Kolumbien: Schwierige Friedensgespräche

16 03 2013

SENDUNG: Ö1 Morgenjournal, Samstag, 16. März 2013, 7:00 Uhr /
Ö1 zum Nachhören

Seit fast 50 Jahren tobt in Kolumbien ein bewaffneter Konflikt zwischen der Regierung und linksgerichteten Guerilla-Gruppen. Der jetzige Präsident Juan Manuel Santos hat die ehrgeizigen Pläne, dem jahrzehntelangen Krieg ein Ende zu bereiten – was ihm vor kurzem sogar eine Nominierung für den Friedensnobelpreis beschert hat. Seit November finden in der kubanischen Hauptstadt Havanna Friedensgespräche statt mit der größten kolumbianischen Guerilla: den FARC. Ähnliche Versuche in den 1980ern und 90ern sind gescheitert. Wie die Chancen stehen, dass die Konfliktparteien diesmal ein nachhaltiges Friedensabkommen zustande bringen, darüber haben wir in Bogotá mit dem Oppositionspolitiker Iván Cepeda gesprochen. Er ist im kolumbianischen Kongress Sprecher der Arbeitsgruppe für die Friedensverhandlungen.

Foto (c) Valentina Duelli

Streitthema Landverteilung

Es ist ein historischer Moment für Kolumbien, glaubt der Oppositionspolitiker und Menschenrechtsexperte Iván Cepeda: Zum ersten Mal in der Geschichte des fast 50-jährigen Konflikts würden es beide Verhandlungsparteien ernst meinen mit dem Frieden. Die Gespräche haben im November auch gleich mit einem extrem heiklen Thema begonnen: Punkt 1 der Verhandlungsagenda ist das Thema ländliche Entwicklung. In diesem Zusammenhang wird auch über eine mögliche Agrarreform gesprochen. „Regierung und FARC sprechen derzeit bereits ganz konkret über ein Territorium von etwa 8 bis 9 Millionen Hektar“, sagt Cepeda. Natürlich werde das Abkommen das generelle Problem der ungleichen Landverteilung in Kolumbien nicht lösen, „aber zum ersten Mal in der der Geschichte sind Teile der Elite dieses Landes bereit, irgendetwas herzugeben.“

Die linke Guerilla FARC entstand in den 1960er-Jahren aus einer Bewegung von Kleinbauern und Landlosen, die eine Neuverteilung von Grund und Boden forderten. Auch heute kontrollieren Viehzüchter, Agroindustrielle, Drogenhändler und multinationale Bergbaukonzerne den Landbesitz in Kolumbien. 1,4 Prozent der Landbesitzer verfügen über zwei Drittel der landwirtschaftlichen Fläche. Etwa 4 Millionen Kleinbauern wurden in den vergangenen 50 Jahren von ihrem Land vertrieben. Erste Ergebnisse der Friedensgespräche: Besitztitel werden neu erfasst, illegal angeeignetes Land soll zurückgegeben und an Landlose verteilt werden. Wie das dann in der Praxis ausschauen wird, bleibt abzuwarten.

Foto (c) Negar Roubani

Die Rechte gegen Verhandlungen mit „Terroristen und Banditen“
Und doch könnte der Friedensprozess noch scheitern, betont Iván Cepeda. Es gibt mächtige Gruppen im Land, die die Verhandlungen lieber abbrechen möchten: „Die sammeln sich rund um den Ex-Präsidenten Álvaro Uribe Vélez. Sie sagen: Man könne sich nicht mit Terroristen an einem Tisch setzen. Und man dürfe auf keinen Fall zulassen, dass diese eine politische Kraft im Land werden.“

Einst waren der jetzige Präsident Juan Manuel Santos und sein Vorgänger Uribe Weggefährten, heute sind sie politische Gegner. Die konservativen Kräfte um Uribe machen in den Medien Stimmung gegen den Friedensprozess. Für Präsident Santos steht viel auf dem Spiel: 2014 wird in Kolumbien gewählt, seine politische Zukunft hängt vom Erfolg der Friedensverhandlungen ab. Bis November will er ein Abkommen zustande bringen. Denn da beginnt der Wahlkampf, erklärt der Kongressabgeordnete Iván Cepeda: „Dieses Datum ist ein wenig utopisch, quasi ein Rennen gegen die Zeit. In wenigen Monaten einen 50-jährigen Konflikt zu lösen – das ist schwierig.“

Die übersehene Guerilla
Ein weiteres Problem ist – laut Iván Cepeda: die Regierung verhandelt bis jetzt nur mit den FARC – nicht aber mit der zweiten Guerilla-Gruppe in Kolumbien, der ELN. Und die macht in letzter Zeit durch Entführungen auf sich aufmerksam. Bis vor kurzem hielt sie zwei deutsche Touristen fest. Ein Kanadier – Mitarbeiter einer kanadischen Bergbaufirma – befindet sich immer noch in ihrer Gewalt. „Die ELN ist zwar nicht so stark wie die FARC, aber auch sie kontrolliert ein bestimmtes Territorium“, so Cepeda, „es wird keinen Frieden geben, wenn man ihn nur mit einer Gruppe schließt, und nicht gleichzeitig mit der zweiten historischen Guerilla im Land.“

Auch in den kommenden Monaten stehen in Havanna heikle Themen am Programm. Zum Beispiel: Unter welchen Bedingungen werden die FARC, ihre Waffen niederlegen und sich in eine politische Partei verwandeln? Wird ihnen Straffreiheit für begangene Menschenrechtsverletzungen garantiert? Und was passiert mit ihren größten Feinden: den rechten paramilitärischen Gruppen, denen Verbindungen zu Militär, Großgrundbesitzern und Drogenhandel nachgesagt werden?

Die FARC sind diesbezüglich gebrannte Kinder: Bereits in den 1980er-Jahren hatten die Guerilleros die Waffen weggelegt und eine politische Partei gegründet – die Unión Patriótica. In der Folge wurden Tausende Mitglieder dieser linken Partei von Paramilitärs ermordet. Darunter der Vater von Iván Cepeda. Während die Führungskräfte in Kuba am Verhandlungstisch sitzen, gehen in Kolumbien selbst die Gefechte weiter. Ein einseitig ausgerufener Waffenstillstand der FARC ist am 20. Jänner abgelaufen.

Foto (c) Valentina Duelli

MEHR zu Kolumbien:

Reisetagebuch Kolumbien: Die Wurzeln unseres Übels

ö1

Petition gegen Ausbeutung der Freien MitarbeiterInnen im ORF. HIER UNTERSCHREIBEN!

Advertisements

Aktionen

Information

4 responses

8 11 2013
Kolumbien am Scheideweg. Ein Land zwischen Krieg und Frieden | Ulla Ebner

[…] Kolumbien: Schwierige Friedensgespräche […]

23 04 2013
Kolumbien: Das Dorf der Unbeugsamen | Ulla Ebner

[…] Kolumbien: Schwierige Friedensgespräche […]

22 04 2013
Als lebendes Schutzschild in Kolumbien | Ulla Ebner

[…] Kolumbien: schwierige Friedensgespräche […]

20 04 2013
Kolumbien: Schwierige Friedensgespräche mit FARC Info Stand 19ter April | Chirimoya Tours Peru Reiseveranstalter

[…] SENDUNG: Ö1 Morgenjournal, Samstag, 16. März 2013, 7:00 Uhr / Ö1 zum Nachhören Seit fast 50 Jahren tobt in Kolumbien ein bewaffneter Konflikt zwischen der Regierung und linksgerichteten Guerilla-Gruppen. Der jetzige Präsident Juan Manuel Santos hat die ehrgeizigen Pläne, dem jahrzehntelangen Krieg ein Ende zu viaKolumbien: Schwierige Friedensgespräche | Ulla Ebner. […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: