Äthiopien: Hungerbekämpfung durch Ökotourismus

23 07 2012

SENDUNG: Journal Panorama, Dienstag, 24. Juli 2012,
18:25 Uhr, Ö1

Hungersnöte, Dürrekatastrophen, entführte Touristen: Es sind selten positive Nachrichten, mit denen Äthiopien in die Schlagzeilen kommt. Dem äthiopischen Tourismusministerium ist das negative Image des Landes ein Dorn im Auge. Schließlich möchte das Land in den kommenden Jahren unter die Top 5-Tourismusdestinationen in Afrika kommen.

Bettelnde Kinder und küssende Touristen

Ziggy Yohannes stockt und schaut vorsichtig zum Vertreter des regionalen Landwirtschaftsbüros von Nord-Gondar hinüber: Darf er wirklich ehrlich auf die Frage antworten, ob der Tourismus auch Schattenseiten hat? Nach langem Zögern erzählt er uns von jungen Mädchen aus armen Familien, die von weißen Touristen verführt und dann sitzengelassen werden. Von aufkommendem Sextourismus und Prostitution, von westlichen Pärchen, die sich zum Entsetzen der Dorfleute öffentlich küssen. Teshome Mulu vom Landwirtschaftsbüro hält es auch für bedenklich, dass immer mehr Kinder beginnen, auf der Straße Touristen anzubetteln anstatt in die Schule zu gehen.

Der mehr als 400 Quadratkilometer große Semien Nationalpark im Norden Äthiopiens gilt als Geheimtipp unter Trekking-Touristen. Vergangenes Jahr kamen mehr als 17.000 Bergliebhaber hierher. Im Nationalpark befindet sich der höchste Gipfel des Landes: der 4.500 Meter hohe Ras Daschan. Der Semien-Park ist UNESCO-Weltkulturerbe, unter anderem wegen seiner einzigartigen Tierwelt.

Einkommen für Fremdenführer, Köche und Scouts
Der Tourismus ist eine willkommene Einkommensquelle für die ärmliche Region. Ziggy Yohannes zum Beispiel verdient sein Geld als Fremdenführer und Trekking-Guide. Er stammt selbst aus einem kleinen Dorf hier in den Bergen und weiß bestens Bescheid über Steinböcke, Blutbrustpaviane und die 180 Vogelarten, die hier leben. Seine Ausbildung zum Guide wurde finanziert von der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit. Die Förderung eines sozial verträglichen Ökotourismus ist Teil eines groß angelegten Programms der Austrian Development Agency (ADA), das den Wohlstand und damit die Ernährungssituation in der Region Nord-Gondar verbessern möchte.

Klimawandel, Bodenerosion und ein enormes Bevölkerungswachstum machen die Situation der Landbevölkerung immer schwieriger. „Die Höfe hier sind so klein, dass man sie nicht mehr teilen kann. Für die Jungen braucht es daher bessere Ausbildungsmöglichkeiten alternative Einkommensquellen. Der Tourismus ist eine solche Möglichkeit“, erklärt Doris Gebru-Zeilermayr von der ADA. Österreich hat in die touristische Infrastruktur des Nationalparks investiert: ein Informationsbüro wurde eröffnet, in den Bergen wurden einfache Schützhütten zum Übernachten errichtet sowie Rastplätze mit Kochstellen und Toiletten.

Eine Zuchtstation in den Bergen
Parallel dazu sollen auch die landwirtschaftlichen Methoden verbessert werden. An die Bauern wurde besseres Saatgut verteilt, Brunnen wurden errichtet und auch leistungsfähigere Nutztiere eingeführt. Der Bauer Bewekatu Wota zum Beispiel betreibt auf fast 2.000 Meter Höhe eine lokale Zuchtstation für Kühe und Esel. Im Rahmen des österreichischen Projekts hat er einen kräftigen Esel einer Rasse aus dem Sudan zur Verfügung gestellt bekommen, der reinrassige Stier stammt aus einer Züchtung aus der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba.

Die Bauern der Umgebung bringen ihre Kühe und Esel-Weibchen vorbei. Pro Deckung erhält Bewekatu Wota 30 Birr (etwa 1,25 Euro). Die Kühe aus der Hauptstadt geben viermal so viel Milch, wie die lokalen Rassen, erzählt uns der Bauer, und die Esel, die könne man für 60 Birr pro Tag an Trekkingtouristen vermieten.

DL

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