Trollefüttern, Weltall und Sexspielzeug: Femcamp Linz

30 06 2013
SENDUNGEN: 
Matrix, Sonntag, 30. Juni 2013, 22:30 Uhr, Ö1
Digital.leben, Mittwoch, 26. Juni 2013, 16:55 Uhr, Ö1

Eigentlich hätte alles anders werden sollen mit dem Web 2.0. Dort könne sich jeder gleichermaßen beteiligen, Geschlechterstereotype würden im Netz keine Rolle mehr spielen. Und doch kam alles anders: Im Online-Universum ist alles genauso, wie im echten Leben: Sexismus ist Alltag in Foren, Computerspielen, sozialen Medien. Antifeministen starten aggressive Cyber-Attacken gegen Bloggerinnen und andere Frauenaktivistinnen. Wie man sich dagegen wehrt und welche Chancen das Netz für die Frauenbewegung bietet, darüber wurde Ende Juni in Linz diskutiert. Das oberösterreichische Frauennetzwerk „Bündnis 8. März“ hatte zum zweiten österreichischen FemCamp geladen – einem offenen Barcamp mit Frauenschwerpunkt.

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Frauen, bildet Cyberbanden!

Gewerkschafterinnen, Aktivistinnen des Linzer Frauenhauses und der katholischen Frauenbewegungen treffen auf Programmiererinnen, Social Media Expertinnen und Bloggerinnen. Die Idee hinter dem Linzer Femcamp: Frauenaktivistinnen – die vielleicht mit dem Netz bisher gar nicht viel am Hut hatten – mit netzaffinen Frauen zusammenbringen. Zum Beispiel mit Bloggerin Mahriah. Sie wurde am Femcamp motiviert, künftig Workshops zu Medienkompetenz für Frauen zu organisieren: „Weil ich mitbekommen haben, dass das für viele Frauen hier Neuland ist. Wie blogge ich? Wie nutze ich Twitter?“ Es sei wichtig, dass sich politisch aktive Frauen aller Generationen mit sozialen Kommunikationstechnologien vertraut machen, ist Mahriah überzeugt.

Es gehe darum, sich in der Cyberwelt mit anderen Feministinnen zu vernetzen – auch mit solchen, die man im echten Leben vielleicht gar nicht kennt. „Frauen, bildet Banden“ – lautete ein Motto der Frauenbewegung der 1970er Jahre. Und das passiert mittlerweile auch im Cyberspace. Vor kurzem wurde die Twitter-Kampagne #aufschrei mit dem deutschen Grimme Online-Award ausgezeichnet. Tausende Frauen hatten ihre Tweets mit diesem Schlagwort versehen und darin Alltagssexismus und sexuelle Belästigung angeprangert. Proteste von Frauen erhielten vor kurzem auch die Betreiber der Crowdfunding-Plattform Kickstarter.com. Dort hatte ein Autor 17.000 US-Dollar für ein Buchprojekt gesammelt, das geschmacklose Aufriss-Tipps enthielt – Im Sinne von: mach ruhig weiter, auch wenn sie sich wehrt. Im Grunde will sie es.

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Linux für Künstlerinnen
Völlig anders läuft das beim Linzer Verein servus.at. Simone Boria ist im Vorstand der Non-Profit-Organisation. Diese sieht sich als Schnittstelle zwischen Kunst und Technik. „Geschlechtergleichgewicht beginnt bei uns innerhalb des Vereins. Sowohl Team, wie auch Vorstand sind paritätisch besetzt. Verlässt eine Frau das Team, schauen wir, dass auch wieder eine Frau nachkommt.“ Servus.at stellt Speicherplatz und Webmail für oberösterreichische Kulturschaffende zur Verfügung und organisiert Workshops. Zum Beispiel: „Wie gestalte ich Blogs mit Drupal?“ oder „Linux für Frauen“. Vor ein paar Jahren war Linz Schauplatz des Eclectic Tech Carnivals – einem Treffen technikaffiner Frauen. Das Festival wurde ursprünglich von der niederländischen Frauenorganisation Genderchangers ins Leben gerufen und wird jedes Jahr in einer anderen europäischen Stadt ausgetragen. Am Eclectic Tech Carnival lernen Frauen von Frauen zum Beispiel wie man ein Motherboard zusammenbaut oder wie man sich Sexspielzeug bastelt, erklärt Simone Boria: „Dieser Sex Toy Workshop hat einen Do-it-yourself-Ansatz. Das heißt, es werden Teile benutzt, die eigentlich Abfallprodukte sind. Die werden dann in eine funktionierendes Sex Toy verwandelt. Dabei lernt man etwas über ganz einfache Technologien, über Elektronik. Und darüber, wie man Sachen zweckentfremden kann.“

Seit 2008 veranstaltet servus.at die jährlichen Linuxwochen Linz – kurz: Liwoli. Anders als der Name vermuten lassen würde, sitzt da aber nicht eine Gruppe männlicher Nerds in einem dunklen Raum zusammen, um zu programmieren. Liwoli ist ein Festival für Kunst und Open Source Software. Heuer musste das Liwoli allerdings abgesagt werden: die österreichische Regierung hatte dem Verein servus.at die Förderungen gekürzt.

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50 Jahre Frauen im Weltall
Mit Frauen und Technik beschäftigt sich auch Maria Pflug-Hofmayr am Linzer Femcamp. Genauer gesagt: mit Frauen, die in den Weltraum fliegen. Schließlich war es Mitte Juni genau 50 Jahre her, dass die erste Frau ins All flog. „Ich interessiere mich für den Weltraum seit ich ein Kind bin“, erzählt Pflug-Hofmayr, „mein erstes Astronomiebuch habe ich mit 9 Jahren gelesen. Und es hat mich seither einfach nicht mehr losgelassen.“ Allein die Mathematik war schuld, dass aus Maria Pflug-Hofmayr weder Astronautin noch Astrophysikerin wurde, sondern Graphik-Designerin. Ihre Agentur nannte sie meta-physik. Daneben betreibt sie die Astronomie-Seite Der Orion und übersetzt täglich die von der NASA gehostete Seite „Astronomy Picture of the Day“ auf Deutsch.

Walentina Tereschkowa hieß die russische Kosmonautin, die am 16. Juni 1963 ins Weltall flog. Ursprünglich war sie Arbeiterin in einer Textilfabrik. Doch dann bewarb sie sich bei der russischen Raumfahrtbehörde und wurde unter Tausenden ausgewählt. Mit Tereschkowa gelang den Sowjets ein riesiger Propaganda-Erfolg. Damals gab es ein Wettrennen zwischen den USA und der Sowjetunion um die Vormachtstellung im All – und auch um Rekorde. Parallel hatten auch die Amerikaner an einem Astronautinnen-Programm gearbeitet, erzählt Maria Pflug-Hofmayr: „Im Programm Mercury 13 hat ein Arzt versucht, herauszufinden, ob Frauen genauso gut für den Astronautenberuf geeignet wären, wie Männer.“ Einige Pilotinnen schnitten bei den schwierigen Tests besser ab als manche männliche Kollegen. Und doch wurde das Projekt schließlich abgedreht. „Es darf durchaus vermutet werden, dass das gesellschaftspolitische Gründe hatte“, glaubt Pflug-Hofmayr.

Körperausscheidungen in der Schwerelosigkeit
In den kommunistischen Staaten Osteuropas wurde es als völlig normal betrachtet, dass Frauen erwerbstätig sind. Und auch dass sie technische Berufe erlernen. Da hatten es die Kolleginnen im Westen schwerer, wie eine Doku über Mercury 13 zeigt. „Glauben Sie wirklich, dass Sie mit den Männern konkurrieren können? Und wieso gründet ein hübsches Mädchen wie Sie nicht lieber eine Familie?“ – wird eine angehende Astronautin von einem Reporter gefragt. Tatsächlich durfte erst 20 Jahre nach Tereschkowa – im Juni 1983 – die erste US-Amerikanerin ins Weltall: Sally Ride aus Los Angeles, Kalifornien.

Die Ausreden, warum Frauen keine guten Astronautinnen seien, waren vielfältig, erzählt Maria Pflug-Hofmayr: wegen der mangelnden technischen Begabung, wegen der Menstruation und der hygienischen Versorgung im All. Auf Raumstationen gibt es heute Toiletten mit Absaugvorrichtungen, erklärt Maria Pflug-Hofmayr: „Bei den ersten Raumflügen war es so, dass die eine Windel angezogen bekommen haben. Männer tragen einen Urinbeutel. In einer Raumkapsel kann man nach wie vor keine Toilette anbringen. Da hilft man sich, indem man möglichst wenig ist, bevor man wegfliegt.“

Unter Astrophysikern kursiert das Gerücht, Sally Ride hätte es ihren männlichen Astronauten-Kollegen abgewöhnt, ihre gebrauchten Unterhosen in der Schwerelosigkeit herumfliegen zu lassen, berichtet Maria Pflug-Hofmayr. Mittlerweile ist übrigens ein Viertel aller US-Amerikanischen Astronauten weiblich. Europa hat drei Frauen ins All geschickt, China zwei. Vergangene Woche gab die Taikonautin Wang Yaping Physikunterricht aus dem Weltall. 60 Millionen chinesische Schüler schauten zu, als sie per Videoübertragung den Unterschied zwischen Gewicht und Masse erklärte.

Von Hobby- und Profitrollen
Zurück in die unendlichen Weiten des Cyberspace. Auch da haben es Frauen nicht immer leicht – vor allem dann nicht, wenn sie sich frauenpolitisch äußern. Viele Netzfeministinnen berichten von aggressiven Anfeindungen durch Antifeministen. Zum Beispiel Heike Fleischmann: „Da kommen oft extreme Beleidigungen. Auch das Typische von wegen, eine hat zu wenig Sex und braucht nur den Richtigen. Das geht hin bis zu argen Vergewaltigungsandrohungen und Morddrohungen.“

„Trolle“, nennt man Menschen, die mit Begeisterung versuchen, andere im Netz zu provozieren und zu beleidigen. Sie melden sich gerne in Diskussionsforen und Sozialen Medien zu Wort und können eine sachliche Diskussion völlig zum Erliegen bringen. Femcamp-Mitorganisatorin und Social Media Expertin Lena Doppel unterscheidet hier: Hobby-Trolle und Profi-Trolle. Hobbytrolle regen sich ernsthaft über ein Thema auf – beispielsweise radikale Väterrechtler, die von einer negativen Erfahrung mit einer Frau traumatisiert sind. Profi-Trolle wiederum seien emotional kaum berührt und suchen ganz einfach ein leichtes Opfer: „Die Profitrolle schmeißen sich auf das, weil sie wissen, dass das Gegenüber leicht emotionalisierbar ist.“ Und da seien Frauen, die sich feministisch betätigen natürlich besonders häufig betroffen: „Sie haben das Gefühl, sie möchten an der Welt etwas verbessern, weil für sie etwas nicht in Ordnung ist. Da sind sie leicht emotionalisierbar.“

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Auch andere politische Themen – zum Beispiel Integration oder Tierschutz – ziehen Trolle magisch an. Der Begriff Troll hat übrigens gar nichts mit den hinterlistigen nordischen Fabelwesen gleichen Namens zu tun, erklärt Lena Doppel: „Der Begriff Trolling kommt von einer Form des Schleppfischens, wo ich einen Köder habe und damit versuche, möglichst viele Fische ins Netz zu holen. Genau das versucht auch der Troll. Er will Menschen verführen, emotional auf ihn zu reagieren. Das ist auch eine Art von Abschleppen.“

Grundsätzlich gilt die Regel: Trolle nicht füttern. Sprich: ihnen keine Emotionen geben. „Ich füttere einen Troll, wenn ich emotional auf ihn reagiere. Also, sobald ich versuche, ihn aufgeregt zu überzeugen oder ihn zu beleidigen“, erklärt Lena Doppel. Wobei das nicht heißt, dass man mit Trollen gar nicht kommunizieren darf: „Die Kommunikation mit einem Troll kann für die Zuschauer in den sozialen Medien ganz wichtig sein. Um ihnen zu zeigen: achtung, das ist ein Troll und wie gehe ich kühl und sachlich mit ihm um.“ Wobei man beachten müsse: nicht jeder, der eine andere Meinung hat, ist automatisch ein „Troll“, betont Doppel.  Beim Linzer Femcamp wurden die einfallenden Trolle mit Hilfe eines Programms von der öffentlichen Twitterwall verbannt. Sie waren also unsichtbar und bekamen keine Reaktion. Mangels Futter waren sie dann auch schnell wieder weg.

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