Kochkurs mit Politik

6 06 2014

Wir alle kennen aus Filmen die gängigen Klischees der brasilianischen Favelas: Bandenkriege, Gewalt, Misere. All das gibt es auch wirklich, aber es ist nur die halbe Wahrheit. In der Favela Maré in Rio de Janeiro beispielsweise bemühen sich rund 50 NGOs, das Leben der Menschen zu verbessern. Eine davon unterstützt eine Frauenkooperative , die Bio-Buffets für Events macht. Sie organisiert Kochkurse, die auch ungewöhnliche Fächer beinhalten, wie „Politische Bildung“.

moqueca

Banditen und Soldaten

In einem Kulturzentrum der Favela Maré hat sich die Frauenkooperative „Maré de Sabores“ („Maré der Geschmäcker“) eine kleine Küche eingerichtet. Draußen im Garten wachsen frische Kräuter. Drinnen bereiten die Frauen gefüllte Blätterteigtaschen zu, kochen Fleischeintöpfe und backen Brot. Eine davon ist die 35-jährige Vanessa. „Wir machen Buffets für Veranstaltungen und Feste. Wir bereiten hier alles vor und servieren dort“, erklärt sie.

Bis vor wenigen Monaten wurde die Favela Maré noch von rivalisierenden Drogenkommandos beherrscht. Das Küche des Projekts befand sich genau an der Grenze zwischen zwei verfeindeten Territorien. Da gab es oft Schießereien erzählt Vanessa. Anfang April geriet die Favela Maré international in die Schlagzeilen: die brasilianische Armee marschierte hier ein, um die Drogengangs zu vertreiben. Jetzt sei es ruhiger, erzählt Vanessa. Aber sie habe auch Angst vor der Armee: Bei einer Schießerei zwischen den Fraktionen wissen wir, wie wir uns verhalten müssen. Denn sie kennen uns ja. Bei Schießereien mit der Armee ist es schwieriger für uns: Die Soldaten wissen nicht, wer Bandit ist und wer Bewohner. Für sie sind wir alle gleich.“

Glutenfreiheit und Bürgerrechte
Die Produkte der Kooperative „Maré der Geschmäcker“ sind großteils bio, auf Wunsch sogar glutenfrei, erklärt Shirley Villela von der NGO Redes da Maré. Diese hat das Frauenprojekt ins Leben gerufen. Um die glutenfreie Backmischung zu bekommen, müsse sie oft durch ganz Rio fahren, erzählt Shirley Villela. „Bio“ hat in Brasilien durchaus Seltenheitswert: „Wir sind Mitglieder im Ökologischen Netzwerk von Rio de Janeiro. Das kauft gemeinsam direkt bei den Produzenten ein. Es gibt mehrere Biobauern im Umkreis von Rio.“

Die NGO „Redes da Maré“ organisiert für die Frauen eine kostenlose Gastronomie-Ausbildung, wo sie lernen, in einer professionellen Großküche zu arbeiten. Auf dem Lehrplan steht neben Kochen, Braten und Backen, auch politische Bildung und Gender, erzählt Shirley: „Wir hinterfragen da Traditionen: Warum muss immer die Frau die ganze Hausarbeit machen? Könnte nicht auch einmal der Mann abwaschen? Warum werden Buben und Mädchen unterschiedliche erzogen?“

Ein großes Thema ist Gewalt gegen Frauen. Viele Frauen hätten Gewalt erlebt und würden das als normal betrachten, erzählt Shirley Villela. Diskutiert wird auch der Umgang mit Behörden. Wie kann ich als Bürgerin meine Rechte einfordern? Was sind überhaupt meine Rechte? Sie habe viel gelernt im politischen Kochkurs, sagt Teilnehmerin Vanessa: „Ich glaube, wenn alle Menschen in den Favelas so eine Unterstützung hätten wie wir, dann gäbe es hier weniger Gewalt.“

 

 

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