Kolumbien: Das Dorf der Unbeugsamen

23 04 2013

SENDUNG: Journal Panorama, Dienstag, 22. April 2013, 18:25 Uhr, Ö1

Seit fast 50 Jahren tobt in Kolumbien ein bewaffneter Konflikt. Linke Guerillagruppen kämpfen gegen die kolumbianische Armee und gegen rechtsgerichtete paramilitärische Einheiten. Zwischen die Fronten geraten oft Kleinbauern, die im Konfliktgebiet leben. 600.000 Menschenleben hat der Krieg bereits gefordert, vier Millionen Menschen wurden vertrieben. Sie flüchten in die Städte, wo die Armenviertel anwachsen. In der nordwestlichen Provinz Antioquia hat eine Gruppe von Kleinbauern beschlossen, sich nicht von ihrem Land vertreiben zu lassen. 

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Malen gegen das Vergessen

Doña Brígida González malt Bilder aus Wasserfarben: hellblauer Himmel, giftgrüne Hügel. Daneben schwarze Strichmännchen mit Gewehren, am Boden liegen acht Menschen in roter Blutlache. „Wir müssen uns immer an diese Gräueltaten erinnern, damit sich die Geschichte nicht wiederholt“, erklärt die kleine rundliche Frau mit den weißen Zöpfen und lächelt dabei sanft. Sie ist Gründungsmitglied der Friedensgemeinde San José de Apartadó: einer neutralen Zone mitten in der Konfliktzone Urabá, im Nordwesten Kolumbiens. In den umliegenden Wäldern kämpft die linke Guerilla FARC gegen die kolumbianische Regierungsarmee und rechte Paramilitärs.

Von Gräueltaten weiß Doña Brígida genug zu berichten. In den 1990er Jahren übernahmen paramilitärische Gruppen die Kontrolle in der Region und verbreiteten Angst und Schrecken unter der Zivilbevölkerung. Sie folterten, mordeten und vertrieben Kleinbauern systematisch von ihrem Land. „Sie kamen in unser Dorf und sagten: ihr habt fünf Tage Zeit zu verschwinden. Dann bringen wir einen nach dem anderen um“, erzählt Berta Tuberquia. Gemeinsam mit 1.300 anderen Kleinbauern und -bäuerinnen beschloss sie damals, friedlichen Widerstand zu leisten. Die Bauern taten sich zusammen, bebauten in Großgruppen gemeinsam Feld für Feld und erklärten sich zur neutralen Zone. Heute erstreckt sich die Friedensgemeinde San José de Apartadó über ein weites, hügeliges Areal im tropischen Urwald Kolumbiens. Die meisten der zugehörigen Siedlungen sind nur zu Fuß oder mit dem Pferd erreichbar. Handgemalte Tafeln an den Eingängen listen die Regeln für die Mitglieder auf: einmal pro Woche an Gemeinschaftsarbeiten teilnehmen, Waffen verboten, keine Informationen an eine der kriegsführenden Gruppen weitergeben, keinen Alkohol trinken.

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„Die Guerilla hat ihre Wurzeln verloren“
Die bewaffneten Gruppen ließen sich davon zunächst wenig beeindrucken. Knapp 200 Aktivisten der Friedensgemeinde wurden seit ihrer Gründung im Jahr 1997 ermordet – darunter auch kleine Kinder. Die Täter wurden so gut wie nie bestraft. Etwa 90 Prozent der Taten wurde von Paramilitärs verübt, der Rest von der Guerilla, erzählt Bauer Montoya. Jede Seite habe die Bauern verdächtigt, mit der jeweils anderen unter einer Decke zu stecken. Der alte Mann trägt einen schwarzen Cowboyhut und hackt mit seiner Machete eine rote Kakaopflanze auf. Stolz zeigt er uns die üppigen Plantagen der Gemeinde: Bananen, Zuckerrohr, Kaffee, Bohnen. Das alles wächst hier ohne chemische Düngemittel. Was ihm Sorgen bereitet: Neuerdings versprühen Militärflugzeuge hier giftige Herbizide. Sie wollen benachbarte Koka-Plantagen vernichten, erwischen dabei aber auch Felder der Friedensgemeinde.

„Vor 30 Jahren haben wir Bauern alle mit der Guerilla sympathisiert“, erzählt Montoya. Doch die habe ihre Wurzeln längst verloren, kritisiert er: „Es geht ihr nur noch um Macht und Geld und sie ist im Drogenhandel aktiv“. Den Handel mit Kokain wollen auch die Paramilitärs kontrollieren. Diese privaten Söldnerarmeen werden von Drogenkartellen und Großgrundbesitzern finanziert, ihnen wird ein Naheverhältnis zum kolumbianischen Militär nachgesagt. „Wir sehen die Paramilitärs hier oft gemeinsam mit den Regierungssoldaten marschieren“, berichtet Montoya.

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Bodenschätze und Vertreibungen
Fast 50 Jahre dauert der bewaffnete Konflikt in Kolumbien bereits. Laut Schätzungen der Vereinten Nationen hat er 600.000 Menschenleben gefordert, vier Millionen Menschen wurden vertrieben. Die Region Urabá, im Nordwesten des Landes ist besonders umkämpft: Hier führt die Drogenschmuggelroute vorbei, Richtung Golf von Urabá. Außerdem gibt es Erdöl, Kohle und Coltan – ein Mineral, das in der IT-Industrie sehr begehrt ist. „Die Regierung will uns hier weghaben, weil sie es auf die Bodenschätze abgesehen hat“, ist Friedensaktivistin Doña Brígida überzeugt.

Um die Kleinbauern zu schützen, schickt der Internationale Versöhnungsbund – eine international tätige Friedensorganisation – Menschenrechtsbeobachter nach Kolumbien. Diese kommen meist aus den USA und Österreich. Die bewaffneten Gruppen machen einen großen Bogen um jene Dörfer, in denen Ausländer stationiert sind. Kolumbien ist besorgt, um seinen internationalen Ruf. Doch die internationalen Menschenrechtsbeobachter können nicht überall zugleich sein. Im Februar 2005 waren sie nur fünf Stunden Fußmarsch entfernt, als Paramilitärs im Dorf Mulatos auftauchten und acht Menschen massakrierten. Unter den Opfern: der damalige Sprecher der Friedensgemeinde, Eduardo Guerra, und seine Kinder. Doña Brígida hält all diese Ereignisse mit Wasserfarben fest. „Wir müssen uns immer an die Menschen erinnern, die ihr Leben für unsere Gemeinde gegeben haben“, sagt die alte Dame, „denn sie geben uns die Kraft, weiter Widerstand zu leisten.“

Text auch erschienen in: Die Presse am Sonntag

DL

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(c) Valentina Duelli

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8 11 2013
Kolumbien am Scheideweg. Ein Land zwischen Krieg und Frieden | Ulla Ebner

[…] Kolumbien. Das Dorf der Unbeugsamen […]

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