Reisetagebuch Südsudan: Das große Krabbeln

8 11 2012

Oder: Missglückter Animal Porn in der Lehmhütte

Nachts wird das rosarote Prinzessinnen-Moskitonetz zu einem magischen Schutzwall zwischen mir und dem Krabbelgetier in der Lehmhütte. Zumindest rede ich mir das ein, um schlafen zu können. (es wird sich später als Irrtum herausstellen, wenn ich in der Früh die unzähligen Flohbisse an meinem Körper entdecke). Das Prinzessinnennetz ist mit giftiger Flüssigkeit eingesprüht, damit die Viecher die Lust velieren, darauf herumzukrabbeln (danke, Andrea!) Darum ist es jetzt nicht mehr so dicht bevölkert, wie an den ersten beiden Abenden. Nur die ganz Harten wagen sich noch aufs Netz. Wie zum Beispiel das giftgrüne Flug-Krabbeltier direkt über mir. Eine Riesen-Heuschrecke, vermute ich zunächst.

Plötzlich – summ – landet links von mir noch ein grünes Tier. Noch größer. Noch respekteinflößender: eine Gottesanbeterin. Sie sitzt da und mir wird klar: das über mir ist wohl das Männchen. Um nichts in der Welt würde ich jetzt mein rosarotes Prinzessinnennetz, meinen magischen Schutzwall, verlassen. Aber ich wage mich etwas näher. Das Männchen putzt sich hektisch. Es wirkt etwas nervös. Das Weibchen verharrt regunslos. Aber ihr Blick ist nach oben gerichtet. Ich kann die angespannte Nervosität spüren. Wie auf ein unhörbares Kommando setzen sich beide in Bewegung. Er ein paar Zentimeter auf sie zu. Sie ein paar Zentimeter auf ihn zu. Doch zwischen ihnen liegen immer noch etwa 30 Zentimeter.

Sie starrt ihn an. Er putzt sich. Ich frage mich, ob er bereits ahnt, was ihm vermutlich blühen wird. Er ahnt es. Denn auf einmal verlässt ihn der Mut und er fliegt davon. Ich bin enttäuscht. Wie oft erlebt man schon die Paarung einer Gottesanbeterin aus nächster Nähe. Quasi nur getrennt durch ein rosarotes Moskitonetz. Und schon ist es wieder 23 Uhr. Der Generator wird ausgeschalten und es ist stockfinster in der Lehmhütte. In der Nacht höre ich die üblichen Geräusche: Trippelgeräusche am Hüttendach, Krabbeln aus irgendeiner Ecke. Hektisches Geflatter rund um das Netz.

In der Früh finde ich eine Leiche neben meinem Bett: Es ist das Männchen der Gottesanbeterin.

Isabella Rosselini erklärt, was ich verpasst habe:
Green Porno – The Praying Mantis

Reisetagebuch Teil 2: Unterwegs im Auftrag des Herrn

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