Reisetagebuch Kolumbien: Die Wurzeln unseres Übels

22 02 2013

Oder: Warum ich Colonel Daza niemals begegnet bin

Hinterher wird sehr viel Ursachenforschung betrieben. Magda und ich haben zunächst die Tintenfische in Verdacht, die wir uns – frisch zurück in der Zivilisation – im Restaurant Kiwi in der Kleinstadt Apartadó geteilt haben.

(c) Johannes Schmidt

Negar vermutet am selben Abend noch eine verhängnisvolle Kombination aus Fruchtsäften, Burgern und Brownies mit Vanille-Eis als Ursache. Wir alle waren jedenfalls der Meinung, viel Kraft tanken zu müssen, während wir uns auf das Treffen mit der 17. Militärbrigade am folgenden Tag vorbereiteten. Colonel Daza, der Vize-Kommandant, soll ein harter Knochen sein, haben wir gehört. Er verdächtigt die Bauern der Friedensgemeinde San José de Apartadó gerne, mit der Guerilla unter einer Decke zu stecken. Er wird versuchen, uns ständig das Wort abzuschneiden, heißt es.

In kleinen Arbeitsgruppen gehen wir – dort im Restaurant Kiwi – die letzten paar Kommuniqués der Friedensgemeinde durch und notieren Vorkommnisse, die wir gegenüber dem Militärkommando ansprechen sollten: Bedrohungen der Gemeindemitglieder durch Paramilitärs, Gefechte im Ort San José zwischen FARC und Militär, bei denen Zivilisten zwischen die Schusslinien geraten sind, Unfälle durch Landminen, Giftsprühaktionen aus der Luft, die angeblich gegen Kokapflanzen gerichtet sind, aber so nebenbei auch die Ernte der Bauern zerstören. Wir machen uns Notizen, essen viel und: endlich wieder Bier! (PS: In der Friedensgemeinde herrscht Alkoholverbot…)

(c) Johannes Schmidt

La Unión – ein Dorf der Friedensgemeinde San José de Apartadó: Die Hähne können einem das Morgengrauen zur Hölle machen. Kräht einer, krähen sie alle…

Gegen die Kiwi-Thesen spricht die Tatsache, dass die kollektive Unpässlichkeit als erstes Antonia heimgesucht hat – die deshalb an jenem Abend gar nicht mehr zugegen war. Sie selbst vermutet die Ursache des Übels bereits in La Unión, also in jenem Bergdorf der Friedensgemeinde, wo wir die drei Tage davor verbracht hatten (und wo Alkohol verboten ist). Genauer gesagt: in den hartgekochten Eiern, die in dem bunt gemischten Pfannengericht drinnen waren, das wir am letzten Abend vor dem Abstieg gegessen hatten. Dabei könnte es sich um jene hartgekochten Eier gehandelt haben, die tags davor beim Frühstück übrig geblieben sind, mutmaßt Antonia. Kühlschrank gibt es keinen im Dorf und wie lange Eier in diesem heiß-feuchten Tropenklima ungekühlt genießbar bleiben, darüber sind die Meinungen geteilt.

Foto (c) Johannes Schmidt

Johannes wiederum ist das gefilterte Wasser nicht geheuer, das wir in La Unión aus dem Büro (sprich: Holzhaus) der Menschenrechtsbegleiter vom Fellowship of Reconciliation (FOR) geholt haben. Unsere gekauften Trinkwasservorräte (abgefült von Coca Cola) waren ja an jenem letzten Tag bereits aufgebraucht und irgendetwas mussten wir trinken, als wir in brütender Hitze vom Friedensdorf La Unión (in Gummistiefeln) in die Stadt Apartadó hinunter gewandert sind. Scheußlich geschmeckt hat das Filterwasser außerdem – was es für Johannes umso verdächtiger macht.

Drei FOR-Aktivisten leben ständig dort im Dorf – quasi als lebende Schutzschilder, um Bauern vor Übergriffen durch Paramilitärs zu schützen. Sie können nicht ständig ihre gesamten Trinkwasservorräte den Berg hinauf schleppen. Nach La Unión gelangt man nur zu Fuß oder mit dem Pferd – Straße gibt es keine. Bis in die nächste Stadt, in der man etwas einkaufen kann (Apartadó), sind es mehrere Stunden. Doch bis jetzt hat das gefilterte Wasser noch nie Probleme verursacht, versichern Elisabeth und Isaac. An den Geschmack gewöhnt man sich auch mit der Zeit. Angeblich. Die beiden haben etwa ein Jahr lang in La Unión gelebt.

(c) Negar Roubani

AktivistInnen aus den USA und Österreich leben im Bergdorf La Unión. Sie schützen die Bauern vor Übergriffen und berichten über Menschenrechtsverletzungen.

Edi, der Augenarzt, glaubt nicht, dass es überhaupt irgendetwas mit Essen oder Trinken zu tun hat: Er hält einen Virus für wahrscheinlicher. Die wahren Ursachen für unser Übel werden wohl nie ans Tageslicht kommen. Als sich jedenfalls die Delegation am Vormittag nach dem Kiwi-Abend mit Colonel Daza, dem Vize-Kommandanten der 17. Militärbrigade in Apartadó trifft, hänge ich bereits über der Klomuschel im Hotel und kotze mir die Seele aus dem Leib. Zu diesem Zeitpunkt haben das drei von uns bereits hinter sich. Den (meisten) anderen steht es noch bevor. Auf dem Weg zurück nach Bogotá trifft es einen nach der anderen: am Flughafen, im Flieger, im Hotel in Bogotá. Die kurvenreiche Autofahrt zwischen den beiden Flughäfen in Medellín (wo wir umsteigen) wird zum Härtetest. Isaac hat vorsorglich schwarze Plastiksäcke an alle Verdächtigen verteilt.

„Oben oder unten?“ wird zur meistgestellten Frage der folgenden Tage. Detailreich unterhalten wir uns beim Frühstück über die zum Vorschein gekommenen Inhalte unseres Magen-Darm-Trakts. Jene von uns, die trotzdem am Delegationsbesuch bei der 17. Brigade teilnehmen konnten, erlebten dann dort offenbar eine militärische Charme-Offensive. Streichelweich und höflich soll er diesmal gewesen sein, der Colonel Daza.

 

Am Eingang zur Friedensgemeinde werden die Regeln klargelegt: keine Waffen, keine Zusammenarbeit mit bewaffneten Gruppen, kein Alkohol.

Am Eingang zur Friedensgemeinde werden die Regeln klargelegt: keine Waffen, keine Zusammenarbeit mit bewaffneten Gruppen, kein Alkohol.

kol08

„Früher haben wir alle mit der Guerilla sympathisiert. Aber die FARC haben ihre Ideale längst verloren“. Die Bauern der Friedensgemeinde geben keine Informationen mehr an bewaffnete Gruppen weiter – weder an die rechten noch an die linken.

kol05

Brigida lebt in La Holandita – einem anderen Dorf der Friedensgemeinde. Sie malt Bilder gegen das Vergessen. Zum Beispiel über Massaker, die in der Friedensgemeinde stattgefunden haben.

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„Niemals werden wir vergessen.“

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