Fußball und Politik

21 08 2014
SENDUNG: Ö1 Mittagsjournal, 21. August 2014
Ö1 zum Nachhören

Wenige Wochen nachdem die Fußball WM zu Ende gegangen ist, beginnt in Brasilien der Wahlkampf. Anfang Oktober finden Präsidentschaftswahlen statt. Die WM selbst hat ja die brasilianische Bevölkerung stark polarisiert, immer wieder gab es im Vorfeld Demonstrationen gegen das Mega-Event. Die Menschen forderten stattdessen mehr Investitionen in Bildung und Gesundheit. Wird Präsidentin Dilma Rousseff im Herbst die Rechnung dafür präsentiert bekommen? Überschattet wird der Wahlkampfauftakt übrigens auch durch einen tragischen Flugzeugabsturz, bei dem der sozialdemokratische Kandidat Eduardo Campos ums Leben kam.

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Stimmenverlust wegen WM-Debakel?

Nach der WM ist vor den Wahlen. Das wurde schon während des Events klar. Vor WM-Beginn stand die Mehrheit der Bevölkerung dem Fußball-Event ablehnend gegenüber. Gleichzeitig sanken die Umfragewerte von Präsidentin Dilma Rousseff. Diese vermied das Thema WM in ihren öffentlichen Auftritten und verzichtete auf eine Eröffnungsrede. Doch dann wurden die Brasilianer vom Fußballfieber gepackt, es lief zunächst gut für die brasilianische Mannschaft und auch organisatorisch funktionierte alles mehr oder weniger reibungslos. In der Bevölkerung stieg die Zustimmung zur WM – und auch zur Präsidentin, erinnert sich Argemiro de Alemeida, Aktivist im Volkskomitee gegen die WM: „Fußball ist so eine große Leidenschaft in Brasilien, dass sie auch politisch eine Rolle spielen kann. Natürlich hätte die Regierung einen WM-Sieg für sich ausgenutzt. Umgekehrt bietet die Niederlage gegen Deutschland der Opposition die Möglichkeit, gegen die Regierung zu wettern.“

Tatsächlich kostete die vernichtende 7:1 Niederlage gegen Deutschland Präsidentin Dilma Rousseff zwei Prozentpunkte in den Umfragen. Doch das seien aber nur kurzfristige Phänomene, meint der politische Philosoph und Zeitungskolumnist Vladimir Safatle: „Ich glaube, dass alle Theorien irren, die Fußball und Politik in Zusammenhang bringen. Natürlich, wenn man die Leute 1-2 Tage nach so einer nationalen Fußballkatastrophe befragt, dann ist auch die Popularität der Regierung im Keller. Aber ein paar Wochen später ist wieder alles normal.“

Unter der Oberfläche gärt die Wut
Was der aktuellen Regierung unter Dilma Rousseff aber sehr wohl geschadet habe, seien die Proteste rund um die Fußball WM, meint Vladimir Safatle. Sie haben eine lange gärende Unzufriedenheit ans Tageslicht gebracht: „Viele Menschen waren wütend, weil die Regierung der Fußball WM eine höhere Priorität eingeräumt hat, als anderen Dingen. In den vergangenen 10 Jahren hat Brasilien ein starkes Wirtschaftswachstum erlebt. Die Menschen hofften, dass dies auch eine höhere Lebensqualität zur Folge haben würde: Verbesserungen bei Gesundheitswesen, Bildung und öffentlichem Transport. Aber das ist nicht geschehen.“

Während der WM selbst blieb es in Brasilien überraschend ruhig. Die befürchteten Massendemonstrationen blieben aus. Doch das heißt noch lange nicht, dass die Unzufriedenheit verschwunden wäre, meint Politik-Philosoph Vladimir Safatle: „Es kann sein, dass die Wut sich bereits in einem Monat wieder groß manifestiert. Vielleicht aber auch erst in 2-3 Jahren.“

Der Frust der Menschen richtet sich aber nicht nur gegen die aktuelle Präsidentin, erklärt Safatle, sondern gegen die gesamte politische Klasse. Daher sah es bis jetzt so aus, als würde Dilma Rousseff, trotz allem, wiedergewählt werden. Vergangene Woche jedoch starb ihr sozialdemokratischer Herausforderer Eduardo Campos bei einem tragischen Flugzeugabsturz. Statt ihm wird jetzt die ehemalige Umweltministerin Marina Silva Spitzenkandidatin. Der langjährigen Basis-Aktivistin wird am ehesten zugetraut, vom Frust der Massen zu profitieren. Und das könnte Amtsinhaberin Dilma Rousseff weitaus gefährlicher werden, als die Fußball-Niederlage gegen Deutschland.


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