Von Brautraub bis Online-Dating: Liebe in Zeiten der Cola

2 07 2013

SENDUNG: Kontext – Sachbücher & Themen, Freitag, 5. Juli 2013, 9:05 Uhr, Ö1 

Ein Journalist, Mitte 40 und Single bekommt plötzlich etwas, das böse Zungen vermutlich als „Midlife Crisis“ bezeichnen würden: Der Job ist stressig, er hat immer noch keine Familie gegründet, keine der Frauen, die er kennenlernt, ist die Richtige. Was macht er falsch? Der deutsche TV-Journalist Peter Theisen beschließt schließlich, eine Weltreise zu machen, um dem Phänomen Liebe auf die Spur zu gehen. Ein halbes Jahr lang besucht er zahlreiche Länder der Erde und erforscht dabei Flirtverhalten, Geschlechterverhältnisse und Hochzeitsrituale in verschiedenen Kulturen. Die Erlebnisse seiner Tour d’Amour hat er jetzt veröffentlicht: „Liebe in Zeiten der Cola“ ist im Verlag Ullstein Extra erschienen.

(c) ullstein extra

Tagebuch eines Liebesreisenden

„Liebe Anja“, wollte Peter Theisen schreiben. Doch die automatische Eingabehilfe seines Handys machte daraus „liebe Cola“. Und aus der Romanze mit der jungen Dame wurde nichts. Schon wieder nicht. Leidet er an einer frühkindlichen Störung? Hat ihm die Mutter Brei oder gar Brust verweigert? Ist er Sklave seines männlichen Erbmaterials? Solche Fragen stellt sich der Journalist Peter Theisen, bevor er auszieht, um zu erkunden, wie es junge Männer in der Südsee anstellen, Frauen kennenzulernen. Und was er sich vom Latin Lover in Kolumbien abschauen könnte.

In vielen Teilen der Welt geht man weniger verkrampft an die Sache heran, stellt er fest: „Da ist man schon erstaunt, wenn man zurück nach Deutschland kommt und man hier in der U-Bahn kaum Blickkontakt mit den Leuten bekommt. Das ist anderen Ländern oft ganz anders.“

„Liebe in Zeiten der Cola“ ist ein persönliches Reisetagebuch. Peter Theisen erzählt, wie er – trotz mangelnder Tanzkenntnisse – vergeblich versucht, die Damenwelt in einem kolumbianischen Salsa-Klub zu beeindrucken. Er berichtet von Trinkgelagen in Sansibar und wie er und seine Dolmetscherin sich in einer georgischen Klinik als Pärchen ausgeben, um herauszufinden, was die Wiederherstellung eines Jungfernhäutchens kosten würde.

(c) ullstein extra

Kriegserklärung auf Indonesisch
Peter Theisen ist studierter Ethnologe und weit gereist. Und doch bewahrt ihn das nicht vor interkulturellen Fettnäpfchen. Zum Beispiel auf einer Hochzeit in Sumatra, wo er versehentlich dem Brautpaar den Krieg erklärt. Nachdem er dem Paar gratuliert, verlässt er das Podium, auf dem die frisch Vermählten sitzen, auf der falschen Seite: „Und plötzlich wurde der ganze Raum still und alle haben mich böse angeschaut. Meine Dolmetscherin erklärte mir dann: du hättest auf der anderen Seite runtergehen müssen, denn so hast du alle guten Wünsche wieder rückgängig gemacht.“

In manchen Teilen der Welt sind Tradition und Religion sogar auf dem Vormarsch, meint Peter Theisen. In Georgien zum Beispiel würden junge Menschen heute die Vorschriften der orthodoxen Kirche zum Thema Sexualmoral stärker beachten als das ihre Vorfahren während der Sowjetzeit getan haben. Und diese Vorschriften sind hart: mittwochs, freitags sowie an allen kirchlichen Feier- und Fastentagen sollten die Gläubigen auf Sex verzichten. Unterm Strich macht das 200 sexlose Tage pro Jahr.

In Georgien stößt der Journalist auch noch auf wesentlich verstörendere Traditionen: In abgelegenen Bergdörfern des Kaukasus begegnet er Frauen, die Opfer von Brautraub geworden sind. Nach wie vor passiert es, dass junge Frauen vom Feld, der Straße oder dem Schulhof entführt werden, in die Berge verschleppt und vergewaltigt werden. Danach gelten sie quasi als Eigentum des Entführers. Denn ist die Unschuld einmal weg, ist die Ehre weg und es bleibt – der Tradition entsprechend – kein anderer Ausweg, als den Schänder zu heiraten. Mittlerweile geht die Polizei gegen diese Tradition vor, erzählt Theisen: „in der älteren Generation hingegen war das fast Normalität. Vor 50 Jahren wurde etwa jede zweite Frau Opfer von Brautraub.“

Machos auf dem Abstellgleis
Tradition und Moderne treffen in der globalisierten Welt zunehmend aufeinander. Neue Medien verändern die Art und Weise, wie sich Menschen kennen- und lieben lernen. Internet-Single-Börsen und Online-Dating findet man mittlerweile auch in den abgelegendsten Teilen der Welt. Auf einer kleinen Südsee-Insel trifft Theisen junge Männer, die von russischen Frauen schwärmen, die sie im Internet kennengelernt haben. Peter Theisen kann dieser Entwicklung aber auch Positives abgewinnen: „In Kolumbien zum Beispiel haben Frauen, die sich von einheimischen Machos unterdrückt fühlen, neue Möglichkeiten. Sie können so westliche Männer kennenlernen.“

Denn gerade dieser – der Macho – befindet sich, global gesehen, am absteigenden Ast, ist Peter Theisen überzeugt. Geschlechterverhältnisse sind weltweit im Umbruch – selbst in traditionell patriarchalen Gesellschaften. Und auch wenn Europäerinnen manchmal vom leidenschaftlichen Latin Lover träumen, wünschen sich viele Kolumbianerinnen heute lieber einen braven Deutschen. „Als Deutscher hat man im Vergleich zu Franzosen oder Spaniern gute Chancen bei den Frauen“, ist der Autor überzeugt. Denn Deutsche haben – zurecht oder auch nicht – den Ruf, sehr zuverlässig und treu zu sein: „selbst Frauen in Kenia haben bereits gehört – oder auch im Internet gelesen – dass deutsche Männer bereit sind, Kinderwagen zu schieben und Windeln zu wechseln. So etwas kennen sie von den eigenen Männern nicht.“

Viel hat er in Erfahrung gebracht über Liebes- und Heiratsrituale in aller Welt. Doch was sein eigenes Liebesglück anbelangt – da ist für Autor Peter Theisen der erhoffte Erfolg noch ausgeblieben: „Jetzt bin ich zurück in Deutschland und nach wie vor Single. Ich werde weitersuchen. Vielleicht nochmal auf Reisen gehen. Wahrscheinlich genügt ein Menschenleben gar nicht, um alles über die Liebe herauszufinden, was man so wissen müsste.“

MEHR zum Thema:

Interkulturelle Beziehungskiste (1) Flirten zwischen den Kulturen

Interkulturelle Beziehungskiste (2) Lost in translation

Flirten in Zeiten der Globalisierung

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One response

18 07 2013
Laura von darolo

Danke für den Buchtipp. Ich höre zum ersten mal davon. Klingt wirklich spannend!

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