Wiener Charta: Bürger diskutieren Regeln des Zusammenlebens

6 10 2012

SENDUNGEN: Matrix, Sonntag, 7. Oktober 2012, 22:30 Uhr, Ö1
und
Digital.leben, Donnerstag, 4. Oktober 2012, 16:55 Uhr, Ö1

Wie können Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Alters und Geschlechts in einer Großstadt wie Wien möglichst reibungsfrei zusammenleben? Dafür braucht es – neben Gesetzen – gesellschaftliche Regeln und mehr gegenseitigen Respekt. Doch genau das könne man nicht von oben verordnen, sagt die Wiener Stadtregierung. Sie hat daher die Wiener Bürger und Bürgerinnen aufgerufen, sich an der Erstellung einer Wiener Charta des Zusammenlebens zu beteiligen. Dafür wurden im Internet Themen gesammelt und in der Offline-Welt sogenannte Charta-Gespräche veranstaltet. Anfang Oktober wurde die Diskussion für zwei Wochen auch ins Internet verlagert.

Ich und die anderen

Wien, Brigittenau. Die Bezirksaußenstelle der MA 17, also der Wiener Magistratsabteilung für Integration und Diversität hat Bewohner und Bewohnerinnen des 20. Bezirks zum Charta-Gespräch geladen. 12 sind an diesem Abend gekommen. Für Moderator Dino Mehmeti die ideale Größe, denn mit mehr als 20 Leuten könne man ohnehin nicht mehr sinnvoll diskutieren, da werde dann die Gruppe geteilt. Eigentlich hatte er an diesem Abend das Thema Sauberkeit in der Stadt eingeplant, aber die Teilnehmer haben sich für ein anderes Thema entschieden: Ich und die, die anders sind als ich. Der Englisch-Lehrer aus Tschetschenien leidet darunter, dass die Menschen im Zinshaus kaum miteinander sprechen. Die Wienerin versucht, die Wortkargheit zu ergründen. Der Kroate weiß: regelmäßig laut Musik hören, ist in Österreich der guten Nachbarschaft eher abträglich.

Seit Frühling dieses Jahres haben in ganz Wien bereits 500 solcher Charta-Gespräche stattgefunden. Organisiert wurden sie zum Teil von der Stadtverwaltung, aber auch von NGOs und Privatpersonen. Sämtliche Gesprächsprotokolle sind auf der Homepage der Wiener Charta nachzulesen. Die sieben Schwerpunktthemen für die Gespräche wurden im Rahmen der ersten Onlinephase im März festgelegt. Damals kamen 1.848 Vorschläge übers Netz, berichtet Peter Kühnberger von der Agentur Neu & Kühn, die die Online-Aktivitäten der Wiener Charta organisiert hat.

Zivilisierter Umgangston im Netz

Jetzt hat Online-Phase Nummer Zwei begonnen: die Diskussion in Foren. Hier machen sich Menschen Luft über ihren Frust mit Radfahrern, äußern Wünsche an Hundebesitzer und machen sich Gedanken über das Zusammenleben im öffentlichen Raum.

Wer mitdiskutieren will, muss auf charta.wien.gv.at ein Profil anlegen – das ist auch mit einem anonymen Nickname möglich. Man kann man sich aber auch mit seinem Facebook-Account oder mit Open ID ins Forum einloggen. Moderatoren achten, auf die entsprechenden Umgangsformen im Netz, erklärt Kirsten Neubauer von Neu und Kühn: „Die meisten Postings, die wir abgelehnt haben, waren Themenverfehlungen. Es gab nur sehr wenige Verstöße gegen die Netiquette. Und die waren auch nicht so harsch, wie man es befürchten könnte.“

Stell dir vor, es ist Online-Beteiligung und keiner geht hin

Doch – anders als die Charta-Gespräche in der Offline-Welt – läuft die Diskussion im Internet derzeit nur schleppend an. Die Wiener und Wienerinnen wollen ihr Zusammenleben offenbar nicht so Recht im Netz diskutieren. Die Organisatoren sind enttäuscht und suchen nach den Ursachen. Zu wenig Medienpräsenz? Zu wenig Werbung? Ist die Netzaffine-Zielgruppe nicht erreicht worden? Ursula Struppe ist Projektleiterin der Wiener Charta bei der MA 17, der Magistratsabteilung für Integration und Diversität: „Man kann sehr gut und lange überlegen, wie das ausschauen könnte. Aber dass etwas, dass noch nie eine Stadt in dieser Form probiert hat, ist natürlich immer eine spannende Angelegenheit.“

Am Ende des Bürgerbeteiligungsprozesses werden die Inhalte sämtlicher Diskussionen – sowohl online, wie auch offline – in einem Abschlussdokument zusammengefasst: der Wiener Charta des Zusammenlebens. Sie soll im November präsentiert werden, sagt Ursula Struppe. Doch im Grunde sei hier der Weg das Ziel: Es gehe um das, was sich real in den Gesprächen getan hat, „weil Menschen vielleicht das erste Mal miteinander gesprochen haben. Ich glaub, das ist das noch wichtigere Ergebnis als der Text am Schluss.“

DLE

MTX

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