Männer, die auf Cyberflieger starren

11 09 2013
SENDUNG: Digital.leben, Mittwoch, 11. September 2013, 
16:55 Uhr, Ö1

„Wenn ich groß bin, werd ich Pilot“. Diesen Bubentraum kann sich mittlerweile jeder erfüllen- zumindest virtuell. Flugsimulatoren in unterschiedlicher Qualität gibt es ja seit vielen Jahren. Inzwischen können Flugzeugbegeisterte den internationalen Flugverkehr aber auch online – gemeinsam mit anderen – spielen. Piloten steuern ihre virtuellen Flieger auf bestimmte Städte zu. An den virtuellen Flughäfen sitzen andere Spieler, die Lande- und Starterlaubnis erteilen. VATSIM nennt sich ein weltweites Flugsimulatoren-Netzwerk mit etwa 250.000 Mitgliedern. Die österreichische Sektion (VACC) trifft sich jeden Mittwochabend im Netz zum gemeinsamen Flughafenspielen.

(c) VACC Austria

Der Weekly Wednesday

Mittwochabend, 20 Uhr in einem großen Bürogebäude in Wien. Zwei Männer sitzen konzentriert vor ihren Computerbildschirmen. „Here Austrian Airlines Seven-Five-One“ ertönt es aus dem krachenden Lautsprecher. Die Stimme mit britischem Akzent bittet um Starterlaubnis. „Servus“, begrüßt Claus Faber die Stimme am anderen Ende und erteilt sie ihm – selbstverständlich mit dem korrekten Flughafen-Fachsprech. Claus Faber ist heute Fluglotse am virtuellen Flughafen Wien. Der virtuelle Pilot aus dem Lautsprecher macht sich jetzt auf den Weg zum virtuellen Flughafen Heathrow.

Claus zeigt mir die anderen Flieger auf seiner Online-Flughafensimulation, mit denen er heute noch zu tun haben wird: „Da kommen später welche aus Birmingham. Da startet gerade einer in Düsseldorf und da kommt einer aus Porto.“ Auf einschlägigen Portalen im Netz wurde bekannt gegeben, dass heute die Österreicher wieder ihre Flughäfen bespielen – so wie jeden Mittwochabend, dem sogenannten „weekly wednesday“. Daher wird Österreich heute auch eifrig angeflogen. Landen kann ein virtueller Flieger nämlich nur dann, wenn ein echter Mensch den virtuellen Flughafen kontrolliert. Sein Lieblingsflughafen ist Innsbruck, erklärt Claus Faber. Der sei sowohl für Piloten zum An- und Abfliegen hochspannend, wie auch für die Controller eine Herausforderung: „Jeden Mittwoch kracht da einer irgendwo rein.“

Das weltweite Flugsimulatoren-Netzwerk VATSIM
Auch in der echten Welt brauchen Piloten eine Spezialausbildung bevor sie Innsbruck anfliegen dürfen. In der virtuellen Welt hat Innsbruck weit mehr Luftverkehr als Wien. Theoretisch können Spieler aus der ganzen Welt hier landen. In der Praxis sind es meist Europäer, erklärt Spieler Stephan Reitinger, denn Cyber-Piloten fliegen ihre Strecken in Echtzeit. Auf Autopilot schalten gilt nicht: „Man muss vor dem Monitor sitzen. Das wird fallweise auch von Supervisors kontrolliert. Aber natürlich hat man die Möglichkeit, sich kurz abzumelden. Man sagt, man geht kurz essen oder ist eine halbe Stunde mit dem Hund draußen. Das ist kein Problem.“

Stephan Reitinger ist Obmann des Vereins VACC Austria. Das steht für virtual area control center – also: virtuelles Luftraum Kontrollzentrum. Der Verein hat etwa 250 Mitglieder und ist Teil des weltweiten Flugsimulatoren-Netzwerks VATSIM. Da sind rund  250.000 Spieler aktiv – übrigens fast alle davon männlich. Die weiteste Strecke, die Stephan Reitinger bisher virtuell geflogen ist, war Wien – Washington. Zehn Stunden hin und zehn Stunden retour. Den Ausdruck „spielen“ hört er in diesem Zusammenhang übrigens nicht so gerne: „VATSIM und auch der VACC Österreich als dessen Ableger erheben hohe Qualitätsansprüche. Daher bevorzugen wir das Wort: simulieren.“

(c) VACC Austria

Lonesome Cowboys und unkomplizierte Freunde
VACC Österreich verwendet für seine Simulationen die Geodaten der AustroControl – also jener Firma, die den echten Luftraum in Österreich kontrolliert. Eine gewisse Ernsthaftigkeit braucht man schon für dieses Hobby, erklärt Reitinger. Zumindest jene, die Fluglotsen werden wollen. Dafür gibt es eine 5-stufige Ausbildung – mit Trainingsunterlagen und Prüfungen. Claus Faber ist gerade in Ausbildung zu Stufe 4. Das heißt, er darf bereits das größere Einzugsgebiet rund um den Flughafen überwachen: „Als Pilot kannst du als lonesome Cowboy in der Gegend herumfliegen. Aber als Controller bist du Teil einer Community. Das ist viel stärker. Man spricht regelmäßig über Teamspeak. Ein bis zweimal im Jahr trifft man sich auch und trinkt viele Biere. Da ist man wirklich in einer Community.“

2-3 Stunden wird Claus Faber heute noch hier sitzen und Flugzeuge koordinieren. Auch im echten Leben koordiniert er gerne. Er ist ausgebildeter Gruppendynamiker und arbeitet bei einer Gewerkschaft. „Ich habe einen Beruf, der sehr viel mit Leuten zu tun hat“, erklärt er, „da habe ich es nicht immer mit den angenehmsten Seiten der Menschen zu tun.“ In seiner Freizeit möchte er zwar auch noch ein wenig Kontakt mit Menschen haben, aber dann bitte möglichst unkompliziert. Und da geht ihm nichts über virtuelle Flugfreunde.

Übrigens: Kommenden Mai wird Wien Austragungsort der VATSIM-Weltkonferenz für Cyberflieger.

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