Globales Heimatgefühl dank Internet?

25 04 2013

SENDUNG: Digital.leben, Donnerstag, 25. April 2013, 16:55 Uhr, Ö1

„Home“ nennt Facebook seine neue Smartphone-App. Sollen wir uns also zuhause fühlen, sobald wir im Netz sind? Inwiefern das Internet ein Globales Heimatgefühl vermittelt, dieser Frage ging Ende April auch eine Diskussionsveranstaltung aus der Reihe Twenty Twenty nach. Zu Gast in Wien war unter anderem die deutsche Sozial- und Medienwissenschaftlerin Kathrin Kissau. Sie hat erforscht, wie verschiedene Migranten-Communities in Deutschland das Internet nutzen, um sich sowohl mit ihrem Ursprungsland, wie auch miteinander zu vernetzen.

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Bikulturelle Online-Räume

Vernetzt und doch zerrissen seien Migranten heute, sagt Medienwissenschaftlerin Kathrin Kissau. Das Internet erleichtert es ihnen einerseits, die Verbindung mit der alten Heimat aufrecht zu erhalten: sie skypen mit Verwandten, lesen dortige Online-Zeitungen und sind über die neuesten Fernseh-Serien am Laufenden. Auf der anderen Seite bleibe ein gewisse Zerrissenheit, da sich viele nach wie vor auf mehrere Länder aufteilen müssen, erklärt Kissau: „Man hat ein Herkunftsland der Eltern und ein neues, in dem man entweder geboren ist oder schon lange lebt. Man fühlt sich beiden zugehörig, ist irgendwo in der Mitte.“ Und diesen Zwiespalt könne auch das Internet nicht völlig auflösen.

Allerdings entstehen im Internet häufig Räume, wo junge Menschen mit Migrationshintergrund zusammen kommen, erklärt Kissau. Denn oft fühlen sie sich weder von der einen, noch von der anderen Kultur völlig verstanden, können mit den Medien beider Kulturen nur zum Teil etwas anfangen. Im Netz tauschen sie sich über ihre bi-kulturellen Identitäten aus und entwickeln eine eigene Spielart, mit zwei Sprachen umzugehen und mit zwei Kulturen.

Single-Börsen und Polit-Aktivismus
Und manche Angehörige von Migranten-Communities möchten lieber einen Partner oder eine Partnerin aus der Ursprungskultur. Daher gibt es weltweit zahlreiche Singlebörsen für bestimmte Gruppen: muslima.net, indianmatch.org, immigrant-love.de. Diese Erfahrung macht Kathrin Kissau auch im Rahmen einer Befragung mit Migranten und Migrantinnen aus der ehemaligen Sowjetunion: „Viele von ihnen haben gezielt auf russisch-sprachigen Seiten nach Partnern gesucht. Es war ihnen wichtig, eine Beziehung zu haben mit jemanden, der auch aus der russischen Kultur kommt oder aus dieser bikulturellen Gemeinschaft.“

Natürlich könne man nicht sämtliche Migranten-Communities in einen Topf werfen, betont Kissau. Im Rahmen einer Studie hat sie exemplarisch das Online-Verhalten von der in Deutschland lebenden kurdischen Community, der türkischen und der russischen verglichen. Während letztere sehr stark russisch-sprachige Angebote nutzt, kommunizieren Deutsch-Türken häufig auf Deutsch miteinander. Kurden wiederum besuchen auch viele englisch-sprachige Räume. Gerade die kurdische Diaspora sei weltweit vernetzt und stark politisch aktiv, berichtet die Medienwissenschaftlerin.

Bei der russischen Community könne man kaum politisches Engagement im Netz beobachten, erklärt Kissau. Sie führt das auf die Nachwehen der ehemaligen Sowjetunion zurück: „Damals war man es gewohnt, über Politik nur heimlich in der Küche zu kommunizieren und offenbar gibt es bei vielen bis heute Hemmungen, sich öffentlich politisch zu äußern.“

Die falsche Angst der Politiker
Vielen europäischen Politikern ist es grundsätzlich nicht geheuer, wenn sich Migranten und Migrantinnen zu sehr mit der Herkunftskultur ihrer Vorfahren beschäftigen. Sie befürchten: das würde die Integration im neuen Heimatland behindern. Stimmt gar nicht, sagt Kathrin Kissau: „In Wahrheit hat man in den letzten Jahren festgestellt, dass viele Menschen über einen längeren Zeitraum intensiven Kontakt zum Herkunftsland haben und sich gleichzeitig aktiv in der neuen Gesellschaft integrieren.“

Gute Internet-Angebote für Zuwanderer sind selten, bedauert Kissau. Dabei könnten sie Integration auch erleichtern. Sie könnten den Menschen helfen, sich in der neuen Umgebung zu orientieren: Wie finde ich einen Job, wo gibt es Sprachkurse, wo treffe ich Menschen aus meinem Herkunftsland? Aber man müsse diese Seiten auch so gestalten, dass Menschen mit fremder Muttersprache damit etwas anfangen können. Deutsch lernen gut und schön. Aber Amtsdeutsch ist dann doch ein wenig viel verlangt. Vor allem gleich nach der Einreise.

Zuhause bei den Cyberfreunden
Kissau plädiert dafür, dass Gemeindewebsites prinzipiell mehrsprachig sein sollten – je nachdem, welche Migranten-Communities eben in der jeweiligen Gemeinde leben. Sie sollten die Chance haben, sich über Schulen, Wohnungen und Administratives in ihrer Muttersprache zu informieren. „Gleichzeitig sollte die Verwaltung auch einen Raum schaffen, wo Migranten in ihrer Muttersprache Anfragen stellen können.“ Abgesehen von ein paar kleinen Einzelbeispielen gebe es so etwas derzeit noch in keinem europäischen Land, sagt Kathrin Kissau.

Das, was viele Menschen mit Migrationshintergrund heute schon tun, werden wir früher oder später alle tun, glaubt die Kommunikationswissenschaftlerin: Wir suchen im Netz speziell jene Sozial-Kontakte, die wir in der physischen Welt nicht finden können: „Das heißt, dass man seine virtuelle Heimat findet, indem man sich Gesprächspartner für ganz spezielle Interessen online findet. Was es in der geographischen Umgebung nicht gibt, das gibt es bestimmt im Netz.“

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