Mehr als nur Karneval: Sambaschulen in Rio

18 03 2014
SENDUNG: Journal Panorama, Dienstag, 4. März 2014
 18:25 Uhr, Ö1

Beim Karneval in Rio wetteifern jedes Jahr die besten Sambaschulen der Stadt um den Sieg. In aufwendigen Kostümen ziehen tausende Tänzer und Trommler während der Karnevalsfeiertage durch das Sambodrom-Stadion und stellen sich den strengen Blicken der Jury. Angefeuert werden sie dabei von zigtausenden Fans. Die Sambaschulen haben treue Anhänger – vergleichbar mit Fußballfans. Der Sieger wird jeweils am Aschermittwoch bekannt gegeben. Entstanden sind die ersten Sambaschulen in Rio Ende der 1920er Jahren in verschiedenen Favelas der Stadt – so werden traditionell die Armenviertel Brasiliens genannt. Bis heute sind die Sambaschulen tief verwurzelt in diesen Vierteln. Viele der Schulen finanzieren dort heute Sozialprojekte. Wir haben uns in Rio eine solche Sambaschule angeschaut und auch umliegende Favelas besucht, aus denen Musiker und Anhänger stammen.

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Rückhalt aus den Comunidades

Volksfeststimmung am Fuße der Favela am Hügel Andaraí. Hier im Stadtteil Tijuca – etwa zwei Kilometer vom Fußballstadium Maracanã entfernt – hat die bekannte Sambaschule Salgueiro ihren Sitz. Jeden Mittwoch hält sie auf den Straßen rund um ihre Veranstaltungshalle eine öffentliche Probe ab. Hunderte Fans sind gekommen, viele davon mit roten Fan-T-Shirts und weißen Hüten. Imbiss-Stände verkaufen Bratwürste und Spieße mit Hühnerherzen. Die Ambulantes – die mobilen Straßenhändler – haben eiskaltes Bier in ihren Kühltaschen.

Die Sambaschule probt für ihren großen Karnevalsauftritt im Sambodrom. Der offizielle Karnevalszug besteht aus einem LKW mit riesigen Lautsprechern, auf dem Sänger das diesjährige Karnevalslied singen – dem sogenannten Trio Eletrico, sowie aus etwa 250 Samba-Trommlern und etwa 3.000 Tänzern und Tänzerinnen, die alle leidenschaftlich den Text mitsingen. Es sind Menschen aus den umliegenden Wohnvierteln: knapp bekleidete Schönheiten, Pensionisten, ein Schwulenblock mit bunten Perücken. Eine der Teilnehmerinnen ist die 47-jährige Maria Cristina Macedo. „Es gibt viele Sambaschulen hier im Stadtteil Tijuca“, erklärt sie, „die Leute teilen sich dann irgendwie auf, wo sie hingehen: zu Tijuca, Vila Isabel oder eben zu Salgueiro. Und dann geht man regelmäßig hin.“

Rio de Janeiro ist eine hügelige Stadt. Oben auf den steilen Abhängen liegen die Favelas, die Armenviertel der Stadt. Maria Cristina Macedo wohnt ganz oben am Hügel der Favela Andaraí. Von ihrer Terrasse hat sie einen Ausblick über die gesamte Stadt. Die Bewohner selbst mögen die abfällige Bezeichnung „Favela“ nicht besonders. Sie selbst sprechen lieber von „Comunidades“, was so viel heißt wie: „Gemeinde“. Seit September nimmt Maria Cristina jeden Mittwoch an den Salgueiro-Proben für den Karneval teil. Schon als sie jung war, marschierte sie mit, nachdem sie ihren Sohn Tiago bekommen hatte, pausierte sie viele Jahre. Jetzt hat sie wieder Lust bekommen. „Wir aus der Comunidade bekommen die Karnevalskostüme gratis. Im Gegenzug erwarten sie von uns, dass wir jeden Mittwoch zur Probe kommen. Die Sambaschulen möchten die Unterstützung und den Rückhalt ihrer Comunidades. Das ist bei allen so.“

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Samba gegen die Depression

Ihr 29-jähriger Sohn Tiago ist Musiker in der Samba-Bateria von Salgueiro. Schon als kleines Kind marschierte er beim Umzug mit, als 9-jähriger trommelte er bereits in der Kindergruppe. Jedoch gab es eine Sache, die ihm damals noch wichtiger war als Samba: der Fußball. Die Fußball-Karriere hatte ihn sogar nach Österreich geführt. Ein Jahr lang lebte Tiago Macedo in Wien. Doch schließlich musste er wegen einer Verletzung den Fußball an den Nagel hängen. Das habe ihn damals sehr unglücklich gemacht, erzählt er: „Was meine Depression damals geheilt hat, war der Samba und Salgueiro. Das ist heute wie eine Familie für mich.“ Auch Tiago wurde allein von seiner Mutter aufgezogen. Mit dem Vater hat er kaum Kontakt. Am Unterarm des breitschultrigen, muskulösen Musikers prangt ein Riesen-Tattoo: „Xodo de Mae“, was so viel heißt, wie: „Mamas Liebling“.

Auch Menschen von auswärts dürfen an der offiziellen Karnevalsparade der Sambaschulen teilnehmen – allerdings müssen sie die teuren und aufwendigen Kostüme selbst bezahlen. In Rio de Janeiro gibt es etwa 70 Sambaschulen, sie alle stammen aus verschiedenen Comunidades. Die 12 besten davon wetteifern jedes Jahr im großen Samba-Stadion Sambodrom um den Titel der besten Schule. Bewertet werden Kostüme, Tanzchoreographien und natürlich die Musik. Herzstück jeder Sambaschule ist die sogenannte Bateria – die Percussiongruppe. Marco Antonio da Silva, besser bekannt als Mestre Marcao leitet seit 10 Jahren die Samba-Bateria von Salgueiro. „Je näher der Karneval rückt, desto unausstehlicher werde ich“, erzählt er, „schließlich ist es meine Verantwortung, dass die Bateria gut spielt. Wenn die Bateria im Karneval die Höchstnote bekommt, dann gilt der Applaus allen. Aber wenn wir Punkteabzug bekommen, dann ist es meine Schuld.“

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Die Schlitzohren der Sambaschulen
Mestre Marcao stammt selbst aus der Comunidade Salgueiro, aus jener Favela, in der die Sambaschule vor 61 Jahren gegründet wurde. In den 1970ern wurde die Veranstaltungshalle von dem damals sehr gefährlichen Hügel in eine halbwegs sichere Gegend etwas außerhalb der Favela Andaraí verlegt. Das lockt zahlreiche Besucher an. Mestre Marcao begann bereits in jungen Jahren bei der Kindergruppe von Salgueiro zu trommeln. „Früher waren in der Bateria ausschließlich Leute aus der Comunidade. Und damals waren bei den Musikern viele Schlitzohren dabei. Es passierten viele Dinge in der Bateria – mit Drogen zum Beispiel. Daher wollte unsere Mutter eigentlich nicht, dass wir zur Samba-Bateria gingen. Sie wusste Bescheid, was dort los war.“

Marcaos Mutter muss es wohl gewusst haben. Schließlich war der Vater ihres Sohnes der damalige Mestre – sprich: musikalische Leiter – der Sambaschule. Marcao wuchs allein bei seiner Mutter auf, den Vater hat er meist nur von der Ferne bei den Auftritten der Sambaschule gesehen. Eine Geschichte, wie man sie unzählige Male von Menschen aus den Comunidades zu hören bekommt: Väter, die nicht präsent sind, Mütter, die alles tun, um ihre (zahlreichen) Kinder durchzubringen. Salgueiro war übrigens eine der ersten Sambaschulen, die auch Frauen in der Bateria akzeptierten, erzählt Mestre Marcao : „Wir hatten unsere Türen immer offen für Frauen. Meine Frau zum Beispiel spielt die große Basstrommel. Mein fünfjähriger Sohn hat zuhause alle Instrumente. Er nimmt sie und probiert aus. Ein anderer Sohn von mir dirigiert hier bereits die Chocalhos. Und er leitet die Kindergruppe. Das geht von Generation zu Generation. Keine Ahnung, wie lange noch. Aber jetzt ist es Gottseidank noch so.“

Der erste vereinbarte Interviewtermin hier in der Sambaschule Salgueiro musste verschoben werden. Der Grund: der Vizepräsident von Salgueiro war auf offener Straße erschossen worden. Die Hintergründe sind noch nicht geklärt. Hier in der Sambaschule möchte jedenfalls niemand darüber sprechen.

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Oxum e Iemanja, Iansa, Oxossi Caçador…
Das diesjährige Karnevals-Lied von Salgueiro ist dem Thema Umwelt gewidmet. Oxum, Jemanja, Iansa und andere Götter der afrobrasilianischen Religionen Candomblé und Umbanda werden als Beschützer der Natur angerufen. Es ist Tradition bei Salgueiro, die afrikanischen Wurzeln des Samba hochzuhalten. Überall im Veranstaltungslokal finden sich Bilder der Orishas – wie die Gottheiten hier genannt werden. Mestre Marcao trägt um den Hals eine protzige Goldkette. Der Anhänger zeigt das Geistwesen „Malandro“ – was übersetzt so viel heißt, wie „Schlawiner“. Der Geist Malandro trägt stets einen weißen Anzug mit Hut, er liebt den Alkohol und die Frauen, heißt es. Vor kurzem war er beim Candomblé Priester, um für das Wohlergehen seiner Musiker zu bitten, erzählt Mestre Marcao. Die Frage, ob er die Orishas auch um den Sieg beim Karneval gebeten hat, irritiert ihn: „Das ist Sache der Präsidentin. Ich kann mich nur um meinen Teil kümmern und das ist die Bateria.“

Die ersten Siedler auf den Hügeln der Stadt waren oft freigelassene Sklaven. Später kamen Arbeitsmigranten aus dem Landesinneren – vor allem aus dem Nordosten dazu. Viele von ihnen Afro-Brasilianer. Die ersten Sambaschulen entstanden Ende der 1920er Jahre. Ab den 1970er Jahren übernahmen die Drogengangs die Kontrolle in den Favelas von Rio de Janeiro. Immer wieder gab es blutige Bandenkriege. Die Polizei wagte sich nur selten herein in die Comunidades. Im Jahr 2008 startete die Stadt ein Projekt zur Pazifizerung der Favelas. Sprich: Sie begann die Drogenbanden aus den Comunidades zu vertreiben. Heute ist die Lage hier in Andaraí entspannter, sagt Maria Cristina Macedo: „Es hat sich schon viel verändert. Früher gab es hier oft Schießereien. Wenn ich den Berg hinauf- oder hinunter gegangen bin, hatte ich oft Angst. Da ging eine Schießerei los und alle fingen an zu laufen. Egal, ob du auf der Straße warst, oder in deinem Haus – immer hätte dich eine verirrte Kugel treffen können. Das ist hier schon oft genug passiert. Heute ist es viel besser.“

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Bis jetzt wurden 37 der mehr als tausend Favelas von Rio de Janeiro offiziell befriedet. Die meisten davon liegen entweder im touristischen Süden der Stadt, rund um die Strände Copacabana und Ipanema, oder rund ums Fußballstadion Maracanã im Norden, also: hier im Stadtteil Tijuca. Der erste Schritt der Befriedung ist stets die Rückeroberung einer Favela durch die Polizei, erklärt Polizei-Hauptmann Marcio Rocha: „Das sind Polizeioperationen mit einer sehr großen Anzahl an Polizisten, mit vielen Waffen und Panzerfahrzeugen. Auch die Marine und das Heer sind manchmal dabei. Die besetzen die Gebiete.“

Kann Polizeigewalt Frieden bringen?
Hauptmann Marcio Rocha war selbst in einer Spezialeinheit bei den Rückeroberungen der beiden größten Favelas in Rio, Rocinha und Vidigal, dabei. Nach erfolgter Operation wird in der Favela ein Stützpunkt der sogenannten Befriedungspolizei UPP eingerichtet – meist keine fixen Häuser, sondern Container. Heute leitet Marcio Rocha die Station der Friedenspolizei in der Comunidade Macacos, unweit vom Fussball-Stadion. Vor einigen Jahren noch war der Morro de Macacos (übersetzt: der Affenhügel) berüchtigt für seine extreme Gewalt. Daher weigert sich der Taxifahrer, der uns zum Interview bringt, in die Favela einzubiegen und lässt uns am Fuß des Hügels aussteigen. In Rio kämpfen drei große Drogenkartell um die Macht: das rote Kommando, die Freunde der Freunde und das dritte Kommando. Fast alle Favelas in Tijuca wurden vom Roten Kommando kontrollier, erklärt Marcio Rocha. Die einzige Ausnahme sei der Hügel von Macacos gewesen: „Hier war eine Insel der „Freunde der Freunde. Wenn die Bewohner von hier eine andere Favela besuchen wollten – Andaraí, Borel oder Formiga – dann riskierten sie ihr Leben. Wenn Jugendliche von hier auf eine Baile-Funk-Party nach Borel gegangen wären, dann wären sie vermutlich nicht mehr zurückgekommen.“

2009 schossen Mitglieder der „Freunde der Freunde“ aus Macacos einen Hubschrauber der Militärpolizei über den Hügeln von Tijuca ab. Seit 2010 ist die Favela befriedet. Die Polizei hatte die Okkupation einige Tage vorher angekündigt, die führenden Mitglieder der Freunde der Freunde waren in andere – nicht befriedete – Favelas geflüchtet. Die kleinen Dealer versteckten ihre Waffen und blieben, erzählt Hauptmann Márcio Rocha. Die UPP versucht jetzt, die verbliebenen Waffen zu finden und den heimlich immer noch florierenden Drogenhandel zu bekämpfen. Eine weitere – besonders zentrale – Aufgabe der Befriedungspolizei: das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen: „Wir suchen die Nähe der Bürger. Das war ja früher nicht üblich bei der Militärpolizei. Wir haben uns um Kriminalfälle gekümmert, aber nicht um die Probleme der Bürger. Wir hören uns ihre Anliegen an: Probleme mit Wasserversorgung, Strom, Abwasser, Müllentsorgung. Und wir leiten das an die Zuständigen von der Stadtverwaltung weiter.“

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Doch das ist einfacher gesagt, als getan. Das Misstrauen gegenüber der Polizei sitzt tief bei den Menschen in den Comunidades. Wann immer früher Polizei auftauchte hieß das Gewalt und Schießereien. Einige Polizisten waren selbst in den Drogenhandel verwickelt. Die Strategie der Befriedungspolizei ist daher: junge Beamte frisch von der Akademie einzusetzen, die noch nicht in derartige Dinge verwickelt sind. In einigen Teilen von Macacos habe die UPP bereits guten Kontakt zu den Bewohnern und Bewohnerinnen, erklärt Hauptmann Rocha, in anderen sei es noch schwieriger: „Die Leute haben Angst, dass die Drogenhändler sehen könnten, dass sie mit uns sprechen. Manche befürchten nämlich, dass die UPP nach den großen Sportevents – der Fußball WM und den Olympischen Spielen – wieder verschwinden könnte. Und dann wissen die Drogenhändler, wer mit uns zusammengearbeitet hat.“

Widerstand gegen die Befriedungspolizei
Der Polizei-Hauptmann ist jedoch überzeugt: Das Projekt der Befriedungspolizei werde auch nach den sportlichen Großereignissen weitergeführt. Die UPP-Einheiten veranstalten regelmäßig Treffen mit den Bewohnern der jeweiligen Comunidades. Was in der Theorie innovativ und vielversprechend klingt, funktioniert in der Praxis leider nicht ganz so gut, meint Tiago Macedo, Musiker der Sambaschule Salgueiro und Bewohner der befriedeten Comunidade Andaraí: „Ich würde dir ja gerne etwas anderes erzählen. Ich würde es schön finden, wenn du ein positiveres Bild nach draußen trägst. Aber ich kann nichts erzählen, das nicht stimmt. Das ist alles nur schöne Theorie. In der Praxis: gar nichts. Als die UPP kam, versprach sie uns Sozialprojekte: ein Sportzentrum für Jugendliche, einen spezieller Lehrer für behinderte Kinder. Aber nichts davon ist passiert. Dafür aber werden wir von den Polizisten schlecht behandelt. Und wenn du respektlos behandelt wirst, dann hast du auch keinen Respekt vor ihnen. Wir wollen wie Bürger behandelt werden.“

In zahlreichen Comunidades regt sich mittlerweile Widerstand gegen die Befriedungspolizei. Er selbst wurde von einem Bürgerkomitee seiner Comunidade eingeladen, an einer Versammlung mit der lokalen UPP teilzunehmen, erzählt Tiago Macedo. Vor einigen Jahrzehnten galten die Musiker der Sambaschulen als Schlitzohren, die selbst Drogen nehmen. Heute ist das anders. Der Karneval ist inzwischen ein Mega-Event, die Sambaschulen haben Fans aus allen sozialen Schichten. Wer da mitspielt, genießt heute hohes Ansehen, sagt Tiago: „Sie haben mich zur Versammlung eingeladen, eben weil ich Musiker bin. Das Bürgerkomitee sagte: du bist ein Aushängeschild unserer Comunidade, komm mit und sprich mit der UPP. Also bin ich hin.“

In fast allen befriedeten Comunidades gebe es nach wie vor Drogenhandel, ist er überzeugt. Außerdem würden viele der vertriebenen Banditen mittlerweile wieder zurückkommen. Und sie hätten auch Waffen. Tatsächlich kommt es seit einigen Monaten immer wieder zu Schießereien in befriedeten Favelas und sogar zu Angriffen auf UPP-Stationen. Das sei zwar ein Problem, sagt Hauptmann Marcio Rocha, es bestehe jedoch keine Gefahr, dass die Drogenbanden das Territorium wieder zurückgewinnen könnten: „Wir bekommen immer wieder Informationen, dass Drogenhändler, die von hier in andere – nicht pazifizierte – Comunidades geflüchtet sind, dort Leute rekrutieren, um einen Gegenangriff zu starten. Aber selbst wenn sie uns angreifen sollten: Allein die UPP hat 9.200 Polizisten in Rio. In 30 bis 40 Minuten könnten 500 oder gar tausend Polizisten hier zum Hügel von Macacos kommen. Natürlich könnte es Verletzte geben. Aber die Gefahr, dass sie uns wieder Territorium wegnehmen, die existiert nicht.“

Robin Hood und Feuerwerke
In Andaraí hatte vor der Pazifizierung das Rote Kommando das Sagen. Sie kontrollierten nicht nur den Drogenhandel, sondern übernahmen auch Polizeifunktionen innerhalb der Favela. Nicht immer war das Verhältnis zwischen Bewohnern und dem jeweiligen Drogen-Kommando schlecht, erzählt der Musiker Tiago Macedo. Das war stark abhängig davon, wer gerade an der Macht war: „Als ich ein Kind von etwa 5, 6 Jahren war, da gab es hier noch richtige Banditen. Die waren wie Robin Hood. Sie haben unten gestohlen und es der Comunidade gegeben. Sie haben berühmte Künstler für uns eingeladen: Zeca Pagodinho zum Beispiel. Am internationalen Kindertag haben sie Süßigkeiten verteilt, am Tag der Arbeit gab es hier ein Fest. Das haben sie alles bezahlt. Die größten Feuerwerke zu Silvester, die gab es hier in Andaraí.“

Doch in den Jahren vor der Pazifizierung habe sich die Lage verschlechtert. Ganz junge Burschen hätten das Kommando übernommen und die Bevölkerung terrorisiert, berichtet Tiago Macedo. Er ist in Andaraí aufgewachsen und hatte selbstverständlich immer wieder Kontakt zu den Banditen. Ein Jugendfreund, mit dem er als Kind Fußball gespielt hatte, wurde später Chef des Hügels. Doch der ist bereits seit etwa zehn Jahren tot. Er starb durch eine Kugel.

Er selbst betrachtet sich heute als Gewinner. Er ist 29 Jahre alt und macht gerade eine Ausbildung als Sportlehrer. Er hatte einen Beruf als Fußballer und als Musiker. „Aber es hätte genauso gut passieren können, dass ich Bandit werde. Dann wäre ich wahrscheinlich tot. Gelegenheit dazu hätte ich genug gehabt. Aber ich hatte meinen Kopf immer bei anderen Dingen. Doch, was ist mit jenen Freunden, die diese Chancen nicht hatten? Wie viele Kinder wachsen hier auf ohne Perspektiven? Wir müssen etwas tun, um sie zu retten. Sie sind es, die künftig Brasilien beeinflussen.“

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Samba verbessert Leben
Genau das versuchen auch viele Sambaschulen: jungen Menschen eine Perspektive zu geben. Einige der Sambaschulen in Rio betreiben Ausbildungs- und Freizeitstätten für Jugendliche. In der sogenannten Vila Olímpica von Salgueiro wird der Schwerpunkt auf Sport gelegt. Die Anlage ist ein ehemaliges Fußballstadion und liegt gleich neben der Konzerthalle von Salgueiro. Hier werden Kurse für Fußball, Schwimmen und Capoeira angeboten. „Der Sport hilft Jugendlichen bei ihrer Entwicklung. Sie lernen, sich an Normen und Regeln zu halten, sie lernen Kreativität und auch motorische Koordination. Das ist alles wichtig. Außerdem lenkt es sie davon ab, auf die schiefe Bahn zu geraten. Das kann ja hier an einigen Orten leicht passieren“, erklärt Raoni Ventapane. Er koordiniert die sportlichen Aktivitäten der Vila Olimpica von Salgueiro. Neben Sport gibt es hier auch Kurse für Musik, Tanz und Theater, sowie Englisch, Informatik und Berufsausbildungen für Friseurinnen oder Schneiderinnen.

Alle Angebote sind gratis. Jeder darf kommen, auch Jugendliche aus der Mittelschicht. Für Raoni Ventapane ist gerade diese soziale Durchmischung besonders wichtig: „Es geht uns hier um die soziale Integration. Viele Jugendliche aus den Favelas sind marginalisiert. Aber das sind auch ganz normale Menschen, die eben an einem anderen Ort leben. Das heißt noch lange nicht, dass die alle gewalttätig sind. Es ist wichtig, dass die anderen Jugendlichen sehen: Egal, wo man wohnt, es gibt überall nette Menschen.“

Zusätzlich betreibt Salgueiro ein Gesundheitszentrum nahe der Schule. Dort behandeln Ärzte ehrenamtlich Menschen aus den umliegenden Comunidades. „Die Sambaschulen kommen ja aus den Comunidades. Heute haben sie viel Geld und Ansehen. Das ist ein Weg, ihren Comunidades etwas zurückzugeben. Deshalb machen viele von ihnen Projekte, die das Leben dort verbessern.“

Sport-Koordinator Raoni Ventapane musiziert selbst in der Samba-Bateria von Salgueiro. Gemeinsam mit Tiago Macedo. Der fiebert jetzt dem Karneval entgegen. In den vergangenen Jahren hat die Sambaschule Salgueiro entscheidende Punkte verloren, weil die Wagen für die kostümierten Tänzer und Tänzerinnen so riesig waren, dass sie in den Kurven im Sambodrom stecken geblieben sind: „Heute habe ich unsere Wagen gesehen und jetzt bekomme ich wieder Angst, dass es daran scheitern könnte. Um die Bateria mache ich mir keine Sorgen, um die Leute aus der Comunidade, die mitmarschieren und singen, auch nicht. Das Lied ist auch gut, es wird derzeit überall in Rio de Janeiro gespielt. Alle singen unseren Samba. Ich habe Angst vor den Wagen, denn wenn einer steckenbleibt, gibt es Punkteabzug. Aber irgendwie denke ich mir: heuer sind die Heiligen auf unserer Seite.“

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One response

8 03 2017
Die dunkle Seite des Karnevals in Rio: Befriedung der Drogenkonflikte bleibt ein Ziel in ferner Zukunft | Drogen Macht Welt Schmerz

[…] Ulla Ebner: Mehr als nur Karneval: Sambaschulen in Rio; Artikel vom 04.03.14 [↩] [↩] […]

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