duellen warfen sich die beiden KandidatInnen diese Woche gegenseitig Unfähigkeit, Korruption und Lügen vor. Und auch in der Bevölkerung gehen die Emotionen hoch, was sich vor allem in sozialen Medien bemerkbar macht.

wahlkampf_liebe

Nord gegen Süd

Die im Nordosten sind Faulpelze, sie haben nur Angst, ihre Sozialhilfe zu verlieren“.
„Ich schäme mich für dieses kulturlose Volk da oben.“
„Nur Esel und Nordestinos wählen Dilma“.

Der Ton in sozialen Netzwerken wird knapp vor der Stichwahl immer aggressiver. Mittlerweile findet eine regelrechte Hetze gegen den ärmlichen Nordosten des Landes statt. Denn dort siegte im ersten Wahldurchgang am 5. Oktober fast überall Amtsinhaberin Dilma Rousseff von der Arbeiterpartei. Ein Zeitungskolumnist forderte kürzlich sogar die Abtrennung des Nordostens. Brasilien scheint ein gespaltenes Land zu sein: Der Konservative Aécio Neves hat den wohlhabenderen Süden hinter sich, die Mittelschicht, den Wirtschaftssektor und die großen Medienkonzerne. Dilma Rousseff, wie gesagt, den Norden, die unteren Einkommensschichten sowie die sozialen Bewegungen des Landes.

„Vieles hat sich verbessert in den letzten 12 Jahren, seit die Arbeiterpartei regiert“, erklärt Almir de Oliveira, Aktivist der Landlosenbewegung im nordöstlichen Bundesstaat Bahía, „vor allem für uns Landarbeiter im Nordosten. Heute haben wir einen besseren Zugang zu Finanzierung und auch zu Bildung.“ Doch eigentlich ist Almir de Oliveira nicht besonders zufrieden mit der Regierung von Dilma Rousseff. Es habe Rückschritte gegeben im Vergleich zur Regierung Lula: bei der Vergabe billiger Kredite, wie auch beim Thema Landreform: „Nein, es ist in den letzten 4 Jahren nicht alles so gelaufen, wie wir es wollten. Aber ich habe das mit den Kollegen diskutiert: Wir sind trotzdem für Dilma, weil wir von ihr noch immer mehr erwarten können als vom anderen Kandidaten.“

Die Wahl des gerinsten Übels
Überhaupt hat man das Gefühl, viele Brasilianer und Brasilianerinnen wählen gar nicht aus Überzeugung FÜR ihren Kandidaten oder ihre Kandidatin, sondern vielmehr GEGEN den jeweils anderen, der als das größere Feindbild gesehen wird: Er werde Aécio Neves wählen, weil dieser das geringere Übel sei, meint ein Bewohner von Rio de Janeiro. Hauptsache nicht noch einmal Dilma, meint eine Frau. Leider sei die Alternative auch nicht überzeugend. Und eine andere Passantin erklärt, sie werde überhaupt nicht wählen gehen. Sie sei enttäuscht von beiden Parteien.

Gespalten sind übrigens auch Prominente und Künstler in Brasilien: Musikstars wie Caetano Veloso, Chico Buarque und Elsa Soarez, die selbst während der Militärdiktatur ins Exil mussten, machen Wahlwerbung für die ehemalige Widerstandskämpferin Dilma Rousseff. Fußallstar Ronaldo und einige Stars der volkstümlichen Musik Sertanejo unterstützen Aécio Neves. Der Schauspieler Gregorio Duvivier wurde vor kurzem in einem Restaurant in Rio de Janeiro lautstark beschimpft, weil er sich offen für Dilma ausspricht. Die oberste Wahlbehörde hat eine Reihe von Youtube-Videos löschen lassen, die zu aggressiv gegen die amtierende Präsidentin agitieren. Allerdings verbot sie auch einen Werbespot der Arbeiterpartei (PT), der den Konkurrenten Aécio Neves zu scharf attackiert.

In den sozialen Medien in Brasilien verbreitet sich jedoch zunehmend auch ein anderer Slogan: „Liebe deine Mitmenschen so, als ob es keine Wahlen geben würde.“

 


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