Verkehrte Arbeitswelt: Berufe, die im Dunkeln spielen

23 05 2012

SENDUNG: Moment – Leben heute, Donnerstag, 24. Mai 2012, 14:40 Uhr, Ö1

Manche Menschen arbeiten dann, wenn die anderen schlafen oder ausgehen, und sie schlafen dann, wenn die Mehrheit arbeitet, einkauft oder mit Freunden Kaffee trinkt. Barkeeper, DJs, Taxifahrer, Nachtschwestern, Bäckerinnen oder Nachrichtenredakteure: Laut Statistik Austria arbeiten knapp 770.000 Menschen in Österreich während der Nachtstunden, etwa 270.000 davon regelmäßig. Der umgedrehte Lebensrhythmus kann Auswirkungen haben auf die Gesundheit, aber auch auf das Sozial- und Liebesleben der Nachtarbeitenden. Partner kommen entweder aus artverwandten Branchen oder müssen viel Verständnis aufbringen für den, der im Dunkeln stets wach ist.

Dürdog und Kebab DeLuxe

Samstagnacht in Wien Alsergrund. Es ist lau, fast sommerlich heute. Zahlreiche Nachtschwärmer sind auf den Straßen unterwegs. Die U-Bahn fährt die ganze Nacht durch. Und auch der Würstelstand an der U4-Station Friedensbrücke hat bis 5 Uhr früh geöffnet. Am Speiseplan steht hier sowohl Traditionelles – von der Leberkässesemmel bis zur Burenwurst – wie auch unorthodoxe Dürüm- und Kebab-Kreationen: Laut den beiden Verkäufern ist dies der einzige Ort in Wien wo man Kebab mit Currysauce und Dürdog („Dürüm mit Würstchen“) bekommt.

Den Nachtdienst bestreiten hier für gewöhnlich Studenten. Pia ist 25 und studiert Jus. Sie steht fast jedes Wochenende hier. Von 23 Uhr bis halb Sieben in der Früh. Schließlich muss nach dem Zusperren noch geputzt werden. Sie hat sich ganz bewusst für diesen Nachtjob entschieden. Denn unter der Woche muss sie studieren und hat außerdem noch einen Zweitjob in einer Arztpraxis. Anstrengend ist das schon, erzählt Pia: „Wenn man mal hier ist, dann geht’s eh. Aber es ist ein große Überwindung, um halb elf erst in die Arbeit zu fahren.“ Um sich dann bis zum Montag wieder auf normalen Schlafrhythmus zu polen, dürfe man danach nicht zuviel und auch nicht zu wenig schlafen, erklärt sie. Mittlerweile hat sie die richtige Dosis heraußen.

Plauderstunde am Würstelstand
Eigentlich ist Pia ja von Natur aus eher ein Morgenmensch. Anders ihr Kollege Julian. Vor Mitternacht geht der 21-jährige nie schlafen. Und an das Arbeiten in der Nacht muss er sich ohnehin früher oder später gewöhnen – schließlich studiert er Medizin. Und nirgendwo sind die Arbeitszeiten extremer als in Krankenhäusern. Er mag die Arbeit am Würstelstand. Denn da trifft man viele Menschen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten.

Die nächtliche Klientel ist gemütlicher und interessanter als die gestresste Laufkundschaft am Tag, findet Julian: „Unlängst ist da ein alter Mann gekommen. Er hat erzählt, er sei der berühmteste Hitchhiker der Welt und hat uns Fotos von diversen Reisen gezeigt. Es kommen immer wieder Leute wirklich zum Plaudern vorbei, die uns dann aus ihrem Leben erzählen.“ Die Älteren Kunden seien generell gesprächiger als die Jungen, meint Julian. So ab drei oder vier Uhr früh kommen dann manchmal Zeitungsverkäufer vorbei oder Lebensmittel-Zusteller. Die Mehrheit der Würstelstandbesucher sind aber Nachtschwärmer. Auf dem Nachhauseweg oder unterwegs zur nächsten Party.

Ein Leben ohne Sonnenschein
Schauplatzwechsel. Im OST-Klub am Wiener Schwarzenbergplatz ist heute Swing-Abend. Pärchen in 40er-Jahre-Kostümierung tanzen Lindy-Hop, Balboa und Shag. Veranstaltet wird der Klub Shwing von Markus Westenberger alias DJ Sid Data. Er lebt seit mehr als 20 Jahren fast ausschließlich in der Nacht: „Ich mag die Nachtstimmung und ich mag auch die Nachtmenschen. Ich fühle mich hier wohler und aufgehobener.“ Er hatte auch schon Jobs mit „normalem“ Tagesablauf, aber das war nicht das Seine.

Schlafen geht Marcus Westenberger im Normalfall so gegen 5 Uhr früh. Im Winter bekommt er die Sonne oft tagelang nicht zu sehen. Im Sommer spaziert er öfters am frühen Nachmittag in den Park. Zum Frühstücken: „Damit ich wenigstens ein bißchen was vom Tag erlebe und auch normale Menschen sehe, die nicht Lackleder tragen, schwerst überschminkt und iluminiert sind.“

Kaffee und Red Bull
Während ein Teil der Stadt alkoholgeschwängert zwischen Zigarettenrauchschwaden zum Rhythmus der Musik wippt, sitzen andere im Büro vor dem Computer. Zum Beispiel in der Austria Presse Agentur – kurz APA, gleich neben dem Wiener Naschmarkt. Hier wird 24 Stunden am Tag das Weltgeschehen beobachtet. Tagsüber ist das Großraumbüro bummvoll, da wird hektisch telefoniert und sich gegenseitig etwas zugerufen. Jetzt ist es ruhig und dunkel. Nur vereinzelt brennen kleine Schreibtischlampen. Etwa die von Außenpolitik-Redakteur Edgar Schütz: „Ich sag immer, Nachtdienste wären ja an und für sich nicht so schlecht, wenn sie nicht in der Nacht wären.“ Denn das Arbeiten ohne die übliche Tageshektik hat schon etwas für sich, „aber das Körperliche und auch das Soziale, das da mitspielt, ist schon schwierig.“

Heute ist sein erster von drei aufeinander folgenden Nachtdiensten. Der erste ist immer der schwerste, erzählt Edgar Schütz. Dann gewöhnt sich der Körper um. Bis drei oder vier Uhr früh ist das Wachbleiben für ihn kein Problem, danach greift er oft zu Kaffee und Energy Drinks. Denn Einschlafen darf nicht passieren. Man weiß ja nie, was passiert in der Welt. Wenn Edgar Schütz eine Nachricht als wichtige Eilmeldung rausschickt, dann bimmeln in den Zeitungsredaktionen die Drucker. Und einige Redakteure werden von ihrem Handy aus dem Schlaf gerissen. Fehler sollten ihm da besser keine passieren.

Wenn zum Beispiel ein Anruf kommt, wo jemand sagt: „Sicherheitsdirektion Kärnten, der Herr Landeshauptmann ist tödlich verunglückt“, dann muss man sich als Nachtredakteur erst einmal rückversichern, ob das auch stimmt. Nicht, dass sich da eine betrunkene Stammtischrunde einen üblen Scherz erlaubt. „Da muss man immer aufpassen, dass man nicht in eine Falle tappt.“ Edgar Schütz arbeitet – mit Unterbrechungen – seit etwas 20 Jahren bei der APA in der Außenpolitik-Redaktion. Er spricht Englisch, Französisch, Spanisch und Kroatisch.

Schuld sind immer die Hormone
Um sieben Uhr Früh ist die Nachtschicht vorbei und er geht nach Hause. Vollgepumpt mit Koffein. Sofort Einschlafen ist da manchmal schwierig. Den ganzen Tag durchschlafen auch: „Denn das soziale Leben da draußen geht ja weiter. Ich hab Familie und zwei Kinder. Denen kannst du hundertmal sagen: Psst, der Papa schläft. Es wird immer ein Wirbel sein.“ Oft überkommt ihn auch erst Tage später ganz plötzlich ein Müdigkeitsanfall, den niemand versteht.

Schlafstörungen gehören zu den häufigsten Problemen von Nachtarbeitern. Noch schlimmer ist es bei unregelmäßigen Schichtdiensten, sagt Gerda Saletu-Zyhlarz. Sie leitet die Schlafambulanz der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie. Wenn Schlafrhythmen häufig wechseln, kommt im Körper einiges durcheinander. Zu verdanken haben wir das einem Hormon namens Melatonin, erklärt Dr. Saletu-Zyhlarz. Das Melatonin ist für das Ermöglichen von Schlaf notwendig. Im Normalfall ist die Konzentration am Abend hoch und sinkt dann in der Früh wieder ab. Das hat auch mit Lichteinstrahlung zu tun.

Veränderungen des Rhythmus führen zu allen möglichen Schwierigkeiten. Zum Beispiel: Herz-Kreislauf- und Magen-Darm-Erkrankungen, erhöhtes Krebsrisiko und Depressionen. Unter ihren Patienten im Schlaflabor finden sich immer wieder Medienleute, Krankenhauspersonal und Menschen aus dem Gastgewerbe.

Lady Sunshine and Mr. Moon
Auch DJ Marcus Westenberger landete vor zwei Jahren im Spital: „Die Ärzte nannten das dann Burn Out“, erzählt er, und empfahlen ihm einhellig: mehr Schlaf und eine gesündere Ernährung. Gerade letzteres ist nicht so einfach, wenn man in der Nacht lebt: „Was willst du in der Nacht essen? Restaurants sind geschlossen, Pizza gibt es bis 23 Uhr. Danach bleibt dir nur noch McDonalds und der Würstelstand.“ Er zieht sich jetzt einmal im Jahr für ein paar Wochen aufs Land zurück, um auszuspannen.

Schwierig für ihn ist es auch, Freundschaften zu pflegen mit Menschen, die nicht in der Nacht arbeiten. Manchmal kommen die tag-aktiven Freunde eben zu seinen Veranstaltungen, um ihn zu treffen. Auch die Sache mit der Liebe ist kompliziert. Derzeit ist er Single. „Das liegt definitiv an der Nacht. Es ist immer das gleiche: Man lernt sich kennen, alles super. Doch der eine Partner arbeitet von 9 bis 17 Uhr. Der andere geht um 17 Uhr aus dem Haus und kommt um 4 zurück. Da sieht man sich sehr selten.“

Immer wieder sind seine Beziehungen am Lebensrhythmus gescheitert, erzählt Marcus Westenberger. Und auch bei Kollegen hat er beobachtet: Menschen, die im nächtlichen Gastgewerbe arbeiten, haben häufig wechselnde Beziehungen. Am besten funktioniert es noch, wenn beide Partner in der Nacht arbeiten. Marcus Westenbergers Mutter zum Beispiel war im Gastgewerbe, sein Vater Musiker. Für Kinder ist das nicht so einfach. Trotz aller Schwierigkeiten könnte er es sich nicht vorstellen, je wieder einen normalen Tagesjob zu machen.

Therapeutisches Sonnenschlafen
Die meisten Menschen, die nachts arbeiten, tun das mehr oder weniger freiwillig, erklärt Doris Lutz, Expertin für Arbeitsrecht der Wiener Arbeiterkammer. Denn Nachtdienste sind gut bezahlt. Beschwerden über Missstände in diesem Bereich bekommt sie so gut wie nicht. „Nur, dass sich das auf den Organismus unter Umständen schlecht auswirken kann, wird oft nicht bedacht.“ Lutz hält es für wichtig, ein Bewusstsein bei Arbeitnehmern zu schaffen, mehr auf die eigene Gesundheit zu achten.

Die bestehenden Schutzgesetze hält sie für ausreichend. Nachtarbeiter haben Anspruch auf bezahlte Pausen und kostenlose Gesundheitsuntersuchungen. Wer gesundheitliche Probleme hat oder Kinder betreuen muss, hat einen Rechtsanspruch darauf, sich an einen Tagesarbeitsplatz versetzen zu lassen, erklärt Doris Lutz. Nur: in der Praxis ist das oft nicht so einfach: Denn in Österreich braucht es keine Begründung, um Arbeitnehmer zu kündigen. Will also ein Chef einen Nicht-nachtarbeits-fähigen Mitarbeiter los werden, so kann er das auch.

Gerade ältere Arbeitnehmer haben oft Angst davor. Daher suchen sie nicht um Versetzung an und beschweren sich auch nicht. Stattdessen werden sie krank. Mit diesem Problem hat es Schlaf-Medizinerin Gerda Saletu-Zyhlarz immer wieder tun. Viele Patienten erzählen ihr von der Angst den Job zu verlieren: „Und die versuchen dann eher, sich irgendwie durchzuwursteln und behelfen sich mit vielen Krankenständen.“ Als Präventivmaßnahme empfiehlt Saletu-Zyhlarz den Nacht- und Schichtarbeitenden: An den freien Tagen so viel wie möglich schlafen und ganz viel Sonnenlicht. Auch beides in Kombination – also Schlafen im sonnigen Park – ist sinnvoll.

MEHR dazu auch:

FALTER 43/12: Die lange Nacht der Nacht. Von denen, die arbeiten, während wir im Bett liegen oder Party machen

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