Kulturpolitik in Bulgarien

2 11 2012

SENDUNG: Kulturjournal, Freitag, 2. November 2012,
17:09 Uhr, Ö1

Beim alle zwei Jahre stattfindenden Flow-Festival In der bulgarische Stadt Ruse machten sich vergangene Woche Kulturschaffende aus Österreich, Bulgarien, Rumänien, Serbien, Bosnien, der Ukraine und anderen Ländern des Donauraums Gedanken über politischen Aktivismus, über alternative Ökonomien und über Grenzen in Europa. Anlass für einen Blick auf die bulgarische Kulturpolitik.

Theater im Abbruchhaus

„P.O. Box: UNA-Bomber“ nennt sich das Performance-Stück der bulgarischen Theatergruppe 36 monkeys, das im Rahmenprogramm des Flow-Festivals in Ruse gezeigt wurde. Es beschäftigt sich mit der irren Gedankenwelt des US-amerikanischen Briefbombenattentäters Ted Kaczynski. Sein Motiv für Anschläge auf Forschungseinrichtungen: Angst vor dem technischen Fortschritt.

36 monkeys ist eine der bekanntesten zeitgenössischen Theatergruppen in Bulgarien. Das UNA-Bomber-Stück hat bereits Preise für Dramaturgie und Regie bekommen. Veranstaltungsort hier in Ruse: das ehemalige Geschäftslokal der Familie Canetti – der Großeltern Elias Canettis. Seit etwa 20 Jahren steht das etwas verfallene Gebäude leer. Seit kurzem finden hier auch manchmal alternative Kultur-Veranstaltungen statt. Für Regisseurin Gergana Dimitrova von den 36 monkeys ist so ein Veranstaltungsort nichts ungewöhnliches. Denn für die Freie Theaterszene stehen in Bulgarien kaum Räumlichkeiten zur Verfügung.

„In Sofia haben wir die Inszenierung in einem Licht-Design-Studio gmeacht“, erzählt Dimitrova, „wir suchen immer Wege, aber es ist sehr teuer und wir bekommen keine Finanzierung. Das macht die freie Theaterszene ziemlich kaputt.“ Das bulgarische Kulturministerium sehe es nicht als seine Aufgabe an, die freie Theaterszene zu unterstützen. Die Aufmerksamkeit der Kulturpolitik beschränke sich auf die großen Staatstheater, kritisiert Gergana Dimitrova.

Aufmüpfige Theaterkinder

Nichts desto trotz gibt es in Bulgarien eine zwar kleine, aber sehr aktive alternative Kulturszene, die auch international vernetzt ist. Gergana Dimitrova beispielsweise hat in Berlin Regie studiert. Ihr Gruppe 36 monkeys hat ein treues Stammpublikum und neuerdings würden sogar Kollegen vom Staatstheater zu ihren Aufführungen kommen, erzählt Dimitrova. Doch von Seiten der Politik werde zeitgenössische Kultur nocht nicht so ganz ernst genommen: „Sie betrachten uns als kleine Kinder, als junge Studenten, die gerade ihr Studium abgeschlossen haben und noch nicht viel können. Wenn wir brav lernen, dann kommen wir vielleicht einmal ins Staatstheater, meinen sie.“

2009 haben Vertreter der freien Theaterszene eine Plattform gegründet, um mit der Regierung über eine neue Kulturstrategie zu verhandeln. Seit Jahren versuchen sie, den Kulturpolitikern klar zu machen, dass es eine bewusste Entscheidung ist, so zu arbeiten, wie sie es eben tun: „Dieses System des Staatstheaters ist immer noch das alte. Da hat sich nicht viel verändert seit dem Kommunismus“, sagt Dimitrova.

Schwülstigkeit und Folklore

Die bulgarische Kulturszene leide – mehr als in anderen Ländern des ehemaligen Ostblocks – noch stark unter den Nachwirkungen des Kommunismus, meint auch Bernd Janning vom Institut für den Donauraum. Er hat zwei Jahre lang in der bulgarischen Stadt Ruse als Kulturmanager gearbeitet und das heurige Flow-Festival mitorganisiert. Unter dem kommunistischen Regime wurde das Kulturleben – so wie alles andere auch –vom Staat bestimmt. Und der setzte auf große schwülstige Opernaufführungen, die ideologisch unverdächtig waren. Avantgarde galt als kapitalistisch und als bourgeoise.

Ende der 1970er wird Ljudmila Todorowa Schiwkowa Kulturministerin Bulgariens – die Tochter des Staatsoberhauptes Todor Schiwkow. Zu dieser Zeit verschärft sich die finanzielle Lage des Landes, was auch Auswirkungen hat auf die Kulturszene. Schiwkowa bricht mit der pro-sowjetischen Linie und setzt ganz auf bulgarischen Nationalismus. Folklore wird plötzlich groß geschrieben. 1989 bricht der Kommunismus in Osteuropa zusammen und in der Folge auch auch die – vom Staat gelenkte – Wirtschaft der ehemaligen Ostblock-Länder, der Lebensstandard der Menschen in Bulgarien sinkt drastisch. Der Staat hat kaum noch Geld, seinen riesigen staatlichen Kulturapparat zu finanzieren.

„Was danach übrig geblieben ist, das sind riesige Dinosaurier, um nicht zu sagen: Skelette“, sagt Bernd Janning, „also Kulturinstitutionen, die nur noch da sind, um sich selbst zu erhalten. Manche der großen Museen hätten gar kein Interesse daran, dass Besucher kommen, meint Janning: „Aber das Personal ist natürlich daran interessiert, das wenige Gehalt, das sie bekommen, auch weiter zu bekommen.“ Bis heute muss man in Bulgarien Museen für zeitgenössische Kunst mit der Lupe suchen. Selbst in der 1,2-Millionenstadt Sofia, wo sich ein Großteil des Kulturlebens abspielt.

Das Geld bleibt in der Hauptstadt

Eines der größten Probleme heute ist laut Bernd Jannig, der starke Zentralismus in Bulgarien. Die einzelnen Provinzen und Gemeinden können keine eigenständige Kulturpolitik betreiben. Das Geld wird von Sofia aus verwaltet – und da bleibt es meist auch. Nur wenig kommt in den weit abgelegenen Provinzen an. Das wird zum Beispiel bei einem Spaziergang durch die Stadt Ruse deutlich. Vor 100 Jahren wurde das an der Donau gelegene Ruse noch als „Klein-Wien“ bezeichnet – wegen seiner architektonischen Gestaltung. Doch heute sind die meisten Gebäude verfallen, von den Fassaden blättert der Verputz ab. Auch das Geburtshaus von Elias Canetti im ehemals jüdischen Viertel gleicht einer Ruine.

Nichts desto trotz hat sich Ruse als Europäische Kulturhauptstadt 2019 beworben. Bernd Jannig bezweifelt, dass die 170.000-Einwohner-Stadt besonders große Chancen hat. Plovdiv, die zweitgrößte Stadt Bulgariens, sowie Sofia sind harte Konkurrenten. Für Ruse wäre es seiner Ansicht nach sogar gefährlich, Kulturhauptstadt zu werden, denn das würde riesige Investitionen erfordern und was oft übersehen wird: mit dem Titel Kulturhauptstadt sind keineswegs üppige EU-Förderungen verbunden.

DL

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