Geliebter Fußball, verhasste WM

4 06 2014

TEXT: Frauensolidarität, Nr. 128, 2/14

Nein, sie habe keine Freude mit der Fußball-WM, meint Erineide. Sie sitzt vor dem Greißlerladen ihrer Freundin Teresa in Jacarezinho, einer der etwa 700 Favelas in Rio de Janeiro. „Diese Unsummen, die sie da ausgegeben haben, hätten sie besser ins Gesundheitswesen oder in die Bildung stecken sollen.“ Innerhalb der Favela Jacarezinho gibt es nur eine einzige Schule und die wird als Privatschule von den Don Bosco Brüdern betrieben. So wie Erineide sehen das mittlerweile viele Menschen hier im Land. BrasilianerInnen lieben Fußball. Aber mittlerweile hassen viele die Fußball WM. „Não vai ter copa“ (Es wird keine WM geben) ist auf unzählige Hausmauern gesprüht. Einer aktuellen Umfrage zufolge glauben heute bereits 55% der BrasilianerInnen, dass die Fußball WM dem Land mehr Schaden als Nutzen bringen wird.

(c) ullae

Anfänglicher Freudentaumel

Im Jahr 2007 sah die Welt noch anders aus. Damals wurde Brasilien als WM-Austragungsland auserkoren. Der damalige Präsident Lula brach vor Rührung in Tränen aus. Allgemeiner Freudentaumel herrschte in der Fußballnation. „Sie haben uns damals das Paradies auf Erden versprochen“, meint die Ökonomin Sandra Quintela von der NGO PACS – Alternative Politik für den Cono Sur, „sie sagten, die WM würde der öffentlichen Hand gar nichts kosten, weil das alles von privaten Investoren übernommen werde.“ Heute sind die WM-Austragungsorte schwer verschuldet. Sandra Quintela engagiert sich im Comité Popular von Rio de Janeiro. In allen 12 Austragungsstädten haben sich solche „Volks-Komitees“ gegründet. VertreterInnen der Zivilgesellschaft, WissenschafterInnen und unmittelbar Betroffene haben sich zusammengetan, um über die Nebenwirkungen der sportlichen Großereignisse aufzuklären. Rio de Janeiro ist nicht nur WM-Stadt, hier werden 2016 auch die Olympischen Sommerspiele ausgetragen. Die Comités kritisierten die Verschwendung von Steuergeldern, Zwangsenteignungen und die Militarisierung der Städte.

Doch jahrelang schien das niemanden zu interessieren. Zu den Kundgebungen der Comités kamen vielleicht hundert Leute. Bis zum Juni 2013. Da fand in Brasilien ein anderes Fußball-Ereignis statt: der Confederations Cup. Und ganz plötzlich gingen die Massen auf die Straßen. Autos brannten, die Polizei knüppelte die Proteste nieder. Anlass waren Fahrpreiserhöhungen im öffentlichen Verkehr. „Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte“, meint die Kommunikationswissenschafterin Ivana Bentes. In Rio de Janeiro beispielsweise geben viele Menschen ein Drittel ihres Gehalts für Transport aus. Plötzlich wollten es die BrasilianerInnen nicht mehr hinnehmen, dass die Regierung Steuergelder ausgibt, um Weltklasse-Stadien zu bauen, aber öffentlicher Transport, Krankenhäuser und Schulen „Dritte-Welt-Qualität“ haben. Seit letzten Juni habe eine unglaubliche Politisierung in der brasilianischen Gesellschaft stattgefunden, meint Ivana Bentes: „Früher haben die Leute am Biertisch über Fußball und Samba gesprochen. Da begann plötzlich auch der Taxifahrer und die Hausangestellte die Politik rund um die WM zu kritisieren.“

Zwangsumgesiedelt
Die Comités Populares haben ein umfangreiches Dossier über Menschenrechtsverletzungen rund um WM und Olympische Spiele herausgegeben. So wurden zum Beispiel allein in Rio de Janeiro 20.000 Menschen zwangsumgesiedelt für Bauprojekte, die im Zusammenhang mit den beiden sportlichen Mega-Events – Fußball WM 2014 und Olympische Spiele 2016 – stehen. Zum Beispiel für Schnellbustrassen.

Umgesiedelt werden sollen Menschen aber auch, weil sie Immobilienspekulanten im Weg sind. Die ehemalige Fischergemeinde Vila Autodromo beispielsweise liegt in der Nähe des Parque Olímpico. Dort sollen zahlreiche Nobelwohnungen gebaut werden. Und die Reichen wohnen nicht gerne neben einer Armensiedlung. Auch aus den hügeligen Favelas der touristisch interessanten Südzone von Rio hört man immer wieder Geschichten, dass Bewohner von den Abhängen mit Meerblick abgesiedelt werden. Sie bekommen Bescheide der Stadtverwaltung, wonach sie auf Risikogebiet leben, das bei starken Regenfällen abrutschen könnte. Kurz nachdem sie weg sind, wird auf dem Risikogebiet ein Hotel gebaut.

„Personalvermittler“ rüsten
Ein Thema, dem auch die Comités Populares nur am Rande Aufmerksamkeit schenken ist der Bereich des Frauenhandels und der sexuelle Ausbeutung von Minderjährigen. Das internationale NGO-Netzwerk „End Child Prostitution, Child Pornography and Trafficking of Children for Sexual Purposes“ (ECPAT) befürchtet einen Anstieg während der Fußball WM. „Das Problem verstärkt sich immer, wenn viele Menschen im Land zirkulieren. Das sehen wir zum Beispiel während des Karnevals“, erklärt Perla Ribeiro von ECPAT Brasil. 600.000 ausländische Gäste werden zur Fußball WM in Brasilien erwartet. Die sexuelle Ausbeutung geschehe aber nicht nur durch Ausländer, betont Perla Ribeiro, sondern auch durch brasilianische Touristen.

Die Regierung habe gemeinsam mit NGOs Kampagnen organisiert und auch mit den großen Hotelketten gearbeitet, um deren Mitarbeiter für das Thema zu sensibilisieren, erzählt Tiana Sento-Sé, Koordinatorin von ECPAT Brasil. Auch rund um die Fußball-Stadien werde besonders aufgepasst. Nur: die Stadt ist groß, es gebe viele andere Orte, wo etwas passieren könne. Tiana Sento-Sé ist auch für die niederländische Hilfsorganisation IBISS tätig. Diese arbeitet mit Jugendlichen in 68 verschiedenen Favelas in Rio de Janeiro, unter anderem mit Mädchen, die in der Sexarbeit tätig sind. „Natürlich wissen wir, die wir in Projekten mit Mädchen arbeiten, dass die sich bereits auf die Touristen vorbereiten“, erklärt Sento-Sé. Diese hoffen auf das große Geld und lernen bereits fleißig Englisch. In der WM-Austragungsstadt Belo Horizonte bietet die örtliche SexarbeiterInnengewerkschaft bereits seit einem Jahr kostenlose Englischkurse für Sexarbeiterinnen an.

„Viele hoffen darauf, dass vielleicht der Märchenprinz dabei ist, der sie heiratet und mit nach Europa nimmt“, erzählt Tiana Sento-Sé. Ein Traum, der wohl nur für wenige in Erfüllung gehen wird. Das betreffe auch nicht nur Mädchen, die bereits in der Sexarbeit tätig seien, betont die Sozialarbeiterin. Die Geschäft mit dem Sex rund um die Fußballweltmeisterschaft würde auch ganz neue Mädchen dazu motivieren, hier einzusteigen. Die Zeitung „O Globo“ berichtet davon, dass in mehreren WM-Städten bereits „Personalvermittler“ unterwegs seien, auf der Suche nach jungen Mädchen, die die steigende Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen während des Fußball-Events befriedigen können. Minderjährigen in Cuiabá sollen für diesen Zeitraum bis zu 15.000 Reais (etwa 4.800 Euro) geboten worden sein. Die Polizei ermittelt.

Kinderrechtsorganisationen wiederum sind empört über ein Gesetz, das es der Polizei gestattet, Straßenkinder – auch gegen deren Willen – in öffentliche Notschlafstellen zu bringen. Dort dürfen sie mehrere Monate festgehalten werden. NGOs sprechen von „sozialen Säuberungsaktionen“. Den Touristen soll der Anblick der schmutzigen bettelnden Kinder erspart bleiben. Bei der größten Fußballparty der Welt möchte sich Brasilien von seiner strahlendsten Seite zeigen.

 

 


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