Wahlkämpfen in der Cyberwelt. Oder: Was wir von Obama lieber nicht lernen sollten

16 09 2013
SENDUNG: Digital.leben, Montag, 16. September 2013, 
16:55 Uhr, Ö1

Es tobt der Wahlkampf: im Fernsehen, im Radio, auf Plakaten, auf der Straße. Und diesmal auch: im Internet. Österreichs Parteien haben die sozialen Medien entdeckt. Mit welchen Strategien sie sich dort bewegen, das beobachtet der Kommunikationsberater Yussi Pick. Er ist Autor des Buchs „Das Echoprinzip – Wie Onlinekommunikation Politik verändert“ und hat in den USA an politischen Kampagnen mitgearbeitet. Im Wahlkampfteam von Präsident Obama hat er einen Eindruck bekommen, wie mächtig die neuen Medien tatsächlich sein können. Mitte September war Yussi Pick zu Gast am Kongress „Daten, Netz und Politik“ in Wien, veranstaltet vom Datenschutzportal unwatched.org.

onlinewahlkampf3

Kritische Journalisten ausgebremst

Die einen vertreiben ein Anti-Korruptionsspiel als Handy-App, die anderen sammeln im Netz Geschichten ihrer Wahlhelfer, die dritten betreiben ihr eigenes Polit-Magazin auf Youtube. Österreichs Parteien haben Neuland betreten: Sie wahlkämpfen auch in der Cyberwelt. Nur wenige Parteien hätten jedoch von Anfang an die Online-Komponenten in ihre Gesamtstrategie eingebunden, sagt Yussi Pick: „Aber jede Partei hat mittlerweile ein bis zwei Initiativen, die sie schon ganz gut machen.“

Alle Spitzenkandidaten – oder zumindest deren Teams – haben zum Beispiel eine Facebook-Seite. Mit Abstand die meisten Freunde – nämlich mehr als alle anderen zusammen – hat hier FPÖ-Chef HC Strache. Soziale Medien, wie Facebook, hätten für Politiker und Parteien den Vorteil, dass sie direkt mit ihren Zielgruppen kommunizieren können – ohne den Filter der traditionellen Medien. Und das mache sie sehr attraktiv, so Yussi Pick: „Strache kann zum Beispiel auf Facebook Dinge behaupten, die in einer Zeitung nachrecherchiert und gegendargestellt werden könnten. Daher wendet er sich gerne an diesen Kanal.“

Online-Taferl und Retro-Wahlkämpfe
Die Anzahl der Facebook-Freunde sagt aber nichts über das kommende Wahlergebnis aus, sondern viel mehr über die Art, wie die jeweilige Partei mit diesem Medium umzugehen versteht. Grundsätzlich gilt: Soziale Medien sind keine Verlautbarungsorgane für Pressemeldungen. Die Freundinnen, Fans und Follower wollen, dass man auf Augenhöhe mit ihnen kommuniziert. Das beherrscht zum Beispiel das Team Stronach gut, erklärt Yussi Pick. Es stellt Fragen an seine Fans – zum Beispiel: Wie hat euch das letzte TV-Duell gefallen? – und reagiert auf deren Nachrichten.

Im – zumindest in Österreich – etwas elitären Kommunikationskanal Twitter wiederum seien die Grünen strategisch am besten aufgestellt, so Pick: „Bei den Fernseh-Duellen hat ein grüner Account sofort alle Tafern, die Eva Glawischnig im Fernsehen gezeigt hat, hinaus getwittert. Und damit hat man sofort alle Journalisten und Journalistinnen erreicht.“ Eine österreichische Besonderheit bei Twitter: Hier sind in erster Linie JournalistInnen und Pressesprecher unterwegs.

Auffällig zurückhaltend in den sozialen Medien agiert in diesem Wahlkampf die SPÖ. Ein paar vereinzelte Facebook-Accounts hier, ein paar einsame Hin- und Wieder-Twitteranten dort. Das hat seinen Grund, glaubt Yussi Pick:  „Die SPÖ hat offensichtlich am Beginn eine Entscheidung getroffen, die da heißt: Unsere Zielgruppe sind die Pensionisten und wir fahren einen Retro-Wahlkampf.“ Und in einem solchen habe man es auch nicht nötig, in sozialen Netzwerken präsent zu sein.

Ein wenig Inhalt schadet nicht
Was Internetkampagnen prinzipiell nicht können: politisch Andersdenkende überzeugen. Was sie sehr wohl können: Potentielle Sympathisanten mobilisieren. Sprich: sicherstellen, dass diese auch wirklich zur Wahl gehen oder sie als Aktivisten für den Wahlkampf gewinnen. Genau das versucht die ÖVP mit einer Mitmach-Kampagne für Wahlhelfer. Dafür hat sie auch ein prominentes Vorbild: nämlich US-Präsident Barrack Obama. „Die ÖVP versucht recht stark, den Obama-Wahlkampf zu kopieren – gerade mit Mitmach-Elementen“, erklärt Yussi Pick. Eine Schwierigkeit der ÖVP sei hier aber: „dass es völlig inhaltsfrei ist. Auf Facebook sehe ich nur Fotos von Sommerfesten und Wahlkampfauftakten. Würde ich nicht wissen, wofür die ÖVP steht, würde ich es aus dem Internet auch nicht erfahren.“

US-Präsident Obama gilt übrigens als Pionier in Sachen Online-Wahlkampf. Anstatt selbst seine Gesundheitsreform zu loben, ließ er das – sehr emotional – jene tun, die davon profitiert hatten. In diesem Sinne lässt auch die ÖVP im Netz ihre Wahlkämpfer zu Wort kommen. Obama gelang es auch wie keinem anderen, Menschen zu mobilisieren. Sein Geheimrezept: Sammle massenhaft Daten über dein Wahlvolk mit Hilfe von Wählerregistern, Telefonumfragen und Haus-zu-Haus-Besuchen.

„Gestalkt“ von Obama
Politische Gegner zu überzeugen ist vergeudete Liebesmüh. Auch um jene, die schon total überzeugt sind, muss man sich im Wahlkampf nicht mehr kümmern. Die wichtige Zielgruppe sind jene Menschen, denen du schon irgendwie sympathisch bist, die aber noch unentschlossen sind, ob sie überhaupt zur Wahl gehen wollen.

Für die freiwilligen Wahlhelfer gab es eine eigene Handy-App, wo diese sofort nach dem Erstkontakt auf einer Skala von 1-5 eintragen konnten, ob die von ihnen Befragten starke, schwache oder gar keine Befürworter von Obama seien. Die Angaben wurden in eine Datenbank hochgeladen und mit dem Wählerregister verglichen. Anders als bei uns, wird in den USA dort auch erfasst, welcher Partei sich jemand zugehörig fühlt und an welchen Wahlen er oder sie teilgenommen hat. Mit diesen Informationen kannte das Obama-Team seine Zielgruppe also sehr genau, erzählt Yussi Pick: „Die wussten: Mr. Smith mag mich, Mr. Jackson mag mich nicht. Daher muss ich am Wahltag Mr. Smith anrufen und sagen: Hallo, warst du schon wählen?“

Könnte bzw. sollte Big Brother Obama also wirklich als Vorbild fungieren für Europas Wahlkämpfer? Derzeit sei das im Datenschutz-affinen Europa undenkbar, beruhigt Yussi Pick. Die schlechte Nachricht: derzeit.

Advertisements

Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: