Soziale Säuberung: WM-Austragungsstädte verstecken Straßenkinder

15 04 2014
SENDUNG: Ö1 Mittagsjournal, Dienstag, 15. April 2014 / 
Ö1 zum Nachhören

Nur noch zwei Monate bis zur Fußball WM in Brasilien. Zu der Vorfreude auf das sportliche Großereignis mischt sich aber immer wieder laute Kritik: von Korruption ist die Rede, von Zwangsumsiedlungen und auch von sozialen Säuberungen. Kinderrechtsorganisationen sind empört über ein Gesetz, dass es der brasilianischen Regierung gestattet, Straßenkinder mehrere Monate – auch gegen den Willen der Kinder –  in Notunterkünften festzuhalten. Brasilien will sich vor den ausländischen Gästen nicht als Land der Armut präsentieren.

Foto (c) S.-Hofschlaeger_pixelio

Damit Touristen der Anblick erspart bleibt

„Meine Mutter ist woanders hingezogen, ich weiß nicht, wo sie jetzt ist“, erzählt der 14-jährige Wanderson, „wir haben keine Eltern, wir leben auf der Straße.“ Sie schlafen auf den Gehsteigen oder am Strand, sie suchen in Mistkübeln nach Essbarem und betteln an Busbahnhöfen um Geld. Niemand weiß genau, wie viele Straßenkinder es in Brasiliens Städten gibt. Eine Studie aus dem Jahr 2008 hat allein in den 26 Hauptstädten der Bundesstaaten 25.000 gezählt. Erfasst werden konnten dabei nur jene, die in irgendeiner Weise von Hilfsorganisationen betreut werden. Die Dunkelziffer dürfte enorm hoch sein. Das Leben auf der Straße ist gefährlich, erzählen die Kinder. Immer wieder werden sie vertrieben und geschlagen. Von privaten Sicherheitsleuten, von der Polizei und anderen Menschen.

Seit 2012 darf die Polizei in Rio de Janeiro obdachlose Kinder von der Straße einsammeln und in Notschlafstellen der Stadt bringen. Drei Monate dürfen sie dort festgehalten werden – auch gegen ihren Willen. Diverse andere WM-Austragungsstädte haben dieses Gesetz bereits übernommen, kritisiert Manoel Torquato von der Kinderrechtsorganisation Pequeno Nazareno. Diese arbeitet mit Straßenkindern in der nordbrasilianischen Stadt Fortaleza. „Die Touristen sollen sich nicht belästigt fühlen durch diese Szenen der Armut, die in Brasilien an der Tagesordnung sind“, ist Manoel überzeugt.

„Kinder gehören nicht auf die Straße“
Die städtischen Notschlafstellen seien meist lieblose Aufbewahrungsstätten, wo Kinder lediglich ein Bett und Nahrung bekämen. Viele würden sich auf der Straße wohler fühlen. Immer wieder würde es dort zu Protesten kommen, wie man es bisher in Brasilien nur aus Gefängnissen kannte. Die Kinder würden nicht verstehen, warum man sie einsperrt, ohne dass sie etwas verbrochen haben, erklärt Manoel. Die Nebenwirkungen des harten Durchgreifens: immer öfter würden Straßenkinder Schutz bei den Drogengangs suchen, berichtet Manoel Torquato. Auch für Sozialarbeiter, wie ihn, werde die Arbeit mit den Kindern schwieriger. Denn sie würden mittlerweile kaum jemandem mehr vertrauen.

Die NGO Pequeno Nazareno bemüht sich darum, Kindern eine Chance zu bieten, damit sie nicht mehr auf der Straße leben müssen. Gemeinsam mit etwa 600 anderen Kinderrechtsorganisationen betreibt er die Kampagne „Criança não é de Rua“ (Kinder gehören nicht auf die Straße). Diese wird auch von der österreichischen NGO Jugend eine Welt unterstützt. Die Kampagne fordert von der brasilianischen Regierung: Mehr Geld für sinnvolle Straßenkinderprojekte. Wegsperren könne soziales Engagement nicht ersetzen, meint Manoel Torquato.


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15 04 2014

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