Occupy Acker: Die Landbesetzer von Jedlersdorf

25 04 2012

SENDUNG: Moment – Leben heute, Montag, 30. April 2012,
14:40 Uhr, Ö1

Sie sind gekommen, um zu gärtnern: Am 17. April, dem Internationalen Tag des kleinbäuerlichen Widerstands besetzen rund 100 Aktivisten und Aktivistinnen ein Grundstück in Jedlersdorf, im 21. Wiener Gemeindebezirk. Das Gerücht ging um: Die BOKU wolle das von ihr gepachtete Grundstück an den eigentlichen Besitzer, die Bundesimmobilien Gesellschaft (BIG) zurückgeben. Und die BIG wiederum wolle das Ganze in Baugrund umwandeln, hieß es. Das wollten die Besetzer unbedingt verhindern. Wenn es nach ihnen geht, soll das Land nicht mit Wohnungen bebaut werden, sondern mit Biogemüse. Sie möchten auf dem Areal ein Projekt der Solidarischen Landwirtschaft (SoliLa) aufziehen. Doch die BOKU ist weniger begeistert. Sie lässt das Grundstück am Donnerstag, 26. April gewaltsam räumen. Private Securities zerstören Gerätschaften und Pflanzen.

Traktor überfährt Großstadgemüse

Wut und Tränen am vergangenen Donnerstag. Ausgesperrte Aktivistinnen müssen zusehen, wie ihre geliebten Pflanzen vom Traktor niedergewalzt werden. Doch geräumt wird nicht nur die eigentliche Landbesetzung. Auch die Felder und Hütten des Vereins Großstadtgemüse fallen der Zerstörungswut der Security-Mitarbeiter zum Opfer. Dabei war das Projekt Großstadtgemüse ursprünglich von der Boku selbst zu Forschungszwecken gestartet worden. Seit Jahren bauen hier Studenten und Anrainer Biogemüse an. Sie wussten nichts von der Räumung. „Mit Motorsägen haben sie angefangen eine Holzhütte zu zersägen“, erzählt ein Landbesetzer, „da haben wir versucht, die Pflanzen vom Großstadtgemüse zu beschützen.“

Die Universität für Bodenkultur hatte die Besetzung zunächst geduldet. Boku-Mitarbeiter waren auch am 17. April vor Ort, um die Lage zu beobachten. Es hatte Gespräche gegeben mit den SoliLa-Aktivisten. Auch lokale Bezirkspolitiker hatten dem Jedlersdorfer Acker ihren Besuch abgestattet. An die 1.000 Bürger und Bürgerinnen haben eine Unterstützungserklärung für die Jedlersdorfer Gemüsekinder unterschrieben. Woher der plötzliche Sinneswandel der Universtität?

Die Stadt gehört uns
„Der erste Grund war die Sicherheit“, erklärt Michaela Klemens, Boku-Sprecherin. Denn die Boku übernimmt als Mieter die Haftung, falls irgendetwas passiert: „Sei es, dass ein Kleinkind in einen Brunnen fällt oder dass Wasser kontaminiert wird.“ Als zweiten Grund nennt die Boku, dass sie das Gebiet künftig selbst wieder zu Forschungszwecken verwenden möchte. Interessanter Zufall. Denn in den vergangenen Jahren lag das Land großteils brach. Das Gerücht ging um, die Universität wolle das Grundstück zurückgeben an den Eigentümer: Die Bundes-Immobilien Gesellschaft (BIG). Und die wiederum wolle das Gelände zubauen, mit Wohnungen oder gar einem Einkaufszentrum.

Alles falscher Alarm, sagt Boku-Sprecherin Michaela Klemens. Der Garten soll gar nicht zubetoniert werden. Die Boku hat einen aufrechten Pachtvertrag mit einjähriger Kündigungsfrist und derzeit sei eine Rückgabe nicht spruchreif. Die BIG bestätigt: Es habe lose Gespräche gegeben, aber keine Entscheidung zur Rückgabe. Auch eine Umwidmung zu Bauland sei derzeit nicht im Gange.

Für die Gemüse-Aktivisten ist die gewaltsame Räumung ein schwerer Rückschlag. Aber keinesfalls das Ende ihrer Pläne für eine Solidarische Landwirtschaft, betonen sie. Vielmehr der Anfang einer Bewegung. Sie wollen jetzt mit der Boku weiterverhandeln. Oder sich notfalls ein anderes Grundstück suchen. „Es geht um eine andere Stadt. Die Stadt gehört uns und dafür müssen wir uns einsetzen. Das war der Beginn einer Geschichte und da werden wir dran bleiben“, ließen sie am Tag nach der Räumung verlautbaren. Doch, wie genau sieht die Vision der Gemüse-Aktivisten aus?

Vegetable Power
Drehen wir die Zeit zurück: Zwei Tage vor der Räumung war die Welt in Jedlersdorf noch in Ordnung. „Willkommen bei SoliLa“ steht am Eingang. Neben den Feldern ist ein kleines Zeltlager errichtet, im besetzten Gewächshaus gibt es eine gemütliche Sitzecke, ein Selbstbedienungscafé und einen Kost-Nix-Laden. Die Arbeitsgruppe „Nachbarschaft“ lädt die Anrainer zu Kaffee und Kuchen, die Arbeitsgruppe „Infrastruktur“ macht sich Gedanken über eine Solardusche. Resistance ist fertile“ – also: Widerstand ist fruchtbar – steht in pink-farbenen Buchstaben auf der neu errichteten Kompost Toilette. Im Küchenzelt wird Topinambur mit Brennesselspinat gekocht.

Es ist eine bunte Mischung an Menschen, die hierher kommen: Studierende der Boku und anderer Universitäten, Gärtnerinnen, Aktivisten von sozialen Bewegungen. Auch Irmgard Starke besucht fast täglich die SoliLa-Besetzung. Sie hat hier seit etwa zwei Jahren ihr kleines Feld im Rahmen des Projekts Großstadtgemüse.

Irmgard Starke ist 86 und Umweltaktivistin seit über 30 Jahren. Sie hat gegen die Verbauung von Grünflächen in Wien gekämpft, in der Hainburger Au demonstriert und bereits ein paar Stunden in einer Zelle der Bundespolizei Wien zugebracht, weil sie Bäume vor der Salzstreuung retten wollte. Irmgard Starke freut sich über die jungen Leute, die hier so engagiert eine städtische Biolanwirtschaft betreiben wollen. Ihr Vorbild ist die britische Kleinstadt Todmorgen. Dort haben Bürger begonnen, die öffentlichen Grünflächen zu bebauen. So etwas wünscht sie sich auch für Wien.

Reclaim the fields
Guerilla-Gärtner nennt man Menschen, die ganz einfach irgendwo auf öffentlichen Grünflächen Nahrungsmittel anpflanzen. „Reclaim the fields“ lautet ihr Slogan, also: erobert die Felder zurück. Es ist eine junge Bewegung, die sich mit der Produktion von Nahrungsmitteln – insbesondere in Städten – beschäftigt: Ihre Anhänger wollen unabhängig werden von riesigen Agrokonzernen, von Gentechnik, Pestiziden und Supermarktketten.

„Für mich ist es ein schöner Gedanke, die Sachen, die ich zum Leben brauche, selbst anzubauen und wachsen zu sehen. Das hat meine Beziehung zu Nahrungsmitteln verändert“, erzählt Landbesetzerin Iris Ingwer. Das ist ihr „Gemüsename“, den sie im Rahmen eines Theaterworkshops hier in Jedlersdorf bekommen hat. Ihren richtigen Namen möchte sie lieber nicht verraten. Einige Reclaim-the fields-Aktivisten bezeichnen sich bewusst als „Landlose“. Der Begriff kommt eigentlich aus Lateinamerika. Arme Landarbeiter, die keinen eigenen Grund und Boden haben, besetzen dort brachliegende Grundstücke, um etwas anzubauen.

Tomaten ohne Preisschild
Tiefrote Biotomaten mit Eigengeschmack, frischgepresster Fruchtsaft und Vollkornbrot vom Slow Food Bäcker – Das sollte kein Privileg von betuchten Bildungsbürgern sein, die für teures Geld im Feinkostladen einkaufen. Die Vertreter der Solidarischen Landwirtschaft fordern: Gesundes Essen für alle. Produzenten und Konsumenten sollen eine solidarische Gemeinschaft bilden. Die einen bauen gemeinsam an, die anderen organisieren sich zu sogenannten Food-Coops. Also: Verbraucher-Kooperativen.

„Jeder gibt soviel er kann und jeder nimmt soviel er braucht“, erklärt Franziskus Forster von AgrarATTAC das Grundbesitz. Auch er war vom ersten Tag an bei der SoliLa-Besetzung in Jedlersdorf dabei. Jedes Mitglied der Verbraucher-Kooperative zahlt eine freiwillige Summe in einen Topf. Wer mehr hat, soll auch mehr geben. Dafür erhält jeder wöchentlich so viel Gemüse, wie er eben benötigt. „Bezahlt wird nicht für die einzelne Tomate“, sagt Franziskus, „stattdessen wird gemeinsam dafür gesorgt, dass die Produktion finanzierbar ist.“

Sozialutopien im Praxistest
Was klingt wie Utopie, hat sich in der Praxis schon viele Male bewährt. Allein in Wien gibt es mittlerweile fünf Food-Coops, sagt Forster. Mit diesen hat sich SoliLa auch bereits vernetzt. Beispiele für Solidarische Landwirtwschaftsprojekte finden sich auf der ganzen Welt: In Japan entstanden seit den 1960ern die sogenannten Teikeis – lokale Non-Profit-Gemeinschaften von Konsumenten und Biobauern. In den USA gibt es etwa 1.500 sogenannte Community-Supported Agriculture-Projekte. Von dort kam die Idee nach Europa. Eine kleine Auswahl solcher Projekte kann der Bildungsbürger derzeit im Wiener Architekturzentrum im Rahmen der Ausstellung „Handso-On Urbanism“ bestaunen.

Wichtig bei der Solidarischen Landwirtschaft ist auch der Umweltaspekt, sagt Franziskus Forster. Und umweltfreundlich bedeutet natürlich: kurze Transportwege. Von „post-fossilistischer Distribution“ ist Rede. Das heißt im Klartext: Die Waren werden mit Lastenfahrrädern zu den Verbrauchern transportiert. „Gerade in Zeiten von Peak Oil ist es eine wichtige Frage: Wie kann man Landwirtschaft jenseits von Öl betreiben?“, fragt sich Franziskus. Schließlich basiert das derzeitige Landwirtschaftsmodell ganz massiv auf Erdöl.

Wie man eine solidarische urbane Landwirtschaft in einer Stadt wie Wien aufbauen kann, das würden die Jedlersdorfer Gemüsekinder gerne in der Praxis ausprobieren. Ideen und Lastenräder sind vorhanden. Jetzt brauchen sie nur noch das geeignete Stück Land dafür.

LINKS:

SoliLa Jedlersdorf

Unterstützungserklärung für SoliLa

Foodcoops in Wien:

Bioparadeis

D‘ Speis

Möhrengasse

Ähnliche Themen:

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Bei den Landbesetzern von Alagoinhas

Buchbesprechung: Ernährungssouveränität

Der Zwangsräumung fielen nicht nur die eigentlichen LandbesetzerInnen zum Opfer, sondern auch die Mitglieder des Projekts „Großstadtgemüse“. Sie bebauen hier seit etwa zwei Jahren ihre eigenen Parzellen – mit Einverständnis der BOKU. Auch ihre Felder wurden im Endeffekt vom Traktor niedergemacht. AktivistInnen haben die Räumung gefilmt:

Donnerstag, 26. April: Nach der Räumung

Noch steht das selbst gebaute Kompost-Klo mit der Aufschrift „Resistance is fertile“. Aber nicht mehr lange. Der Traktor fährt über die Felder von BesetzerInnen und anderen KleingärtnerInnen. Draußen verhandeln BesetzerInnen, um ihre letzten überlebenden Pflänzchen retten zu dürfen. Vergeblich. Sie dürfen nicht mehr rein.

Vor zwei Tagen noch gab es hier das Selbstbedienungs-Café, den Kost-Nix-Laden und einen Schlafraum.

Küchenzelt weggerissen. Gemüsebeete auch.

Dienstag, 24. April 2012: Als die SoliLa-Welt noch in Ordnung war…


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4 responses

7 07 2012
SoliLa!

[…] Radio zum Nachlesen auf dem Blog von Ulla Ebner, zum Ö1 Beitrag vom 30. April 2012: https://ullaebner.wordpress.com/2012/04/25/occupy-acker-bei-den-landbesetzern-von-jedlersdorf/ […]

1 05 2012
Land schafft « green life online

[…] >> Radiobeitrag von Ö1 “occupy Acker” […]

30 04 2012
30 04 2012
sunnyromy

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