Mídia Ninjas: Brasiliens Guerilla-Reporter

4 06 2014
SENDUNG: Digital.leben, Mittwoch, 4. Juni 2014, 16:55, Ö1
7 Tage Ö1 zum Nachhören

Als vergangenen Juni in Brasilien die Massen auf die Straßen gingen, um gegen die absurden Ausgaben der Fußball WM zu demonstrierten, tauchte in den Reihen der Demonstranten plötzlich eine Gruppe von Medienaktivisten auf. Sie nennen sich „Midia Ninja“ und ihr Ziel ist es, jene Dinge öffentlich zu machen, die die großen brasilianischen Medienkonzerne nicht zeigen: Polizeigewalt gegen Demonstranten, Proteste in Favelas, gewaltsames Räumen von Landbesetzungen. Die Midia Ninjas filmen mit ihren Handys und verbreiten die Inhalte via Social Media.

ninja

Ein Reporter berichtet über seine eigene Festnahme

„Polizei, lass den Ninja frei“, skandieren Demonstranten vor dem Polizeiwagen. Ein Medienaktivist der Gruppe Mídia Ninjas ist festgenommen worden. Während einer Demonstration in Rio de Janeiro hat er Szenen von Polizeigewalt gefilmt. Er lässt seine Handykamera weiterlaufen. Die Festnahme wird live im Internet-Kanal der Midia Ninjas übertragen: „7.500 Personen schauten live im Internet zu, als er ins Polizeiauto verfrachtet wurde. Schließlich zogen 3.000-4.000 Menschen zur Polizeistation und forderten lautstark seine Freilassung“, erzählt Felipe Altenfelder.

Er ist einer der Mitbegründer der Mídia Ninjas. Die Gruppe entstand aus einem Netzwerk von Kultur-Initiativen heraus, die über das ganze Land verstreut waren. Diesem Netzwerk namens „Fora do Eixo“ ging es ursprünglich darum, alternative Musikfestivals mit Hilfe von Social Media bekannt zu machen. Schließlich begannen sie, ihre Kommunikationskanäle auch für politischen Aktivismus zu nutzen. Als im Juni 2013 in Brasilien die Massen gegen die Kosten der Fußball WM auf die Straßen gehen, sind die Midia Ninjas mitten drin. Sie ärgern sich über die einseitige Berichterstattung der großen brasilianischen Medienkonzerne, die fast ausschließlich Bilder vom gewaltbereiten schwarzen Block zeigen.

„Die Menschen kamen nach den Kundgebungen nach Hause und mussten sehen, dass sie im Fernsehen Vandalen genannt wurden und Rebellen ohne Grund. Doch wir haben in den sozialen Netzwerken über ihre Forderungen debattiert, das wahre Profil der Demonstranten gezeigt und die Polizeigewalt angeprangert. Das hat uns Glaubwürdigkeit und Sichtbarkeit verliehen“, erklärt Altenfelder.

Ninjas sind immer und überall
Bis zu 180.000 Zugriffe haben die Übertragungen der Mídia Ninjas während der großen Demos im letzten Jahr, erzählt Felipe Altenfelder. Sie sind viele und sie sind überall. Sie fangen Szenen ein, die den Fotografen der Zeitungen und den Kameramännern der TV-Stationen entgehen. Schließlich werden die großen Medien aus dem In- und Ausland auf die Gruppe aufmerksam und möchten deren Bilder verwenden: „Sie fragten uns, wie viel wir für die Bilder haben wollten. Wir sagten: gar nichts, die sind creative commons, Allgemeingut. Jeder darf sie verwenden. Sie publizierten unsere Bilder mit dem Fotocredit „Mídia Ninja“. Auf diese Weise gelang es uns, die konventionellen Medien zu unterwandern und noch mehr Aufmerksamkeit für unsere Inhalte zu schaffen.“

Das Logo der Gruppe ist ein schwarz vermummter Ninja-Kämpfer, doch eigentlich stehen die Anfangsbuchstaben von NINJA auf Brasilianisch für: Unabhängige Berichte, Journalismus und Aktion. Mittlerweile haben sich in Brasiliens Städten zahlreiche ähnliche Gruppen gegründet. Sie sind stets zur Stelle, wenn irgendwo eine Demo gegen die Fußball WM stattfindet, wenn eine Landbesetzung gewaltsam geräumt wird, wenn Bewohner einer Favela gegen überhöhte Stromrechnungen protestieren. „Heute sind wir Teil einer Bewegung, die wir unter uns die „neuen großen Medien“ nennen“, sagt Felipe Altenfelder“, „Wenn 50 Gruppen gemeinsam zu einem Thema arbeiten, erreichen wir eine riesige Aufmerksamkeit. Und das bricht langsam das Monopol der traditionellen Medien in Brasilien.“

 


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