Der Computer als Wähler: Science Fiction-Visionen einer Direkten Demokratie

27 11 2012

SENDUNG: Digital.leben, Dienstag, 27. November 2012, 16:55 Uhr

Stellen wir uns vor, alle Bürger und Bürgerinnen könnten permanent über alles abstimmen. Wenn ihnen das zu anstrengend wird, übernimmt ein Computerprogramm, das bereits weiß, wie der jeweilige User abstimmen würde. Politiker und Parteien wären dann überflüssig. So ungefähr sieht die Welt von Science-Fiction-Autor Roland Pickl aus. „Direkte Demokratie“ heißt sein Roman, der Ende Juli im Verlag Satzweiss erschienen ist. Diese Zukunftsvisionen hat Roland Pickl vergangenen Freitag mit Teilnehmern des Gov 2.0 Barcamps in Wien diskutiert. Ulla Ebner hat nachgefragt, inwiefern es sich dabei um Horrorvisionen oder Wunschvorstellungen handelt.

(c) Verlag Satzweiss

Wenn der Computer weiß, was wir wollen

Wir befinden uns im Österreich der späten 2020-er Jahre. Nach wie vor verschicken Menschen SMS via Handys und vernetzen sich via Facebook. Was es nicht mehr gibt: ein Parlament und Berufspolitiker. Die Bürger und Bürgerinnen regieren sich jetzt selbst. Jeder kann im Netz einen Antrag für ein neues Gesetz stellen. Jeder kann abstimmen. Doch, auch in der Zukunft haben die Menschen anderes zu tun, als sich den ganzen Tag mit Politik zu befassen. Zum Glück weiß das automatische Abstimmungsprogramm ohnehin, was wir wollen.

„Jeder einzelne hat eine Identität, die elektronisch vorhanden ist“, erklärt Science Fiction Autor Roland Pickl, „und alles was man so tut im Netz, fließt in diese Identität ein. Daraus kann man dann errechnen, wie die Person abstimmen würde über bestimmte Anträge. Je öfter man manuell abstimmt, umso treffsicherer wird das Programm. Zwei Behörden überwachen, dass hier alles mit rechten Dingen zugeht.

Mitbestimmung gegen Politikverdrossenheit
In diesem Österreich lebt Paul Felder. Er ist Chef einer Meinungsagentur, die versucht, das Abstimmungsverhalten der Massen zu beeinflussen. Und das ist in der Welt der Zukunft gar nicht mehr so einfach, denn das System führt im Roman dazu, dass die Leute nicht mehr politikverdrossen sind, so Pickl: „Es führt dazu, dass sie sich mit jenen Themen, die für sie selbst wichtig sind, viel stärker auseinander setzen und versuchen, damit die Gesellschaft zu verändern.“

Natürlich geht in Roland Pickls Polit-Thriller dann so einiges schief im System. Protagonist Paul Felder kommt auf Dinge drauf, die er lieber nicht hätte wissen wollen. Und mehr sei hier auch gar nicht verraten.

Zukunft ohne Klubzwang?
Auch wenn sich hier manches bedrohlich anhört – Für Roland Pickl ist Direkte Demokratie alles andere als eine Horrorvision. Seine Motivation für das Buch: Frustration darüber, wie politische Entscheidungen heute getroffen werden. Man müsse in der realen Welt ja nicht so weit gehen, dass sämtliche Abstimmungen systematisch funktionieren, aber seine Wunschvorstellung wäre schon, dass wir Bürger nicht mehr davon abhängig sind „dass Leute, die in einem Raum, nämlich im Parlament, sitzen, zum richtigen Zeitpunkt einer Sache zustimmen“.

Bürger sollten direkt Einfluss nehmen können, auf die Gesetze, denen sie gehorchen müssen, sagt Roland Pickl. Dann würde die politische Diskussion auch sachlicher geführt werden. Die politische Partei, die ein Gesamtkonzept für alle Fragen der Gesellschaft anbietet, hat seiner Meinung nach ausgedient. Er hofft, dass künftig nicht mehr Parteien mit Klubzwang im Parlament sitzen, sondern einzelne Personen, die klar sagen, wofür sie stehen und wie sie zu bestimmten Themen abstimmen.

Übrigens: Wenn Roland Pickl nicht gerade Bücher schreibt, dann leitet er eine Software-Firma. Die erstellt unter anderem Lösungen für E-Partizipationsprojekte. Und zwar im echten Leben.

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