„Hay vidas en juego“ – Prekariat und Empörung auf der Iberischen Halbinsel

28 04 2013

SENDUNG: Matrix, Sonntag, 28. April 2013, 22:30 Uhr, Ö1

Immer mehr Spanier und Spanierinnen stehen auf der Straße. Sie können die Kreditraten für ihr Eigenheim nicht mehr bezahlen. In den vergangenen Jahrzehnten hatten sie sich Wohnungen oder Häuser gekauft und dafür langfristige Kredite aufgenommen. Doch dann kam die Krise.

cropped-Logo-Sisepuede3

Soziale Gräueltat Zwangsräumung

In einem Youtube-Video erzählen Betroffene ihre Geschichten: Von Kreditschulden, Druck durch die Banken und Zwangsdelogierungen. Geschichten, die die spanische Regierung lieber verschweigen würde. Seit dem Jahr 2008 wurden mehr als 170.000 Familien in Spanien zwangsdelogiert, erzählt die Aktivistin Iolanda Prats aus Valencia: „Bis zum November 2011 war diese Problematik gar nicht öffentlich bekannt. Die Betroffenen waren eingeschüchtert und verließen ihre Wohnungen still und heimlich. Ohne zu kämpfen.“

Doch seit damals, im November 2011 in Barcelona erstmals eine Menschenmenge eine solche Delogierung verhinderten, gibt es die Bewegung „Stop Desahucios“ (Stoppt Zwangsräumungen). „Wir bilden friedliche Meschenketten um Häuser, wo jemand zwangsdelogiert werden soll“, erzählt Iolanda, „und mit Hilfe der Kommunikationsmedien soll die Welt Zeuge werden, was für eine soziale Gräueltat so eine Zwangsräumung ist.“

Iolanda Prats ist Sprecherin der Plataforma de Afectados por la Hipoteca Valencia (Plattform der von Hypotheken Betroffenen) in Valencia. Die erste derartige Plattform entstand 2009 in Barcelona. Mittlerweile gibt es 130 in verschiedenen Städten des Landes. Sie vernetzen sich übers Internet und gehen gemeinsam auf die Straße.

Selbstmorde vor der Delogierung
Spanien hat die höchste Zahl an Zwangsräumungen in der gesamten EU: Mehr als 500 pro Tag. Gleichzeitig stehen 3,5 Millionen Wohnungen leer. „Die meisten davon gehören jetzt den Banken. Diese wiederum sind mit unserem Steuergeld gerettet worden, weshalb wir jetzt unter den Sparpaketen leiden müssen“, ärgert sich Iolanda Prats.

Hay vidas en juego“ – es stehen Leben auf dem Spiel. So nennt sich die Kampagne der Plattform, die mit Hilfe von Videobotschaften in sozialen Medien verbreitet wird. Im Februar zündet sich in Castellón eine 47-jährige Frau vor einer Bankfiliale selbst an. Kurz davor nimmt sich ein Ehepaar – Ende 60 – auf der Insel Mallorca das Leben. In Córdoba stürzt sich ein 36-jähriger Aktivist der Bewegung „Stoppt Zwangsräumungen“ aus dem Fenster seiner Wohnung im 4. Stock. Immer wieder berichten spanische Medien über Menschen, die sich umbringen, kurz bevor sie delogiert werden.

Das alles müsste nicht so sein, sagt Iolanda Prats von der Plattform der Hypotheken-Betroffenen. Spanien hat schlechte Gesetze und die Politik weigere sich, daran etwas zu ändern. Kann jemand seine Kreditraten für ein Haus oder eine Wohnung mehrere Monate lang nicht bedienen, wird sofort das Gericht eingeschaltet. Nach einem Jahr wird die Immobilie zwangsversteigert. Doch in Spanien herrscht Krise: In 90 Prozent der Fälle findet sich kein Käufer, erklärt Prats. Und das Haus fällt an die Bank – um 60 Prozent der Schulden. Die restlichen 40 Prozent schuldet man der Bank immer noch. Plus Verzugszinsen. Dazu kommen noch die Gerichtskosten. „Das heißt: im Endeffekt hat man gleich hohe Schulden, wie vorher. Nur das Haus ist weg und auch das Geld, das man bereits dafür gezahlt hat“, kritisiert Iolanda Prats.

„… aber sie wollen nicht“
Vor kurzem rügte der Gerichtshof der Europäischen Union die spanische Gesetzeslage: diese sei illegal. Die Plattform der Hypotheken-Betroffenen in Spanien fordert schon seit längerem eine Gesetzesänderung. Ihr Vorschlag umfasst drei Punkte: Erstens, verliert jemand sein Haus oder seine Wohnung an die Bank, sollte er schuldenfrei sein. Zweitens:

Der Staat soll soziale Mietwohnungen zur Verfügung stellen. Dafür soll er die tausenden leer stehenden Wohnungen verwenden, die den Banken gehören. Drittens: Zwangsräumungen sollen gestoppt werden, sofern es sich um den einzigen Wohnsitz einer Person handelt. 500.000 Unterschriften sind in Spanien für ein Volksbegehren nötig – 1,5 Millionen hat die Plattform gesammelt. Der Kongress muss sich demnächst mit dem Gesetzesvorschlag der Bürger befassen. Doch die Regierungspartei – die konservative Volkspartei PP – hat bereits angekündigt, dagegen zu stimmen. Daher hat die Plattform der Hypotheken-Betroffenen eine Kampagne gestartet, die sich speziell an das Gewissen der Abgeordneten der PP richten soll.

Die Aktivisten verschickten E-Mails und Videos mit Botschaften von Betroffenen an Abgeordnete. „Innerhalb von 48 Stunden haben wir mehr als eine Million Botschaften verschickt“, erklärt Iolanda Prats, „so etwas ist verdammt lästig.“

Darüber hinaus kontaktieren die Aktivisten die PP-Abgeordneten auch in der physischen Welt. Sie verabreden sich via Facebook und Twitter, ziehen gemeinsam vor das Büro oder Wohnhaus des entsprechenden Politikers, oder der entsprechenden Politikerin; sie empfangen diese bei öffentlichen Auftritten. Dabei tragen die Aktivisten Tafeln mit grünen und roten Kreisen. Im grünen Kreis steht „Sí, se puede“ (ja, man kann), auf dem roten „Pero no quieren“ (aber sie wollen nicht).

DL

MEHR zum Thema:

No nos vamos, nos echan: Spaniens Jugend ohne Zukunft

Und Apropos Prekariat:
Petition gegen Ausbeutung der Freien MitarbeiterInnen im ORF

ö1

Advertisements

Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: