Als lebender Schutzschild in Kolumbien

22 04 2013

SENDUNG: Moment – Leben heute, Montag, 22. April 2013, 14:40 Uhr, Ö1

„Freiwillige gesucht für einen einjährigen Friedenseinsatz“. Immer wieder hat sie diese Anzeige des Internationalen Versöhnungsbundes gesehen, erzählt Elisabeth Rohrmoser: „Aber sie hat mich irrsinnig abgeschreckt. Denn da stand, man ist selbst für sein Leben verantwortlich“. Bei weiteren Recherchen zur kolumbianischen Friedensgemeinde San José de Apartadó stellte sie fest: in dem Gebiet sind Landminen vergraben und es existiert eine Reisewarnung des Außenministeriums. „Und ich hab mir gedacht: Nein, das ist mir zu heftig. Ich geh doch nicht wohin, wo ich mein Leben aufs Spiel setze.“ Und dann ging sie doch. Zehn Monate hat die Waldviertlerin Elisabeth Rohrmoser im Bergdorf La Union, in den Urwäldern Kolumbiens verbracht, als Menschenrechtsbeobachterin im Auftrag des Internationalen Versöhnungsbundes.

(c) Elisabeth Rohrmoser

„Einige würden nicht mehr existieren“
Seit fünf Jahrzehnten tobt in Kolumbien ein blutiger Bürgerkrieg. Zwischen die Fronten geraten häufig Kleinbauern, die in den Konfliktzonen leben. Mitten im Kriegsgebiet in der nördlichen Region Urabá hat eine Gruppe Bauern beschlossen, sich nicht von bewaffneten Gruppen vertreiben zu lassen. Sie haben eine Friedensgemeinde gegründet – quasi eine neutrale Zone, in der Bewaffnete unerwünscht sind. „Ohne die internationale Unterstützung wäre unsere Gemeinde längst ausgelöscht worden. Einige von uns würden gar nicht mehr existieren – so wie viele ehemalige Mitstreiter, die ermordet wurden“, sagt Javier Sanchez Higuita, Mitglied der Friedensgemeinde.

Um nach La Unión zu gelangen, braucht man eine gute Kondition oder ein Pferd. Das Dorf liegt auf einem Hochplateau mitten im grünen Dschungel Kolumbiens. Die Luftfeuchtigkeit ist unbeschreiblich. Straße führt keine hier herauf. Vom Weg abkommen sollten man auch nicht – denn im Wald sind Landminen vergraben. „Die erste Woche war wirklich sehr hart“, erinnert sich Elisabeth Rohrmoser. Nächtelang lag sie wach, konnte die vielen unbekannten Geräusche nicht einordnen. „Ich habe damals zum Beispiel Tiergeräusche anders interpretiert und mir eingebildet, da ist gerade ein Kampf im Gang. Ich hatte Angst.“

(c) Johannes Schmidt

Spinnen unter der Dusche
La Unión ist eines von mehreren abgelegenen Dörfern, die zur Friedensgemeinde San José de Apartadó gehören. Diese erstreckt sich über ein weitläufiges, hügeliges Areal. An den Eingängen sind große Tafeln aufgestellt. Darauf die Regeln der Friedensgemeinde: an den Gemeinschaftsarbeiten teilnehmen, keine Waffen tragen, keine Informationen an Bewaffnete weitergeben, keinen Alkohol trinken. Schon in den ersten Tagen ihres Aufenthalts beginnt Elisabeth Rohrmoser, einen Internetblog zu schreiben, um all die neuen Eindrücke zu verarbeiten:

In den letzten Nächten habe ich kaum geschlafen. Es ist schwer, mich sicher zu fühlen in dem Holzhaus. Wir haben Militärs am Weg gesehen. Hubschrauber fliegen quasi jeden Tag in der Nähe. Es ist die ganz normale Kriegssituation. Gina und Emily schlafen mit Ohrenstöpseln. Ich will so viel wie möglich mitkriegen. Aber wenn das so weitergeht, werde ich das auch mit den Stöpseln versuchen. (Blogeintrag, 8.9.2011)

Zur selben Zeit sind noch zwei US-amerikanische Beobachterinnen in La Unión. Nach wenigen Wochen weiß Elisabeth Rohrmoser Bescheid, wo sich gerade die FARC – die linke Guerilla – in den Wäldern verschanzt hält, wo Einheiten der Regierungsarmee sind und wo Lager der rechtsgerichteten paramilitärischen Truppen. Die Ausländer scheinen für alle bewaffneten Gruppen tabu zu sein. Elisabeths Angst verflüchtigt sich. Mit anderen Dingen hat sie noch länger zu kämpfen. Zum Beispiel mit den hygienischen Bedingungen im Dorf: „Es hat mich schon gestört, mich in der Anwesenheit von Spinnen zu duschen, auch die Gerüche und die Tatsache, dass wir unseren Müll selbst verbrennen müssen.“

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Vertreibungen und Massaker
Im Dorf laufen Kühe, Pferde und Schweine frei herum. Die Hähne beginnen zu krähen, bevor die Sonne aufgeht. Die drei Menschenrechtsbeobachterinnen sind in einem einfachen kleinen Holzhaus untergebracht. Privatsphäre gibt es da kaum. Wäsche wird mit der Hand gewaschen. Zu trinken gibt es abgekochtes oder gefiltertes Quellwasser. Häufig hat es einen starken Eigengeschmack. Wird hier oben jemand ernsthaft krank, wird er von den Dorfbewohnern in einer Hängematte den Berg hinunter getragen.

Im Moment frage ich mich, ob ich wirklich so leben will. Ob ich mir von allen wunderbaren Orten, die es auf der Welt gibt, dieses Dorf aussuche, weil es mich braucht? Weil es internationale Präsenz braucht? (Blogeintrag, 8.9.2011)

Die Bewohner der Friedensgemeinde San José de Apartadó lieben ihre Berge und Wälder, ihre üppigen Kakao- und Bananenplantagen. Um nichts auf der Welt wollen sie sich von hier vertreiben lassen. Sie kooperieren mit keiner der bewaffneten Gruppen – und werden deshalb von allen als Feinde betrachtet. Noch dazu gibt es hier Bodenschätze. Paramilitärs haben in der Vergangenheit mehrere Massaker in Dörfern der Friedensgemeinde angerichtet – auch Regierungssoldaten sollen daran beteiligt gewesen sein. Die Täter wurden nie bestraft.

Schreckliche Dinge möchten gerne vergessen werden. Wir wollen hinsehen auf die Geschichte dieses Dorfes. Es gibt so viele verlassene Häuser, in denen einst Leute wohnten, die gehen mussten oder getötet wurden. Jeder im Dorf hat so viel zu erzählen. Ich darf das alles aufsaugen und weitertragen. Ich will es schaffen, mich auf das Hören der Leute zu konzentrieren, anstatt auf die Kriegsgeräusche. (Blogeintrag, 9.9.2011)

Die internationalen Menschenrechtsbeobachterinnen dokumentieren alles und informieren ausländische Botschaften: Wann es Kampfhandlungen gegeben hat, wo Hubschrauber geflogen sind, welche Drohungen gegen die Friedensgemeinde ausgesprochen wurden.

(c) Valentina Duelli

Die Gefahr der ersten Reihe
„Wir haben viele Jahre hart gekämpft. Aber immer noch ist es so: Wir, die wir in der ersten Reihe stehen sind besonders gefährdet“, erzählt Berta Tuberquia. Sie ist Mitglied des Consejo, des Gemeinderats der Friedensgemeinde, „oft sind wir müde und haben Angst. Doch es macht uns Mut, zu wissen: wir haben die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft.“

Die Führungspersonen der Friedensgemeinde erhalten immer wieder Morddrohungen. Wann immer sie weite Wege zurücklegen müssen, bekommen sie Begleitschutz. Alle ein bis zwei Wochen musste Menschenrechtsbeobachterin Elisabeth Rohrmoser weite Wanderungen durchs Gelände unternehmen. Mit Schaudern erinnert sie sich an eine Begleitung vergangene Weihnachten – zum Höhepunkt der Regenzeit. „Der Weg war total aufgeweicht, die Gummistiefel blieben volle Länge im Gatsch stecken. Wir sind sieben Stunden gegangen. Ich hatte blutige Blasen, weil Schlamm und Steine in meinen Stiefeln waren.“

Damals begleitete sie Padre Javier Giraldo in das abgelegene Dorf Mulatos. Dieses war im Jahr 2005 Schauplatz eines Blutbades. Paramilitärs hatten damals acht Menschen, darunter den Gründer Luis Eduardo Guerra und zwei seiner Kinder, massakriert. Der Jesuitenpater ist einer der Gründungsmitglieder der Friedensgemeinde San José der Apartadó und unterstützt diese nach wie vor. Zu Weihnachten hält er die Messe an diesem symbolträchtigen Ort.

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Respekt vor den Gringos
Elisabeth Rohrmoser hat an der Universität Innsbruck einen Masterlehrgang in Friedens- und Konfliktforschung absolviert. Für ihren Einsatz in Kolumbien wurde sie in einem mehrwöchigen Training vorbereitet – unter anderem in den USA. In Rollenspielen hat sie diverse brenzlige Situationen eingeübt. Seit zehn Jahren schickt der Internationale Versöhnungsbund Freiwillige in die kolumbianische Friedensgemeinde San José de Apartadó – die meisten kommen aus den USA oder aus Österreich.

Davor waren kolumbianische Menschenrechtsbeobachterinnen in La Unión stationiert – Nonnen, die von der Diözese Apartadó geschickt worden waren: „Doch vor ihnen hatten die Bewaffneten keinen Respekt. Sie massakrierten uns trotzdem“, erzählt der Kleinbauer Huevito, „Mit den internationalen Beobachtern ist das anders: die Militärs haben Angst, dass sie im Ausland Bericht erstatten und dann vielleicht ausländische Gelder wegbleiben. Wenn sie uns am Feld treffen, fragen sie immer: Sind die Gringos im Dorf? Und – egal ob es stimmt oder nicht – wir sagen immer: ja, sie sind da.“

Die permanente Bestätigung durch die Dorfbewohner und -bewohnerinnen habe ihr die meiste Kraft gegeben, erzählt Elisabeth Rohrmoser: „Ich habe sehr bald gespürt, wie sehr die Menschen es schätzen, dass ich da bin. Dieser direkte Kontakt zu den Menschen ist mir sehr abgegangen, als ich später ins politische Team nach Bogotá gewechselt habe.“ Seit ein paar Monaten ist Elisabeth Rohrmoser wieder zurück in Österreich. Doch ihre Nachfolgerin – eine 37-jährige Oberösterreicherin – hat bereits das Holzhaus in La Unión bezogen.

DL

(c) Valentina Duelli

(c) Valentina Duelli

(c) Johannes Schmidt

(c) Johannes Schmidt

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8 11 2013
Kolumbien am Scheideweg. Ein Land zwischen Krieg und Frieden | Ulla Ebner

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