Hacktivist, Slacktivist oder Gandhian: Welcher Typ Cyber-Aktivist bist du?

3 05 2012

SENDUNG: Digital.leben, Donnerstag, 3. Mai 2012, 16:55 Uhr, Ö1

Menschen vernetzen sich über soziale Medien und gehen dann gemeinsam auf die Straße, andere protestieren lieber nur in der Cyberwelt: Sie unterschreiben Online-Petitionen oder verbreiten Youtube-Videos. Ein Team von Wissenschaftlern aus Schweden, Deutschland und Österreich hat sich die unterschiedlichen Formen von Online-Aktivismus genauer angeschaut und eine Art Typologie erstellt. Politischer Aktivismus im Netz ist eines von vielen Themen die von 3.-4. Mai 2012 auf der Donau-Universität Krems diskutiert werden, und zwar im Rahmen der CeDem, der jährlichen Konferenz zum Thema eDemocracy and Open Government.

Politiker-Bashing auf Youtube

Online-Aktivist ist nicht gleich Online-Aktivist. Anhand von drei Fallbeispielen hat das 4-köpfige Forscherteam untersucht, auf welche Weise das Internet jeweils genutzt wurde bei den unibrennt-Aktivitäten 2009 in Wien, bei Protesten gegen Neonazi-Aufmärsche in Dresden und Leipzig, sowie bei einer Bürgerinitiative in Schweden. Dort in Aspudden, einem Außenbezirk von Stockholm wollten im Jahr 2009 Menschen das öffentliche Badehaus retten und besetzten es kurzerhand.

Bei der Mobilisierung der schwedischen Aktivisten wurde sehr stark mit Youtube-Videos gearbeitet, erklärt Judith Schoßböck, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für eGovernance der Donau-Universität in Krems: „Interessant dabei war, zu beobachten, wie verschiedene Feindbilder geschaffen wurden. Einige Politiker wurden in diesen Videos veräppelt. Doch das hat dazu geführt, dass sich die Leute gut mit dem Fall identifizieren konnten.“

The enemy of the enemy…
Ein gemeinsames Feindbild kann helfen, eine Bewegung zu stärken, so Schoßböck. Für die unibrennt-Bewegung war das der damalige Wissenschaftsminister Johannes Hahn. Aktivisten hätten ihn gerne „gerupft“, wie sie betonten. In Deutschland wiederum mobilisierten völlig unterschiedliche Gruppen gemeinsam gegen rechtsextreme Aufmärsche: „Da konnte man im Cyberspace gut beobachten, wie diese Gruppen zusammen laufen oder eben nicht und sich stattdessen in unterschiedlichen Räumen bewegen.“ Denn teilweise verwendete eine Fraktion einen bestimmten Twitter-Hashtag, um zu Protesten aufzurufen und die andere Gruppe einen anderen – um zu denselben Protesten aufzurufen.

Nimmt man das Gegenüber als dämonischen Feind wahr, den es auszulöschen gilt? Oder als gleichwertigen Verhandlungspartner? Das war das eine Kriterium, nach dem die Forscher verschiedene Aktivismus-Typen eingeteilt haben. Das zweite: Sind sie bereit, zivilen Ungehorsam zu leisten. Also notfalls auch gegen Gesetze zu verstoßen?

Webrabauken und virtuelle Couch-Potatoes
Daraus ergeben sich dann vier Prototypen, erklärt Judith Schoßböck. Typ 1: der Streitbare („Contentious Activist“). Schlechte Gesetze kümmern ihn nicht. Der Streitbare hackt sich in die Websites von Parteien oder stiehlt Polizeidaten. Er hat einen Gegner, den es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt. Im Offline-Protest kettet er sich an Bäume oder besetzt Hörsäle.

Ganz anders Typ 2: der Salonaktivist („Salon Activist“). Auch er weiß genau, wer sein Feind ist. „Der Hahn gehört gerupft“, twittert er. Doch selbst einen Hörsaal zu besetzen, ist ihm zu mühsam. Und mit dem Gesetz kommt er lieber nicht in Konflikt. Wie sich gerade bei unibrennt gezeigt hat, eignet sich dieser Typus von Aktivist aber gut zur Mobilisierung der Massen, erklärt Judith Schoßböck: „Da gab es viele Salonaktivisten, die vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben einen Twitter-Account eröffnet haben. Sie haben gelegentlich etwas re-tweetd. Aber das genügt schon, um diesen Masseneffekt zu erzielen.“

Feel-Good-Activism
Typ 3 ist der Gesetzestreue. Er bleibt zuhause, unterschreibt Online-Petitionen und führt sachliche Diskussionen in Online-Foren. Nach Fukushima hatte er ein „Atomkraft – Nein, danke!“-Symbol als Profilbild in seinem Facebook-Account. Böse Zungen nennen das Slacktivism: also eine Art symbolischen Protest, der zwar das Gewissen erleichtert, aber überhaupt keine Wirkung hat. „Eine klassische Form von Slacktivism ist das Klicken eines Like-Buttons auf Facebook, wo aber keinerlei Aktion oder Petition dahintersteckt. So quasi: Rettet die Wale – I like“, sagt Judith Schoßböck von der Donau-Universität Krems.

Der vierte Typ ist der sogenannte Ghandi-Aktivist. Das Gegenüber ist kein Feind, sondern jemand, der eben noch überzeugt werden muss. Ziviler Ungehorsam? Ja, aber friedlich. Er stellt im besetzten Hörsaal die Webcam auf, um der Öffentlichkeit zu zeigen: Seht her wie lieb wir sind. Wir wischen hier sogar den Boden auf.

Berichte von der CeDem 2011:

Twitter in Zeiten der Flutkatastrophe

Deliberation that matters

Die Kraft von unten wird stärker

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2 responses

6 05 2012
Mit Open Government die Korruption bekämpfen? « Ulla Ebner

[…] Hacktivist, Slacktivist oder Gandhian: Welcher Typ Online-Aktivist bist du? […]

6 05 2012
Demokratie 2.0: Visionen einer offenen Regierung « Ulla Ebner

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