Topothek.at – der Bürger als Archivar

11 11 2013
SENDUNG: Digital.leben, Montag, 11. November 2013
16:55 Uhr, Ö1 

12.000 Urkunden, 90.000 Kartons mit Akten und etwa acht Kilometer Regale mit Amtsbüchern sind im Niederösterreichischen Landesarchiv aufbewahrt, das heuer seinen 150. Geburtstag feiert. Vergangenen Freitag lud das Landesarchiv zum vierten Niederösterreichischen Archivtag. Den Eröffnungsvortrag auf der Tagung hielt dort jedoch nicht ein renommierter Archivar, sondern der Unternehmer und Industriedesigner Alexander Schatek. Er hat als Privatperson ein Projekt gestartet, wo Lokalhistorisches mit Hilfe von Crowdsourcing zusammengetragen wird: Topothek.at ist eine Sammlung lokaler Online-Archive, die Fotos und andere Erinnerungsstücke der Bewohner zeigen.

topothek2_cafegroiss

Vom Wurstelprater zum Semmering

Das Café Groiss in der Waldviertler Gemeinde Albrechtsberg im Jahr 1928, die Buben vom Rennhofer Bauern in Breitenstein am Semmering vor dem Ochsengespann, 1934. Fotos von der Geisterbahn im Wiener Wurstelprater aus dem Jahr 1960 – das alles ist jetzt in einer Topothek verewigt, in einem lokalen Gemeindearchiv im Netz. Ursprünglich wollte Alexander Schatek einfach nur sein privat angesammeltes Material irgendwie verwalten. Bis zum seinem 10. Lebensjahr hatte er beim Wiener Prater gewohnt und weil dieser Ort für ihn bis heute eine besondere Faszination ausübt, hat er historische Bilder und Dokumente des Praters gesammelt. „Und da hat sich die Frage gestellt: Wie finde ich das ganze Material in meinen Schachteln und Verzeichnissen wieder?“, erzählt Schatek, „und da hat sich die Elektronik angeboten.“

Der Unternehmer hat daraufhin von seiner IT-Abteilung eine Datenbanklösung entwickeln lassen, die mit Hilfe von Schlagwörtern seine eingescannten Erinnerungsstücke verwaltet. Diese Plattform stellt er jetzt interessierten Gemeinden zur Verfügung. 17 Topotheken sind schon online, die meisten aus Niederösterreich, drei aus Oberösterreich und zwei aus Wiener Grätzeln. Den Wiener Prater verwaltet Alexander Schatek nach wie vor selbst selbst. Die anderen Topotheken werden von engagierten Personen in den jeweiligen Gemeinden, sogenannten „TopothekarInnen“ betreut. Häufig ehrenamtlich. Denn gerade bei der Erschließung von Quellen sei das lokale Wissen besonders wichtig, erklärt Schatek: „Denn die Menschen vor Ort wissen, der Karli hat noch ein altes Fotoalbum in der Lade. Bevor das am Ende noch im Altpapier landet, sollte man es sichtbar machen. Es geht hier um eine vorwissenschaftliche Sicherung und Auffindbarmachung des Materials.“

(c) Schatek

Lizenzgebühren für Unbekannte
Eine interaktive Landkarte zeigt, zu welchen Plätzen, Straßen, Gebäuden der jeweiligen Gemeinde Dokumente vorhanden sind. Eine Zeitleiste ordnet chronologisch. Noch steht jede Topothek für sich. Doch bald sollen die Datenbanken verbunden werden. Dann kann man nach Schlagworten in verschiedenen Topotheken suchen: etwa Damenhüte der 1950er oder Kaffeehäuser im Waldviertel. Derzeit finden sich dort hauptsächlich Fotos. Es könnten aber auch Videos oder Audiodateien dazu kommen, erklärt Schatek. Viele Menschen würden gerne Konzerte oder Dorffeste in die Topothek stellen. Jedoch schrecken sich die meisten vor den Gebühren durch die Musikverwertungsgesellschaft AKM.

Das Material einer Topothek kommt ausschließlich aus privaten Quellen. Denn das darf man auch ins Netz stellen. Für öffentliches Archivmaterial – insbesondere Personendaten – gibt es Schutzfristen. Die legt das jeweiligen Landesarchivgesetzen fest. Auch Urheberrechte für Fotografen gelten noch 70 Jahre nach ihrem Ableben. Wer alte Fotos am Flohmarkt kauft und veröffentlicht, könnte Probleme bekommen, wenn wenn er die Fotografien nicht genau datieren kann. Die Verwertungsgesellschaft der Fotografen verlangt sogar Lizenzgebühren für unbekannte Fotografen, ärgert sich Alexander Schatek: „Mit welcher dahinterliegenden Berechtigung, weiß ich nicht. Schließlich hatte der unbekannte Fotograf keinen Vertrag mit der Verwertungsgesellschaft. Auch frage ich mich, welche Leistung die Verwertungsgesellschaft für dieses anonyme Foto tätigen würde, die diese Lizenzgebühr begründet. Das sieht schon ein wenig nach Raubrittertum aus.“

topothek4_semmering

Vertrauen in die Crowd
Die beeindruckendste Erfahrung sei für ihn gewesen, wie gut die Einbindung der Bevölkerung – sprich der „Crowd“ – bei der Erstellung virtueller Lokalgeschichte funktioniere, erzählt Schatek. Widerstand dagegen, die Bilder der Urgroßmutter öffentlich zu machen, habe es bisher noch nicht gegeben. Ganz im Gegenteil: „Es beschweren sich eher Leute, weil ihr Großvater im Hintergrund vielleicht nicht beschlagwortet wurde. Insgesamt ist viel Freude da, wenn man einen Baustein zur Lokalgeschichte dazugeben kann. Die Menschen in den Gemeinden entfalten auch einen unglaublichen Ehrgeiz, wenn es darum geht, alle Köpfe auf einem alten Foto noch benennen zu können.“

Das unbegrenzte Vertrauen in die „Crowd“ sei nicht von Anfang an da gewesen, gesteht Alexander Schatek. Doch mittlerweile dürfen alle registrierten User und Userinnen einer Topothek selbst Material hochladen und beschlagworten. Nicht allerdings freischalten – davor gibt es noch eine Endkontrolle der zuständigen TopothekarInnen, ob formal auch wirklich alles korrekt ausgefüllt wurde.

DL

Advertisements

Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: