Der Tod im Internet

26 09 2013
SENDUNG: Digital.leben, Donnerstag, 26. September 2013,
 16:55 Uhr, Ö1

Vielleicht haben wir uns schon einmal Gedanken gemacht, wem wir das Haus vererben, wer das Münzalbum bekommen soll und wer das Lilienporzellan. Aber wer hat sich schon je überlegt, was nach seinem Ableben mit seinem Blog passieren soll? Mit dem Facebook-Account, den Bildern und anderen Daten im Netz? Nur wenige denken darüber auch. Auch viele Anbieter von Webdiensten nicht. Sollten sie aber, meint die deutsche Konsumentenschützerin Michaela Zinke. Sie war Mitte September zu Gast in Wien beim Kongress zu Daten, Netz und Politik in Wien, organisiert vom Datenschutzportal unwatched.org und hat dort über den Tod im Internet gesprochen.

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Facebook-Nachrichten aus dem Jenseits

Alfred hat heute Geburtstag, sagt Facebook, schreib etwas an seine Pinnwand. Das Blut gefriert uns in den Adern. Denn Alfred ist vor drei Monaten bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen. Um Hinterbliebenen derartige Schock-Erlebnisse zu ersparen, hat Facebook mittlerweile den sogenannten „Gedenkzustand“ für Profile eingeführt. „Das bedeutet, der Account ist nicht mehr aktiv“, erklärt Konsumentschützerin Michaela Zinke, „man kann immer noch die Bilder anschauen und die letzten Postings des Verstorbenen lesen. Aber es werden von diesem Profil keine automatischen Nachrichten und Erinnerungen mehr verschickt.“

Michaela Zinke ist Referentin für Datenschutz und Netzpolitik bei der deutschen Verbraucherzentrale Bundesverband. Sie beschäftigt sich seit drei Jahren mit Problemen rund um den digitalen Nachlass von Verstorbenen. Der Anlass war ein tragischer. Damals wurde sie von einer verzweifelten Mutter kontaktiert, deren Tochter Selbstmord begangen hatte. Diese wollte auf die letzten Facebook-Nachrichten ihrer Tochter zugreifen, um Klarheit zu bekommen, erzählt Zinke: „Und da habe ich festgestellt, das geht leider nicht. Sie bekam keinen Zugriff darauf.“

Google fragt nach Lebenszeichen
Daten löschen zu lassen ist für Hinterbliebene meist einfacher, als Zugang zu den Accounts des Verstorbenen zu bekommen, berichtet Zinke. Rechtlich gesehen endet der Datenschutz mit dem Tod. Aber dann gibt es da noch das Briefgeheimnis. Daher sind gerade E-Mail-Anbieter oft sehr streng bei der Herausgabe von Zugangsdaten. Es geht ja nicht nur um das Briefgeheimnis des Verstorbenen, sondern auch das jener Personen, mit der er oder sie kommuniziert hat.

Dabei kann es für die Erben ganz wichtig sein, auf den Mail-Account zugreifen zu können. Es geht hier nicht nur um das persönliche Andenken, sondern auch um rechtliche Fragen: Man erbt schließlich nicht nur Vermögen, sondern auch Schulden: Erben müssen sich um offene Rechnungen kümmern und Abos stornieren. Früher hat man in so einem Fall Schreibtische, Kästen und Aktenmappen durchwühlt, hat Briefe, Verträge und Sparbücher aus Papier gefunden. Doch, wie suche ich in Zeiten von Internet-Shopping, Online-Banking und E-Mails? Was tun ohne LogIns und Passwörter?

Am innovativsten hat das mittlerweile Google geregelt. Bei diesem Internetriesen kann man ja verschiedene Daten gelagert haben: Nachrichten auf Gmail, den eigenen Videokanal auf Youtube, einen Weblog bei Blogspot. Mit Hilfe eines Konto-Inaktivitätsmanagers kann ich selbst festlegen, was mit meinen unterschiedlichen Google-Daten passiert, wenn ich mich – sagen wir – sechs Monate lang nicht einlogge. Nach Ablauf dieser selbst festgelegten Frist meldet sich Google und bittet um ein Lebenszeichen. Bleibt das aus, werden automatisch SMS und E-Mails verschickt an jene Kontakte, die ich vorhin festgelegt habe.

Gesetzeslage unklar
Oft passiere es ihr als Datenschützerin ja nicht, dass sie ausgerechnet Google loben muss, gesteht Michaela Zinke. Sie findet: Wir alle sollten uns fragen, was mit unseren eigenen Daten einmal passieren soll: Soll das Foto, auf dem ich sturzbetrunken in der Wiese liege, als mein digitales Andenken für immer im Netz bleiben? Will ich, dass meine Hinterbliebenen nach Jahren verklagt werden wegen meines offenen Online-Fantasy-Spiele-Abos? Möchte ich sichergehen, dass meine Erben auf meinen geheimen zweiten Online-Banking-Account zugreifen können?

„So schwer es auch ist, sich mit seinem eigenen Tod auseinanderzusetzen, wir müssen uns darüber Gedanken machen“, meint Michaela Zinke, „wir sollten jemanden bestimmen, der sich um unseren digitalen Nachlass kümmert und dieser Person sollten wir unser Passwörter hinterlassen, damit sie sich erst gar nicht mit den Anbietern herumschlagen muss.“ Die Konsumentenschützerin empfiehlt: Sämtliche Logins und Passwörter feinsäuberlich aufschreiben. Diese Informationen jedoch nicht auf der Festplatte speichern, sondern auf einem externen Speichermedium. Oder – ganz retro – auf Papier. Und dieses so verwahren, dass es Angehörige auch finden können.

Mittlerweile gibt es Firmen, die sich auf die Verwaltung des digitalen Erbes spezialisiert haben. Diesen kann man noch zu Lebzeiten alle Zugangscodes und Passwörter anvertrauen. Doch davon rät Michaela Zinke dringend ab. Man wisse ja nie. Einige dieser Firmen seien bereits wieder vom Markt verschwunden – was passiert dann mit den anvertrauten Daten? Was sie sich auf jeden Fall wünscht: eine europaweit einheitliche Gesetzes-Regelung: „Derzeit ist es so, dass ich manchmal eine Sterbeurkunde einreichen muss, einmal haben alle möglichen Angehörigen Zugriff, dann wieder nur die Erben. Wir sind ja schließlich nicht nur bei einem Dienst, sondern bei 30 oder 40. Daher braucht es dringend einheitliche Regelungen.

DLmtx

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