No nos vamos, nos echan – Spaniens Jugend ohne Zukunft

28 04 2013

SENDUNGEN: Digital.leben, Mittwoch, 27. März 2013, 16:55 Uhr, Ö1
Matrix, Sonntag, 28. April 2013, 22:30, Ö1

55,5 Prozent aller Spanier und Spanierinnen unter 25 Jahren sind derzeit arbeitslos. Die Krise treibt viele von ihnen ins Ausland – vor allem die gut ausgebildeten. Ein spanisches Internetprojekt möchte dieses Problem jetzt sichtbar machen. Die Protestbewegung „Juventud sin Futuro“ (Jugend ohne Zukunft) hat junge Exil-Spanier aufgerufen, auf einer interaktiven Weltkarte etwas über die Hintergründe ihrer Migration zu erzählen. „Wir gehen nicht von selbst – sie schmeißen uns raus“ – lautet das Motto. In den ersten vier Wochen haben sich bereits mehr als 7.000 Ausgewanderte dort eingetragen.

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Die Krise treibt junge Spanier ins Ausland

Der PR-Experte Dani (28) ist seiner Schwester ins irische Limerick gefolgt. Nachdem er in Spanien jahrelang vergeblich auf Jobsuche war, hofft er, in Irland mehr Glück zu haben. Ein 25-jähriger Barkeeper, der seinen echten Namen nicht verraten möchte, mixt seine Cocktails jetzt – als illegaler Schwarzarbeiter – in einer Bar in Argentinien. Die Architektin Rocío (26) hat einen Job in Wien gefunden, doch eigentlich wäre sie lieber bei ihrer Familie in Spanien. Mehrere Tausend solcher Geschichten findet man auf der spanischen Website: „No nos vamos – nos echan“ – was so viel heißt wie: wir gehen nicht von selbst, sie schmeißen uns raus.

„Viele meiner Freunde sind ausgewandert“, erzählt Eduardo Ocaña, „nach Argentinien, Polen, Neuseeland und die USA. Sie sind jetzt über die ganze Welt verstreut. Hier in Spanien herrscht eine sehr pessimistische Stimmung. Und das ist ansteckend.“ Eduardo Ocaña ist Sprecher von Juventud sin Futuro (Jugend ohne Zukunft). Die Gruppe hat sich vor zwei Jahren gegründet. Sie ist Teil der spanischen Protestbewegung der Indignados (der Empörten), auch genannt Movimiento M-15, nach dem Beginn der Proteste am 15. Mai 2011.

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Mapping the spanish diaspora
Mit dem Internetprojekt „No nos vamos, nos hechan“ wollten die Aktivisten den vielen spanischen „Wirtschaftsflüchtlingen“ eine Stimme geben – oder zumindest einen Punkt auf der interaktiven Landkarte der Website. Denn die Regierung tue so, als sei es reine Abenteuerlust, die junge Menschen massenhaft ins Ausland locke, kritisiert Ocaña. Außerdem wollten die Initiatoren der Seite erfahren, wie es den Exil-Spaniern dort im Ausland so ergeht. „Wir haben festgestellt, dass die Erwartungen oft enttäuscht werden. Viele sitzen dann zum Beispiel in Deutschland und haben prekäre Jobs, von denen sie auch kaum leben können. Geschweige denn, Geld zu ihrer Familie nach Hause schicken.“

Eduardo Ocaña ist 24 und lebt in Madrid bei seinen Eltern. Von einer eigenen Wohnung können die meisten jungen Spanier nur träumen. Die Mieten sind horrend, vor allem in den Städten. Wenn ein junger Mensch überhaupt Arbeit bekommt, dann bestenfalls prekäre Minijobs bzw. schlecht bezahlte Praktikumsplätze. „Keine Wohnung, keine Arbeit, keine Pension, keine Angst“ – so lautet das Motto der Protestbewegung Juventud sin Futuro. Es ist der Slogan einer Generation, die auf die Straße geht, weil sie nichts mehr zu verlieren hat – oder eben ins Ausland.

Die politisch Verantwortlichen
Die hohe Jugendarbeitslosigkeit sei jedoch nicht vom Himmel gefallen, sagt Eduardo Ocaña. Sie ist Ergebnis von falschen politischen Entscheidungen: „Es ist uns wichtig aufzuzeigen: Schuld an unserer Situation ist nicht nur die Krise. Schuld ist eine Sparpolitik, die uns Brüssel und Deutschland diktiert haben. Und unsere Regierung führt sie aus. Diese Politik verhindert, dass es Jobs für junge Menschen gibt.“

Eine Arbeitsmarktreform der spanischen Regierung hat es Unternehmen leichter gemacht, jüngere Arbeitskräfte vor die Tür zu setzen. Seit Ausbruch der Krise im Jahr 2008 sind in Spanien 3,5 Millionen Arbeitsplätze verloren gegangen. 90 Prozent davon waren die Jobs von Menschen unter 35 Jahren. Eduardo Ocaña hat Journalismus und PR studiert. Mitte März ging sein 9-monatiges Praktikum in der PR-Abteilung einer großen Firma zu Ende. Was jetzt?

Auch er selbst hat wenig Hoffnung, in seiner Heimat eine vernünftige Arbeit zu finden: „Ich glaube, der einzige Ort, wo ich derzeit als Journalist arbeiten kann, ist Lateinamerika  -wegen der Sprache. Ich bin bereits in Kontakt mit Freunden, die nach Argentinien und Venezuela ausgewandert sind. Ich werde versuchen, dort Arbeit zu finden, um meinen Eltern nicht länger auf der Tasche zu liegen.“ Das heißt, bald wird sich möglicherweise der Initator der Seite selbst als Punkt auf der interaktiven Landkarte von No nos vamos, nos echan eintragen.

Und Apropos Prekariat:
Petition gegen Ausbeutung der Freien MitarbeiterInnen im ORF

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Aktionen

Information

3 responses

4 05 2013
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No nos vamos, nos echan – Spaniens Jugend ohne Zukunft | Ulla Ebner…

21 04 2013
bodenfrost

Vielen Dank für den interessanten Bericht.

Eine klitzekleine Korrektur: das spanische Wort für hinauswerfen/verjagen lautet „echar“, ohne „h“. Das gilt für alle flektierten Formen dieses Verbs.

21 04 2013
ullae

jessasna. peinlich. stimmt! danke! schon ausgebessert. lg ullae

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