Sexismus im Netz: Raue Sitten am virtuellen Stammtisch

5 02 2013

SENDUNG: Digital.leben, Dienstag, 5. Februar 2013, 16:55 Uhr, Ö1

„Für jede Mail, in der eine Frau beschreibt, durch #aufschrei selbstsicherer und froher geworden zu sein, nehme ich gerne 10 Hassmails an“, sagt Nicole von Horst, eine der Initiatorinnen der aktuellen Sexismus-Debatte. Die meisten der unter dem Hashtag #aufschrei verfassten Tweets beziehen sich dabei auf Erfahrungen im echten Leben. Wie es mit Sexismus speziell in der Cyberwelt ausschaut, wollte die Bloggerin Karin Ortner wissen. Sie hat netzaktive Frauen befragt, in welchem Ausmaß sie untergriffige und sexistische Reaktionen auf ihre Beiträge bekommen.

aufschrei

Du Kampfemanze!

Karin Ortner bloggt und diskutiert gerne in Online-Zeitungsforen zur Wirtschaftskrise, zu Asylpolitik – und ja, manchmal auch zu Frauenthemen. Sie selbst bemüht sich stets um einen sachlichen Ton, versichert sie, doch was zurückkommt, ist oft unter der Gürtellinie: „Du Kampfemanze, was willst du denn!“ Und dabei ist es auch gar nicht so wesentlich, zu welchen Themen man gerade diskutiert, so Ortner: „Es kann passieren, dass man zum Beispiel zum Thema Rassismus schreibt und plötzlich kommt eine frauenfeindliche Geschichte zurück.“

Karin Ortner wollte wissen, ob es nur ihr so ergeht. Und daher hat sie – im Rahmen ihres Studiums der Webwissenschaften an der Universität Linz – eine Onlinebefragung unter Bloggerinnen, Twitterinnen und Forendiskutantinnen gestartet. Dabei handelt sich nicht um eine repräsentative Studie, sondern um ein Stimmungsbild. Mehr als 200 netzaktive Frauen nahmen an der Befragung teil. Fazit: Die Mehrheit der Frauen ist überzeugt davon, dass man im Netz häufiger angefeindet wird, wenn man sich als Frau politisch äußert, als wenn ein Mann zu denselben Themen etwas postet. Manche Userinnen legen sich daher geschlechtsneutrale Nicknames zu.

Maskulinistenkontakt im freien Feld
Reizthema Nummer eins für viele Männer ist – wenig überraschend – alles rund um die Gleichberechtigung der Geschlechter. Da gibt es im Netz eine kleine – aber höchst aktive – Gruppe von Maskulinisten, die sich auf feministischen Blogs und Foren so richtig austoben. Subjektiv haben viele Frauen das Gefühl, im Netz häufiger sexistisch angefeindet zu werden als in der physischen Welt. Doch das Netz spiegelt nur die Gesellschaft wider, meint Karin Ortner. Der Unterschied: im echten Leben können wir uns aussuchen, mit wem wir Kontakt pflegen. Auf Twitter oder in Foren bewegt man sich auf einem offenem Feld und da entstehen ganz neue Möglichkeiten des Kontakts.

Online-Foren von Zeitungen sind quasi der virtuelle Stammtisch des Internets. Ob Boulevard- oder Qualitätsmedien macht kaum einen Unterschied. Das Temperament geht hier besonders oft durch. Vielleicht auch, weil man im Netz meist anonym ist. Häufig wird daher über eine Klarnamenpflicht diskutiert. Sprich: UserInnen müssten sich dann mit ihrem echten Namen anmelden, statt als „Meister Proper“ oder „Postingname 77“.

Aufschrei im Internet
Die meisten der befragten Cyberaktivistinnen hält das eher für sinnlos, berichtet Karin Ortner. Wobei es hier einen generationsbedingten Unterschied gibt: „Die jüngeren Frauen, die stark in Social Media aktiv sind, sind massiv für die Beibehaltung der jetzigen Regelung – also gegen Klarnamen. Die älteren sind eher für Klarnamen.“ Die Mehrheit der Befragten wünscht sich aber mehr Kontrolle durch die Forenbetreiber und Medienkompetenz als Unterrichtsfach in der Schule.

Frauen reagieren unterschiedlich auf Untergriffe im Netz: Manche versuchen, sachlich weiter zu diskutieren, andere ziehen sich frustriert zurück. Und einige prangern Sexismus lautstark an. Zigtausende Frauen twittern sich seit über einer Woche ihren Frust über Alltagssexismus von der Seele. „Aufschrei“ heißt das Schlagwort.

Die Reaktionen darauf sind geteilt. Manche Männer schicken Solidaritäts-Tweets. Andere posten reichlich Unflätiges. „Sexismus ist in unserer Gesellschaft noch so verankert, da muss man noch sehr viel aufbrechen, um Debatten um Alltagssexismus führen zu können“, meint Karin Ortner. Die #aufschrei-Kampagne hält sie aber jedenfalls für eine „ganz geniale Sache“.

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2 responses

18 03 2013
Femcamp | Ulla Ebner

[…] Sexismus im Netz – Raue Sitten am virtuellen Stammtisch […]

16 03 2013
Sexismus im Netz – Zusammenstellung der Reaktionen auf meine Onlinebefragung | Karins Notizen

[…] Ulla Ebner: Sexismus im Netz, Raue Sitten am virtuelle Stammtisch […]

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