Netzaktivismus in Ost- und Südosteuropa

6 11 2012

SENDUNG: Digital.leben, Dienstag, 6. November 2012, 16:55 Uhr, Ö1

Wie können Menschen auf lokaler Ebene Antworten auf die globale Krise entwickeln? Wie kann Protest im 21. Jahrhundert aussehen und wo findet er statt? Ist das Netz etwa die moderne Agora – als jener Ort, an dem schon im Alten Griechenland die Bürger zusammenkamen, um politische Themen zu verhandeln? Mit solchen Fragen haben sich vor kurzem Künstler, Aktivisten und Wissenschafter am diesjährigen Flow-Festival in der bulgarischen Stadt Ruse auseinander gesetzt. Das Festival wird alle zwei Jahre vom österreichischen Außenministerium und dem Institut für den Donauraum veranstaltet. Die Teilnehmer kommen aus verschiedenen Ländern des Donauraums: von Serbien, über Österreich bis hin zu Rumänien und der Ukraine.

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Netzkultur gegen Korruption

Man dürfe das Internet als Ort für politischen Aktivismus nicht überschätzen, meint die rumänische Medienkünstlerin Rarita Zbranca aus Cluj – zu Deutsch „Klausenburg“, in Siebenbürgen. Sie hat 1998 mit Kollegen das Künstlerkollektiv AltArt gegründet. Gemeinsam mit NGOs und Wissenschaftern machen sich die Mitglieder von AltArt Gedanken über die Entwicklung der Gesellschaft, über Identitäten im Netz und über öffentliche Räume: materielle, wie virtuelle.

„Natürlich gibt es im Netz viele Möglichkeiten, Unterstützer für ein Anliegen zu finden. Aber die Frage ist: wie bringe ich die Leute dazu, mehr zu tun, als nur zu diskutieren“, fragt sich Zbranca, „ich kann im Netz drei mal dieselbe Petition unterschreiben. Niemand hindert mich daran, zehn verschiedene Accounts zu haben. Aber das nützt nichts, wenn sich das in der Folge nicht in solidarisches Handeln verwandelt.“

Digitale Kunst in Rumänien ist jung, betont Rarita Zbranka. Und auch die Zivilgesellschaft stecke – wie in vielen ex-kommunistischen Ländern – noch in den Kinderschuhen. Themen rund um Digitale Demokratie – etwa: Mitbestimmung von Bürgern übers Netz oder Transparenz durch offene Regierungsdaten – werden in Rumänien kaum diskutiert. Was es aber sehr wohl gibt: subversive Kunst-Projekte und politischen Aktivismus im digitalen Raum: „Zum Beispiel bei Fällen von Korruption. Die werden im Internet bloßgestellt. Und da entwickeln die Leute in Rumänien sehr viel Kreativität, um das virusartig zu verbreiten. Ich glaube, das trägt auch sehr stark zu einem kritischen Diskurs bei.“

Häuser besetzen und Regierungsseiten faken
Mit der Zivilgesellschaft hat auch die serbische Regierung – selbst 12 Jahre nach dem Rücktrit von Slobodan Milosevic – noch immer ihre Probleme, erzählt die serbische Medienkünstlerin und Aktivistin Natasa Vujkov aus Novi Sad. NGOs werden als Dialogpartner nicht ernst genommen. Natasa Vujkov ist in mehren Kulturvereinen und Bürgerinitiativen aktiv. So beteiligte sie sich zum Beispiel an der Besetzung einer leerstehenden Kaserne in Novi Sad. Die Aktivisten wollten dort ein alternatives Kulturzentrum errichten.

Auch Vujkovs Medienkunst ist oft subversiv. Ihr nächstes Projekt: eine gefakte Seite der Stadtregierung von Novi Sad: „Ich werde die Stadt so darstellen, wie ich sie gerne hätte. Die ganzen tollen Dinge, die unsere Regierung nicht tut, werde ich dort hinschreiben, als wären sie Realität. Und die Stadtregierung ist herzlich eingeladen, sich von meinen Ideen inspirieren zu lassen. Zum Beispiel wenn es darum geht, eine Kulturstrategie für Novi Sad zu entwickeln. Das hat die Politik in den vergangenen 12 Jahren nicht zustande gebracht.“

Das Potential von Kunst im Netz werde kaum genutzt, sagt Vujkov. Das Problem: mit Internet-Kunst ist kaum Geld zu verdienen. Einige Pioniere der digitalen Kunst in Serbien würden mittlerweile ganz klassisch Bilder malen. Was politischen Aktivismus anbelangt, so teilt sie die Meinung ihrer rumänischen Kollegin: Digitaler Protest ist wichtig, aber nicht ausreichend. Manchmal müsse man auch auf die Straße gehen – oder eben Gebäude besetzen.

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