Die Müllsammler von Rio de Janeiro

23 06 2014
SENDUNG: Ö1 Mittagsjournal, Montag, 23. Juni 2014
 Ö1 zum Nachhören

Wo viele Menschen zusammen feiern, entsteht auch viel Müll: zum Beispiel in Fußballstadien und in den vielen Straßen und Plätzen von Rio de Janeiro, wo Public Viewings der Fußballspiele stattfinden. Dass bestimmte Materialien aus dem Müll aussortiert und recycelt werden, darum kümmern sich in Brasilien Müllsammler aus dem informellen Sektor. Sprich: Bewohner und Bewohnerinnen der Armenviertel oder obdachlose Menschen, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, dass sie auf der Straße nach Aluminium und Papier suchen.

(c) Johannes Schmidt

Abfall-Hochsaison WM

Fußballparty in einer Seitengasse des Ausgehviertels Lapa in Rio de Janeiro. Auf dem Boden sammeln sich Essensreste, Servietten und Getränkedosen. Hier, wo andere feiern, ist der Arbeitsplatz von Francisco. Er sammelt in einem riesigen Müllsack Aluminiumdosen ein. Später in der Nacht wird er das Aluminium zu einer Sammelstelle ins Zentrum bringen. Dort werden sie gewogen und er bekommt 2 Reais, umgerechnet 70 EuroCent, pro Kilo.

Pro Nacht kommen die „Catadores“, wie die informellen Müllsammler in Brasilien genannt werden, auf umgerechnet 13 bis 17 Euro. Bei Großevents, wie Karneval oder Fußball WM, falle besonders viel Arbeit an, erzählt Francisco. Er stammt aus dem ärmlichen nordostbrasilianischen Bundesstaat Paraíba. Vor zwei Jahren kam er nach Rio de Janeiro auf der Suche nach Arbeit. Seither habe er seine 3 Kinder nicht mehr gesehen. Die blieben bei der Mutter in Paraíba.

WM-Stadien engagieren informelle Müllsammler
Francisco arbeitet alleine, auf eigene Faust. Einige der Müllsammler in Rio de Janeiro haben sich jedoch in Kooperativen organisiert, die teilweise eigene Sammelstellen haben. Die 34-jährige Claudete Costa ist Sprecherin der organisierten Catadores in Rio. Seit ihrem elften Lebensjahr sammelt sie spätabends Altpapier von den Straßen ein. Jetzt während der Fußball WM arbeitet sie im Fußball-Stadion Maracanã.

Es ist ein Pilotprojekt in Brasilien: In den 12 WM-Stadien wurden insgesamt 840 informelle Müllsammler beschäftigt, die normalerweise auf der Straße arbeiten. Allein 70 sind es im Maracanã in Rio. Sie wurden extra dafür eingeschult und sortieren wiedervertbare Materialien: Papier, Aluminium, Plastik. Mülltrennung ist Teil des Nachhaltigkeitskonzept des Maracanã-Stadions. Es hat eine internationale LEED-Zertifizierung als umwelt- und energiefreundliches Gebäude erhalten.

Nicht wie Müll behandeln
80 Reais, rund 26 Euro, bekomme sie pro Tag im Fußballstadion, erzählt Claudete Costa. Die gesammelten Materialien können die Müllkooperativen behalten und wie gewohnt verkaufen. Es sei das erste Mal in ihrem Leben, dass sie einen fixen Lohn für ihre Arbeit erhalte. Offiziell im Stadion beschäftigt zu werden, betrachtet sie als Wertschätzung ihrer Arbeit. Oft genug würden die Müllsammler und -sammlerinnen selbst als Müll betrachtet werden, kritisiert Claudete: „Die Leute tun oft so, als wären wir nichts weiter als ein Stück Altpapier, das zu nichts mehr gut ist“.

Tag für Tag wird in brasilianischen Städten ein großer Teil der wiedervertbaren Materialien von Männern und Frauen im informellen Sektor eingesammelt. Schätzungen zufolge werden während des WM-Monats allein im Maracanã -Stadion 7 Tonnen davon anfallen.

 


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